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Denkfehler, die uns Geld kosten (30) : Die ansteckende Angst

Bild: Getty Images

Wenn die ersten Anleger ihre Aktien verkaufen, werden andere nervös. Und verkaufen auch. Denn sie vermuten, dass die Verkäufer schlechte Nachrichten haben.

          Mit den Gefühlen beim Geldanlegen ist das so eine Sache. Normalerweise sollte man meinen, Emotionen gehören nicht an die Börse. Der Wert einer Aktie bestimmt sich aus den erwarteten künftigen Erträgen eines Unternehmens - umgelegt auf alle Anteilseigner.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Eine höchst vernünftige Sache also, sollte man meinen. Dem steht allerdings die Empirie entgegen: Gerade Privatanleger kaufen immer genau dann besonders viel Aktien, wenn an der Börse Euphorie herrscht und die Kurse in die Höhe gehen. Sie verkaufen, wenn an der Börse Ernüchterung einkehrt und die Kurse abstürzen.

          Gefühle sind ansteckend

          Das ist ungünstig - weil sie so regelmäßig zu teuer kaufen und zu billig verkaufen. Das hängt mit einem Phänomen zusammen, das „Ansteckung“ genannt wird: Menschen lassen sich von den Gefühlen anderer mitreißen. Den Begriff der „Gefühlsansteckung“ hatte 1923 der Philosoph und Soziologe Max Scheler aufgebracht. Häufiger verwendet wird er seit 1994 als Übersetzung des englischen Buchtitels „Emotional Contagion“ der amerikanischen Psychologin Elaine Hatfield.

          Was ist damit gemeint? Die Psychologen gehen davon aus, dass es ein breites Spektrum von Wegen gibt, wie sich Gefühle von einem Menschen auf andere übertragen - unterschiedlich vor allem hinsichtlich der Frage, wie unmittelbar und unbeeinflussbar das geschieht. Hatfield hat das bei Kleinkindern untersucht: Bereits wenige Stunden alte Säuglinge imitieren Gesichtsausdrücke anderer Personen: „Wenn wir lächeln, lächelt das Kleinstkind zurück.“

          Von Gemeinschaftsgefühl bis Massenpanik

          Solche „Gefühlsansteckung“ gibt es Hatfield zufolge in anderer Form auch bei Menschen jedweden Lebensalters: Wenn man angelächelt wird, lächelt man oft zurück. Aber man imitiert nicht nur die Mimik. Auch die Stimmung ändert sich und wird positiver. Wenn einen dagegen jemand böse anguckt, kann es passieren, dass wir „finster sehen“ und uns schlechter fühlen. Diese „Gefühlsansteckung“ ist oft unwillkürlich und automatisch - in Abgrenzung zur Empathie, dem „Einfühlen“ in andere, das dabei die Grenze der Individualität wahrt. Hirnforscher haben sogar anhand von Untersuchungen mit Affen gezeigt, wie die „Gefühlsansteckung“ über sogenannte Spiegelneuronen im Gehirn funktionieren könnte. Das ist allerdings nicht unumstritten.

          Auch in der Massenpsychologie, in der etwa das Verhalten von Menschen im Stadion oder bei einem Konzert untersucht wird, kennen die Wissenschaftler die „Gefühlsansteckung“. Sowohl positive Gefühle können sich in der Masse verbreiten, etwa ein Gemeinschaftsgefühl bei einem tollen Konzert oder einem guten Fußballspiel. Als auch Panik, wenn es zum Beispiel brennt und Menschen sich ganz hysterisch und irrational verhalten.

          Auch an der Börse regiert der Herdentrieb

          Auch an der Börse gibt es offenkundig solche Momente der „Gefühlsansteckung“ - obwohl man dort unmittelbar mit den Leuten, von deren Gefühlen man sich anstecken lässt, oft gar keinen Kontakt hat. Früher, als alle Aktienhändler noch gemeinsam auf dem Börsenparkett standen und gestikulierten, konnte sich Panik noch durch die physische Anwesenheit vieler Börsenakteure verbreiten. Heute geschieht das indirekter - etwa über Medien oder über Kollegen und Freunde, mit denen Anleger reden und von deren Stimmung sie sich „anstecken“ lassen.

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