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Kindererziehung und Ökonomie : Wieder aufstehen!

Nur nicht aufgeben: Irgendwann klappt es mit dem Laufen. Bild: Picture Press/Sabine Dürichen

Eltern wollen ihre Kinder vor Unheil bewahren. Aber auch die Kleinsten sollten ab und zu auf die Nase fallen dürfen. Ökonomen beschäftigt die Frage danach, was Kinder erfolgreich macht, ebenfalls immer wieder.

          Nur aus Fehlern wird man klug. Das sollen Kinder lernen, noch bevor sie lesen können. Märchen und Vorlesebücher sind voll davon, wie minderjährige Protagonisten, Hänsel und Gretel zum Beispiel oder kleine Eisbären und Drachen, schwere Rückschläge auf ihrem Weg durch ihr gemeinhin wohlsortiertes Kinderleben erleiden müssen. Ihre Fehler stürzen sie für kurze Zeit ins Chaos. Mit eigener Kraft und manchmal auch der helfenden Hand eines Erwachsenen kommen sie durch die Krise und reüssieren am Ende doch. Kindermärchen gehen vielfach gut aus und haben vor allem eine Botschaft: Bloß nicht aufgeben! Kann man das mit Drachen oder Hänsel und Gretel lernen?

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Risiken kindlichen Scheiterns steigen mit fortschreitendem Alter und dem Zuwachs an Selbstverantwortlichkeit. Für ein Kind, das laufen lernen will, wird das beständige Umfallen keinesfalls als Rückschlag verarbeitet. Es gehört einfach dazu. „Fehlschläge, die als solche von den Kindern auch empfunden werden, beginnen eigentlich erst auf dem Weg zur mittleren Kindheit“, sagt Natascha Naujok, Professorin für Kindheitspädagogik an der Evangelischen Hochschule Berlin.

          Dabei markiere der Eintritt in die Schule in der Regel die Schwelle hin zum Beginn einer Phase, in der Leistung eine über die Jahre zunehmend größere Rolle spiele. Das heißt: Hier kann man immer wieder scheitern - an den Erwartungen von Lehrern und Eltern und im Zusammenspiel mit anderen Kindern. „Dieses Leistungsprinzip wirkt bis in die Freizeit hinein“, sagt Naujok. „Dort sind die Erwartungen an die Kinder oftmals nicht weniger groß.“ Ob das gut oder schlecht ist, sagt sie nicht. Es ist eine Feststellung.

          Die aber hat Konsequenzen: Der Umgang mit Fehlschlägen will geübt sein, sonst kommt das Kind später nicht durchs Leben. Eine Plattitüde deshalb der Spruch, dass schon Kinder Fehlschläge brauchen, um zu lernen. „Wichtig ist dabei allerdings, dass Kinder in ihrem Leben auch mal das Glück haben müssen, im richtigen Augenblick einen Erfolg zu erzielen“, sagt die Pädagogin. Dabei ist dieser Erfolgsmoment zeitlich nicht bestimmbar und für jedes Kind verschieden. Manchmal ist er für die Seelenlage des Kindes besonders wichtig, manchmal weniger. Deshalb gehört eben auch ein wenig Glück des Timings dazu, um nach Rückschlag und neuer Anstrengung in bestimmten Augenblicken erfolgreich und stark aus dieser Erfahrung hervorzugehen.

          Umgang mit Fehlschlägen

          Schwierig wird es vor allem für zwei Randgruppen: Es gibt Kinder, die viele Fehlschläge ertragen müssen und in einem Umfeld aufwachsen, das sie dafür erniedrigt. Das kann durch Eltern, Lehrer, Mitschüler oder auch vermeintliche Freunde geschehen, die etwa bei schlechten Noten oder Ungeschicklichkeiten wütend werden oder Hohn und Spott vergießen. Ungefährlich ist das nicht. Es kann zu Mutlosigkeit führen. Das Selbstbild leidet mitunter bis zur Selbstaufgabe.

          Die andere Gruppe besteht aus Kindern, die den Umgang mit Fehlschlägen gar nicht erst lernen, weil ihr Umfeld alles daransetzt, sie davor zu bewahren. Meist schützen die Eltern sie - aus Empathie. Wer kann schon mit ansehen, wenn sein Kind leidet? Und wer würde ihm nicht nach Kräften helfen, sein Versagen wieder auszubügeln? Oft sind es die Eltern, die ihre Kinder zum Beispiel bei den Lehrern entschuldigen. Verständlich ist das - aber für den Nachwuchs nicht wirklich lehrreich.

          Auch Ökonomen hat die Frage danach, was Kinder erfolgreich macht, immer wieder beschäftigt. Der Nobelpreisträger James Heckman widmet sich seit Jahren diesem Thema, das für eine Volkswirtschaft erhebliche Relevanz besitzt. Er fordert inzwischen ein ganz neues Denken. Der „kognitiven Hypothese“, nach der Wissen, Kommunikationsfähigkeiten und Abstraktionsvermögen den Lebenserfolg bestimmen, setzt er etwas anderes entgegen: die „Charakterhypothese“.

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