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Denkfehler, die uns Geld kosten (34) : Auf die Verlierer kommt es an

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Im Zweiten Weltkrieg schickten die Engländer fast täglich Bomber über den Ärmelkanal - ein Unterfangen, von dem viele Piloten nicht zurückkehrten. Um die Überlebenschancen ihrer Piloten zu verbessern, beschlossen die englischen Ingenieure, ihre Maschinen besser zu panzern - aber an welchen Stellen?

          Die Ingenieure gingen pragmatisch vor: Sie untersuchten die von den Einsätzen zurückgekehrten Flieger: An den Stellen, an denen sie die meisten Einschusslöcher fanden, brachten sie zusätzliche Panzerung an. Unglücklicherweise steigerte die Extra-Panzerung die Überlebenswahrscheinlichkeit der Piloten nicht, weswegen die Ingenieure mutmaßten, dass die Flugzeuge durch die Panzerung zu schwer und damit schlecht manövrierbar wurden.

          Wer scheitert, der wird vergessen

          Dann kam der Mathematiker Abraham Wald und machte einen merkwürdigen Vorschlag: Er riet den Ingenieuren, die Flieger nicht dort zu panzern, wo viele Einschusslöcher waren, sondern dort, wo es keine Einschusslöcher gab. Sein Gedanke: Maschinen, die mit Einschusslöchern nach Hause zurückkehrten, hatten offenbar nur dort Einschüsse, wo diese kaum Schaden anrichteten. Die Flugzeuge hingegen, die an den Stellen getroffen wurden, an denen die Heimkehrer keine Einschusslöcher aufwiesen, kehrten nicht nach Hause zurück. Die Einschusslöcher bei den Heimkehrern befanden sich also an harmlosen Stellen und nicht dort, wo sie zum sofortigen Absturz des Flugzeugs führten. Der Irrtum der Ingenieure war so fatal, dass Statistiker ihm den Namen „Survivorship-Bias gaben - frei übersetzt: „Verzerrung zugunsten der Überlebenden“.

          Vereinfacht gesagt bedeutet diese Verzerrung, dass man nur die Überlebenden wahrnimmt, aber nicht diejenigen berücksichtigt, die gescheitert sind - weswegen man einen falschen Eindruck von der Überlebenswahrscheinlichkeit bekommt. Beispiele für diese Verzerrung gibt es viele: Menschen werden Schauspieler, Musiker, Schriftsteller oder Sportler, weil die Medien nur über die erfolgreichen Schauspieler, Musiker, Schriftsteller und Sportler berichten - dass hinter jedem Star wohl Hunderte von gescheiterten Möchtegern-Stars stehen, registriert man nicht und überschätzt dadurch grandios die Wahrscheinlichkeit, es selbst nach ganz oben zu schaffen.

          Verluste ausgemusterter Fonds tauchen nicht in den Daten auf

          Ein anderes Beispiel sind zahlreiche Beratungsbücher, die Strategien für den Berufserfolg verraten und deren Überlegenheit anhand von Beispielen dokumentieren. Das Problem an diesen Ratgebern: Sie verraten nichts darüber, in wie vielen Fällen die propagierten Strategien nicht funktioniert haben.

          Auch auf den Finanzmärkten findet sich der Survivorship-Bias, beispielsweise in der Fondsindustrie: Berechnet man die Wertentwicklung einer Fondsklasse oder der Produktpalette einer Fondsgesellschaft über mehrere Jahre und lässt man dabei die Verluste der Fonds außen vor, welche nicht überlebt haben, überschätzt man systematisch die Rendite. Die Verluste der ausgemusterten Fonds tauchen dann nicht mehr in den Daten auf. Das kann sich - je nach Methode und Datenbasis - rasch auf einen Renditeunterschied von 0,22 bis zu 1,57 Prozentpunkten pro Jahr summieren, die ein Portfolio besser abschneidet, weil die Verlierer vergessen wurden.

          Ein Aktienindex berücksichtigt immer nur die erfolgreichsten Aktien

          Einen ähnlichen Effekt sieht man, wenn man die Wertentwicklung von Neuemissionen über einen längeren Zeitraum betrachtet und diejenigen Unternehmen außen vor lässt, die pleitegegangen sind. Diese Praxis führt dazu, dass man die Wertentwicklung der Neuemissionen überschätzt, weil die insolventen Unternehmen die Statistik nicht mehr nach unten ziehen.

          Auch die Wertentwicklung eines Aktienindex leidet unter dieser Verzerrung, und zwar dadurch, dass Aktien, die wegen ihrer schlechten Wertentwicklung aus dem Index fallen, bei späteren Berechnungen nicht mehr einbezogen werden. Ein Aktienindex berücksichtigt immer nur die erfolgreichsten Aktien - das sind sozusagen all die Kampfflieger, die den Einsatz am Himmel überstanden haben.

          Wer auch nach den Gescheiterten fragt, kann seine Erfolgschancen besser einschätzen

          Wer also 1989 in den Dax in seiner damaligen Zusammensetzung investiert hat, sollte darum nicht überrascht sein, wenn er heute nicht die optimistische Rendite ausgezahlt bekommt, die sich aus der Rückrechnung eigentlich ergeben müsste. Woran das liegt, lässt sich am Beispiel des Dax-Gründungsmitglieds Deutsche Babcock AG verdeutlichen: Nachdem das Unternehmen 1995 aus dem Dax flog, notiert die Aktie der gesellschaftsrechtlichen Resthülle Babcock Borsig heute bei 0,01 Euro - dieser Absturz schlägt sich seit 1995 nicht mehr in der Wertentwicklung des Dax nieder. Die Verluste all jener Unternehmen, die heute nicht mehr im Dax sind, spiegeln sich also nicht mehr im Index wider.

          Unangenehm kann der Survivorship-Bias auch beim sogenannten Backtesting werden. Das ist eine Methode, um den Erfolg von Investmentstrategien zu testen: In einem ersten Schritt definiert man eine Strategie - beispielsweise, alle Aktien mit hohem Kurs-Gewinn-Verhältnis und geringen Kursschwankungen zu kaufen. Im zweiten Schritt fragt man, wie erfolgreich diese Strategie in der Vergangenheit gewesen wäre - indem man anhand historischer Kursdaten nachrechnet, wie viel man mit dieser Strategie verdient hätte, wenn man sie rückblickend angewandt hätte.

          Und genau hier schlägt der Survivorship-Bias wieder zu: In den historischen Daten fehlen alle Aktien, die vom Kurszettel gefegt wurden. Man testet seine Strategie also nur an den erfolgreichen Aktien. Das ist ungefähr so, als würde man den Erfolg einer Lehrmethode nur an guten Schülern testen und nicht auch an den Sitzenbleibern. Einmal erkannt, kann der Survivorship-Bias vor Fehlentscheidungen bewahren: Wer nicht nur nach erfolgreichen Vorbildern fragt, sondern auch die Gescheiterten betrachtet, kann die Erfolgschancen besser einschätzen. Auch von Verlierern kann man viel lernen - welche Strategien nicht funktionieren beispielsweise. Wer Erfolg haben will, fragt darum auch die Verlierer.

          Der Autor lehrt Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim.

          Der Survivorship-Bias

          Die Falle

          Wir achten zu sehr auf diejenigen, die es geschafft haben und zu wenig auf die Verlierer, die ausgeschieden sind.

          Die Gefahr

          Auf diese Weise erhalten wir einen falschen Eindruck von Chancen und Risiken. Wer bei Aktien nur die Rendite der Unternehmen berücksichtigt, die erfolgreich waren, erhält eine systematisch nach oben verzerrte Rendite. Denn die Verluste gescheiterter Firmen bleiben so außen vor.

          Die Abhilfe

          Immer nach den Verlierern fragen. Man muss gegenläufig denken, die Zahl derjenigen berücksichtigen, die es nicht geschafft haben - dies sagt oft mehr aus als die Zahl der Erfolgreichen.

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