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Bankgebühren : Senioren sollen für die Negativzinsen zahlen

Soweit wie in Spanien 2012 als Rentner gegen die Schließung von Bankfilialen protestierten, wird es hoffentlich nicht kommen. In Deutschland könnten aber Senioren für den Negativzins der Banken aufkommen. Bild: dapd

Immer mehr Banken verlangen Gebühren für Überweisungen auf Papier. Das trifft Leute, die kein Online-Banking machen - das sind zum Beispiel viele Ältere.

          Lange hatte die Commerzbank ein Geheimnis darum gemacht, wie sie bei ihrem kostenlosen Girokonto auf die neue Zinswelt mit negativen Einlagenzinsen für Banken reagieren will. Mitte März noch sagte ein Sprecher, beim kostenlosen Girokonto seien keine Änderungen geplant. Eine Woche später gab es dann Andeutungen, dass alle Sparkassen und Banken auf das niedrige Zinsniveau und steigende Kosten „reagieren“ müssten. Deshalb schaue sich auch die Commerzbank die Gebühren an - aber man werde „keine unüberlegte Veränderung“ vornehmen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Seit vergangener Woche nun ist es offiziell: Zum 1. Juni führt die Commerzbank beim kostenlosen Girokonto Gebühren für sogenannte beleghafte Überweisungen ein - also Überweisungen, die auf Papier abgegeben werden. Sie kosten künftig 1,50 Euro pro Stück. Wenn man dem als Commerzbank-Kunde entgehen will, muss man auf beleghafte Überweisungen verzichten, zu einem Girokonto mit monatlicher Grundgebühr wechseln - oder sich eine andere Bank suchen.

          Die Commerzbank ist kein Einzelfall: Immer mehr Banken verlangen eine solche Gebühr. „Da das Zinsniveau schon lange sehr niedrig ist, erhöhen mittlerweile zahlreiche Banken die Gebühren für Girokonten“, heißt es beim Internetvergleichsportal Verivox. Einen Teil der Kosten, die in den Banken jetzt durch die negativen Zinsen der Europäischen Zentralbank entstehen, müssen offenbar alle tragen, die kein Online-Banking betreiben. Kunden also, die Überweisungen auf Papier ausfüllen und zur Bank bringen oder schicken. Heikel daran:

          Vor allem Senioren machen kein Online-Banking

          Der Anteil von Leuten, die kein Online-Banking machen, ist gerade unter Senioren besonders hoch. Das hat im vergangenen Jahr die Postbank, als sie eine Gebühr von 99 Cent je beleghafter Überweisung einführte, zu einem ungewöhnlichen Schritt bewogen: Senioren über 60 Jahre sollten davon ausgenommen sein. Sie können sich auf Antrag von diese Gebühr befreien lassen. „Eine Entscheidung haben wir immer erst nach einer individuellen Prüfung getroffen“, berichtet die Postbank. Bei der Commerzbank hieß es auf Anfrage, eine solche Regelung werde es bei ihr nicht geben.

          Nun sind Senioren heute, was Computer, Internet und Handy betrifft, alles andere als auf den Kopf gefallen. Trotzdem ist die Zurückhaltung gegenüber Online-Banking bei ihnen zumindest im Durchschnitt größer als bei jüngeren Leuten, auch wenn es viele Ausnahmen gibt.

          Eine Befragung des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB) ergab jedenfalls, dass unter den Senioren (60 Jahre und älter) immerhin 67 Prozent kein Online-Banking betreiben, während in den anderen Altersklassen die Mehrheit längst online dabei ist. Ein Teil der älteren Menschen nutzt offenbar zumindest die Selbstbedienungsterminals in den Bankfilialen zum Überweisen. Ob das dort künftig auch Geld kostet, ist je nach Bank unterschiedlich. Die Commerzbank jedenfalls versicherte, dies bleibe bei ihr kostenlos, und man helfe, wenn gewünscht, Senioren auch gern bei der Bedienung der Terminals.

          Insgesamt sind die beleghaften Überweisungen nach Angaben des Bankenverbands seit Jahren rückläufig und machen jetzt noch etwas mehr als ein Zehntel aller Überweisungen aus. Im Jahr 2010 gab es noch 940 Millionen beleghafte Überweisungen, 2014 nur noch 747 Millionen - ein Rückgang also um gut 20 Prozent. Im Vergleich dazu betrug die Zahl der beleglosen Überweisungen (online oder am Selbstbedienungsterminal) im Jahr 2010 rund 4,9 Milliarden, im Jahr 2014 dagegen knapp 5,2 Milliarden - ein Anstieg also um gut sechs Prozent.

          Seit der Iban sind Papierüberweisungen noch umständlicher geworden

          Seit man bei Überweisungen die langen neuen Iban-Nummern verwenden muss, sind Papierüberweisungen noch umständlicher geworden. Online werden Zahlendreher schließlich sofort angezeigt. Füllt man hingegen eine Papierüberweisung falsch aus, merkt man das unter Umständen erst zu spät. Von jetzt reihenweise falsch ausgefüllten Überweisungsträgern hat man allerdings zumindest beim Bankenverband bislang nichts vernommen.

          Besonders engagiert beim Thema „Beleghafte Überweisungen“ ist die Schutzgemeinschaft für Bankkunden im fränkischen Büchenbach. Sie hatte vor dem Landgericht Köln sogar gegen die Gebühr der Postbank von 99 Cent geklagt. Mit dem Argument, eine Bank dürfe für solche Leistungen zwar eine Gebühr nehmen, diese müsse aber angemessen sein. Weil aber auch beleghafte Überweisungen heute eingescannt würden, seien 99 Cent je Überweisung einfach zu viel, meinte die Schutzgemeinschaft.

          Das Gericht folgte dieser Argumentation aber nicht, und so zog der Anwalt noch in der mündlichen Verhandlung den Antrag zurück - in der Hoffnung, vielleicht vor einem anderen Gericht mit dem Thema erfolgreicher zu sein. Jörg Schädtler, der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft, schätzt, dass mehr als die Hälfte der beleghaften Überweisungen heutzutage zumindest auf die über Fünfzigjährigen entfielen. „Die Einschätzung der Postbank bei ihrer Einführung eines Entgeltes bestätigt, dass vorrangig ältere Kunden die beleghafte Auftragserteilung nutzen“, sagt auch Christian Urban von der Verbraucherzentrale NRW.

          Hierzu zählten sicher aber auch Kunden, die der digitalen Welt kritisch gegenüberstehen. „Auch Kunden der Commerzbank können sich an ihre Bank wenden und sie bitten, auf das Entgelt zu verzichten“, meint Urban. „Auch ein Widerspruch gegen die AGB-Änderung, eine solche ist die Einführung eines neuen Entgeltes, ist möglich. Allerdings kündigt die Commerzbank dann womöglich das Konto.“

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