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Denkfehler, die uns Geld kosten (3) : Ein kluger Bauch ist der beste Anlageberater

Bild: Corbis

Kopf oder Bauch? Eigentlich kann man beides gar nicht so scharf voneinander unterscheiden. Gute Entscheidungen müssen sich am Ende auch gut anfühlen.

          Denken ist mühsam. Aber können wir uns einfach auf den Bauch verlassen? Wer für den Kopf plädiert, kann beruhigt die alten Philosophen lesen: „Ich denke, also bin ich“, sprach Descartes und glaubte, wahr könne nur das rational Erfassbare sein. Und Kant sagte, frei sei nur, wer seinem Verstand folge. In der Philosophie hatte das Bauchgefühl lange einen schweren Stand. Dann kam zwar irgendwann Sigmund Freud, der viel vom Unbewussten redete, aber das war auch nicht viel besser, denn er sah überall dunkle Triebe am Werk.

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In den vergangenen Jahren haben Neurobiologen und Psychologen in Experimenten gezeigt, dass das Bauchgefühl oft sehr gute Dienste leistet und zu langes Überlegen bisweilen auch schaden kann. Das passt zwar nicht zu dem, was uns Lehrer und Philosophen erzählt haben. Aber Kants aufklärerischem Dogma vom „Vernunft wagen“ hätte man getrost das „Bauchgefühl wagen“ hinzufügen sollen. Vernunft allein geht überhaupt gar nicht, selbst wenn wir uns bemühen. Das gilt auch bei der Geldanlage: Wir sammeln so viele Informationen wie möglich, wälzen Anlegermagazine und vergleichen Kennzahlen verschiedener Alternativen. Aber wann haben wir eigentlich genug Informationen gesammelt? Wann können wir mit gutem Gewissen die Suche beenden?

          Kurstabellen studieren ist gut: Aber kein Mensch kann jemals „vollständig informiert“ sein.

          Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass irgendwann Schluss sein muss mit den Recherchen, ansonsten fällt nie eine Entscheidung. Kein Mensch kann jemals „vollständig informiert“ sein. Stattdessen müssen und können wir uns auch auf unseren Bauch verlassen: Intuition ist gefühltes Wissen, das wir (noch) nicht in Worte fassen können. Sie ist dem bewussten Denken oft überlegen. Vieles ahnt man, bevor man es begründen kann. Unsere Sinne nehmen unentwegt Einzelinformationen auf, von denen nur wenige ins Bewusstsein gelangen. Vieles wird weggefiltert, ansonsten wäre der Verstand mit der schieren Masse schlichtweg überfordert. Erst wenn die Hintergrundinformationen wichtig genug werden, kommen sie zum Vorschein.

          Wenn es komplex wird, ist die Intuition deshalb eine wichtige Orientierungshilfe, um mit der Informationsflut fertig zu werden. Gerade wenn es brenzlig wird, entscheiden wir oft intuitiv. In der Praxis hilft sich der Mensch mit Daumenregeln – die Wissenschaftler sprechen von „Heuristik“. Die können zwar auch schief laufen (wie in dieser Serie noch ausführlich gezeigt wird), aber meistens funktionieren sie sehr gut.

          Das wissen Fußballer nur zu gut: Keiner von ihnen berechnet die Flugbahn des Balles mit Hilfe von Differentialgleichungen. Stürmer beobachten, rennen und köpfen einfach intuitiv. In ihrem Kopf wird sich schon einiges abspielen, aber bewusstes Denken hilft dabei nicht. Gute Fußballer spielen intuitiv. Aber es gilt auch: Die Intuition gelingt umso besser, je mehr man sie vorher trainiert hat.

          Ein kluger Bauch will geschult sein

          Und was bedeutet das jetzt für die Geldanlage? Die Komplexität des Themas Geldanlage überfordert viele Menschen. Die riesige Vielfalt der Möglichkeiten (Aktien, Anleihen, Fonds, Zertifikate, Sparbuch, etc.) empfinden sie als unüberschaubar. Sie resignieren. Dabei kann niemand alles bis ins Detail durchschauen. Dass soll nicht heißen, man brauche sich nicht ausführlich mit dem Thema Finanzen zu befassen. Der Rückgriff auf die Intuition ist zwar mühelos, das Bauchgefühl wird aber umso verlässlicher, je mehr man sich in der Vergangenheit mit einer Sache befasst hat. Denn die Intuition greift auf unsere bisherigen Erfahrungen zurück. Ein kluger Bauch will geschult sein. Geldanleger müssen mit den verschiedenen Anlageformen einigermaßen vertraut sein. Es schadet auch nicht, den Finanzteil der Zeitung zu lesen.

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