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Denkfehler, die uns Geld kosten (45) : Weniger schenken ist mehr

Bild: Getty Images/Imagezoo

Weihnachten wollen wir uns eine Freude machen: Das aber gelingt nicht immer. Verhaltensökonomen wissen Rat.

          Ach, die Geschenke. Jedes Jahr aufs Neue sorgen sich die Deutschen, ob ihre liebevoll ausgewählten Präsente den Beschenkten auch gefallen. Die Elektromarkt-Kette Media Markt hat die Sorge im vergangenen Jahr gleich für ihre Werbung genutzt und den Slogan erfunden: „Weihnachten wird unterm Baum entschieden.“ Das mag übertrieben sein, sicher ist jedoch eines: Ein wenig Enttäuschung kann am Weihnachtsbaum schon entstehen.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das wäre nicht mal ungewöhnlich. Schließlich ist unter Ökonomen schon seit Jahren bekannt, dass Weihnachten zu einer der größten Geldverschwendungen des Jahres veranlasst. Schon im Jahr 1993 verglich der amerikanische Ökonom Joel Waldfogel den Ladenpreis der Weihnachtsgeschenke mit dem Wert, den die Beschenkten ihren Gaben beimaßen. Und stellte fest, dass der Preis deutlich höher ist als der Wert - obwohl beim Schenken die Freude über die nette Geste den Wert ja noch erhöht. Doch das alles kann das alte Problem aller Präsente nicht ausgleichen: Die meisten Schenker wissen einfach nicht, was die Beschenkten tatsächlich haben wollen.

          Weihnachtsgeschenke: Preis 440 Dollar, Wert: 313 Dollar

          Waldfogels Studenten hatten damals Weihnachtsgeschenke für rund 440 Dollar pro Person bekommen - tatsächlich wären ihnen die Sachen aber nur 313 Dollar wert gewesen. Rund ein Viertel des Geldes wird also vergebens ausgegeben. Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch Umfragen in Deutschland, zum Beispiel an der Universität Bochum. Selbst wenn die Leute nur ihre drei einprägsamsten Geschenke betrachteten, blieb ein durchschnittlicher Verlust von mehr als zehn Prozent.

          Besser werden die Geschenke vor allem in drei Fällen, die jeder kennt und meistens als besonders persönliche Geschenke lobt.

          Drei Arten von guten Geschenken

          Erstens: Wenn viel Zeit in einem Geschenk steckt, wenn man also zum Beispiel Selbstgebasteltes verschenkt, dann wächst die Freude über die Geste enorm.

          Zweitens: Wenn der Geber die Wünsche des Beschenkten sehr genau trifft, ist die Freude ebenfalls groß.

          Oder drittens: Wenn der Empfänger einen Wunsch erfüllt bekommt, der ihm selbst bislang noch gar nicht bewusst war. Dazu muss meistens der Geber besonders viel wissen. Wenn zum Beispiel ein Literaturkenner einem guten Freund ein Buch aussucht, auf das der selbst nie gekommen wäre. Oder ein Musikkenner eine CD.

          Leicht ist das Schenken nicht

          Trotzdem zeigt dies alles schon: Leicht ist das Schenken nicht. Menschen sind ziemlich anspruchsvoll, wenn sie ein Geschenk bekommen. Knallhart bewerten sie, ob ihnen das Geschenk gefällt (und lassen sich, wenn es ihnen nicht gefällt, allenfalls von der Geste freundlich stimmen). Und wenn das Geschenk nicht ganz den Geschmack trifft, ist die Freude schon wieder kleiner. Das alte Sprichwort „Einem geschenkten Gaul guckt man nicht ins Maul“ ist vielleicht nur deshalb entstanden, weil es nötig war, damit es sich enttäuschte Beschenkte selbst vorbeten können. Denn die Enttäuschung kommt schnell. Und manchmal ziemlich unerwartet.

          Wer würde zum Beispiel damit rechnen, dass ein zusätzliches Geschenk die Freude verringern kann? Tatsächlich ist das gar nicht so unwahrscheinlich.

          Wie ein zusätzliches Geschenk die Freude verringert

          Wer es zum Beispiel gut meint und zum großen Heimkino-System noch ein paar Süßigkeiten dazulegt, hat ganz schnell einen Fauxpas begangen. Diese Falle nennt ein Team amerikanischer Psychologen um Kimberlee Weaver „Schenker-Paradox“: Eine zusätzliche Kleinigkeit kann die Freude über das gesamte Geschenk deutlich verringern.

          Getestet haben das die Psychologen mit einem iPod. Der iPod selbst wäre Amerikanern in einer Umfrage rund 240 Dollar wert gewesen. Wenn es den iPod aber nicht allein gab, sondern noch ein Musikdownload dazukam, schrumpfte der Wert für die Beschenkten auf rund 175 Dollar.

          Zum Glück sind die Schenker tolerant

          Ähnlich reagierten die Menschen übrigens im Fall von Hotelwerbung: Die Hoteliers sollten darin nur die besten Ausstattungsdetails ihrer Zimmer angeben, denn der Hinweis auf weitere Ausstattungsgegenstände entwertet die Zimmer eher. Selbst für juristische Plädoyers gilt laut den Ergebnissen der Forscher der Ratschlag, dass man auf die schwächeren Argumente lieber verzichten sollte.

          Weil das Schenken so schwierig ist, liegen Enttäuschungen also wirklich nahe. Vermutlich käme es ständig zum Streit - wenn nicht die Leute, die etwas verschenken, in vielen Fällen so tolerant wären. Ihnen kommt es meistens tatsächlich nur darauf an, möglichst viel Freude zu machen.

          Darf man Geschenke weitergeben?

          Das zeigt sich an der Frage, ob man unbeliebte Geschenke weiterverschenken darf. Da gehen die Meinungen weit auseinander, und zwar oft im selben Kopf. Wer ein Geschenk bekommen hat, hält es typischerweise für ziemlich unhöflich, ebenjenes weiterzuverschenken. Beim Empfänger einer hässlichen Sammeltasse beispielsweise bleibt das Gefühl, der Schenker habe noch ein gewisses Anrecht auf diese Tasse - und wenn’s blöd läuft, stellt der Empfänger künftig vor jedem Besuch ebenjene Sammeltasse prominent in den Schrank.

          Dabei sind die Menschen gar nicht so, zumindest nicht, wenn sie selbst etwas verschenken. Dann haben sie gar nicht so viel dagegen, dass die Empfänger das Geschenk weitergeben. In einer Umfrage der Londoner Forscherin Gabrielle Adams mussten die Schenker auf einer Skala von 1 bis 5 Punkten angeben, wie beleidigt sie in so einem Fall wären. Im Durchschnitt blieben sie noch unter einem Wert von zwei Punkten. Die Empfänger dagegen schätzten die Beleidigung auf einen Wert von fast drei Punkten.

          Deshalb schlagen Gabrielle Adams und ihre Kollegen eine neue Idee vor: den sogenannten „Weiterschenk-Tag“, an dem jeder dazu aufgerufen wird, seine ungeliebten Geschenke weiterzugeben. In den Vereinigten Staaten hat sich sogar eine Initiative gebildet, die so einen Tag propagiert (gegründet von einer gemeinnützigen Finanzberatungsgesellschaft).

          Zum jährlichen „Weiterverschenk-Tag“ hat diese Initiative inzwischen den dritten Donnerstag im Dezember ausgerufen. Warum ausgerechnet den? Weil an jenem Tag offenbar in besonders vielen amerikanischen Betrieben Weihnachtsfeiern angesetzt werden. Und die Initiative hat in einer Umfrage festgestellt, dass bei betrieblichen Weihnachtsfeiern besonders viele alte Geschenke einen neuen Besitzer finden.

          Und wer das weiß, kapiert auch etwas anderes sehr schnell - warum der Brauch des Wichtelns in deutschen Unternehmen so beliebt ist.

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