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Denkfehler, die uns Geld kosten (26) : Die Liebe zum eigenen Land

  • -Aktualisiert am

Bild: SIS/Doriano Solinas

Über Unternehmen in Deutschland wissen wir viel. Darum kaufen wir diese Aktien. Oft machen deren Anteil fast die Hälfte des eigenen Depots aus. Das ist gefährlich.

          Falls Sie Aktien oder Aktienfonds besitzen, überschlagen Sie einmal, wie hoch der Anteil deutscher Investments am Gesamtwert Ihres Depots ist. Vermutlich liegt er deutlich über 50 Prozent. Es wäre auch keineswegs erstaunlich, wenn Sie nur einzelne kleinere Positionen aus einem oder zwei anderen Ländern besäßen. Wenn das so ist, unterliegen auch Sie dem sogenannten Home Bias.

          Dieses Phänomen wurde zum ersten Mal von Kenneth French und James Poterba im Jahr 1991 in einer wissenschaftlichen Publikation diskutiert. Es beschreibt die bei Anlageentscheidungen von privaten wie institutionellen Investoren durchgängig zu beobachtende Bevorzugung von Aktien des eigenen Landes gegenüber ausländischen Papieren. So kaufen beispielsweise deutsche Anleger lieber deutsche Aktien als amerikanische - und umgekehrt sind bei amerikanischen Anlegern Aktien aus den Vereinigten Staaten deutlich beliebter als die deutschen.

          Was man nicht kennt, hält man für riskanter

          Mögen bei manchen Anlegern auch patriotische Motive den Ausschlag geben - ob nun aber die deutsche oder amerikanische Aktie die „bessere“ Wahl ist, sollte sich aus finanzieller Sicht zuallererst am Rendite-Risiko-Profil des Papiers bemessen und damit unabhängig von der Nationalität des Anlegers zu beantworten sein. Trotzdem ist überall auf der Welt eine ausgeprägte Portfolio-Konzentration auf heimische Anlageobjekte festzustellen.

          Hierfür lassen sich im Wesentlichen drei Gründe anführen. Erstens birgt eine Auslandsinvestition manches Mal zusätzliche Wechselkursrisiken, die bei einem Investment im heimischen Währungsraum nicht anfallen. Zweitens werden für Transaktionen an ausländischen Börsen oftmals höhere Gebühren fällig. Am wichtigsten erscheint jedoch der dritte Grund: Ausländische Anlageobjekte sind in der Regel weniger vertraut und werden somit mental in eine höhere Risikoklasse eingeordnet. Kennen Sie jemanden, der bei NTT Docomo arbeitet - immerhin das Unternehmen mit der zweithöchsten Marktkapitalisierung an der japanischen Börse? Wissen Sie, wie sich der russische Aktienmarkt seit Jahresbeginn unter dem Strich entwickelt hat? Wann haben Sie das letzte Mal einen Zeitungsartikel über die Entwicklung des amerikanischen Automobilmarkts gelesen?

          Vertrautes Umfeld

          Vergleichbare Informationen über Firmen und Märkte in Deutschland sind viel leichter zugänglich. Teilweise werden wir damit konfrontiert, ohne dass wir danach suchen müssten. Es fällt somit leichter, eine fundierte Erwartung über zukünftige wirtschaftliche Entwicklungen im eigenen, vertrauten Umfeld zu bilden und entsprechende Investitionsentscheidungen zu treffen.

          Ist der Home Bias also überhaupt ein relevantes Thema für einen Artikel in dieser Serie? Wenn alle Anleger kostengünstig und auf der Grundlage relativ umfassender und verlässlicher Informationen investieren, ist das zunächst einmal vorteilhaft. Im Hinblick auf die Portfoliodiversifikation ist der Home Bias jedoch durchaus problematisch. Der Diversifikationseffekt besagt, dass das Risiko eines Portfolios abnimmt, wenn zunehmend mehr Anlagen ins Portfolio gemischt werden, ohne dass es durch diese Risikoreduktion zu Einbußen bei der erwarteten Rendite kommt. Die Diversifikation fällt umso stärker aus, desto unterschiedlicher die zu mischenden Anlagen sind. Es ist nachvollziehbar, dass sich bei völlig synchron verlaufenden Wertpapieren, die also gleichzeitig steigen und fallen, kein Diversifikationseffekt ergibt. Die Diversifikation tritt insbesondere dann ein, wenn gegenläufige Anlagen gemischt werden.

          Liegen nur deutsche Aktien im Depot, ist die Streuung zu gering

          Und hier schließt sich der Kreis zum Home Bias. Es leuchtet ein und kann empirisch nachgewiesen werden, dass Einzeltitel nationaler Aktienmärkte einen stärkeren Gleichlauf aufweisen als Aktien verschiedener Länder. Eine Eintrübung des deutschen Konsumklimas trifft die Aktien von BMW und VW grundsätzlich in vergleichbarem Maße, während die Aktien von General Motors und Toyota hierauf in der Regel weniger stark reagieren. Ohne die Beimischung internationaler Aktien wird also Diversifikationspotential verschenkt.

          Als grobe Annäherung an ein möglichst breit diversifiziertes und somit risikoeffizientes Portfolio kann man sich ein über alle nationalen Aktienmärkte gestreutes Depot vorstellen. Die Gewichtung aller Einzeltitel eines Landes entspräche dabei dem Anteil des jeweiligen nationalen Marktes am globalen Aktienmarkt.

          Ideal-Portfolio enthält 3,5 Prozent deutsche Aktien

          In einer aktuellen Studie von Bruno Solnik und Luo Zuo (erschienen im Februar 2012 in „Management Science“) wird ein solches Portfolio quantifiziert. Der Anteil deutscher Aktien darin beträgt lediglich 3,5 Prozent, Gehalten werden Aktien aus 41 nationalen Märkten. Diesem „Ideal-Portfolio“ dürfte weltweit kaum ein reales Portfolio, sei es nun in privater oder professioneller Verwaltung, nahe kommen. Berücksichtigt man jedoch, dass der mögliche Diversifikationsgewinn aus der Hinzunahme von immer mehr Aktien sich durch die gleichzeitige Zunahme der damit verbundenen Kosten immer mehr verringert, so wird rasch klar, dass annähernd optimale Rendite-Risiko-Profile bei kluger Auswahl auch mit wesentlich weniger Aktien erzielt werden können. Die Vorteile einer internationalen Streuung dürfen dabei aber keineswegs unterschätzt werden.

          Vor dem Hintergrund der zunehmenden Integration der Finanzmärkte und der weltweiten Operationen vieler Konzerne bleibt es abzuwarten, welche Rolle der Home Bias in Zukunft für Investoren spielen wird. Fest steht: Die Globalisierung ist Fakt und sollte bei einer weitsichtigen Geldanlage höchste Beachtung erfahren.

          Lutz Johanning ist Professor an der „WHU - Otto Beisheim School of Management“, Maximilian Trossbach ist wissenschaftlicher Mitarbeiter.

          Home Bias

          Die Falle

          Durch regionale Nähe und direkteren Zugang zu Informationen wissen Anleger mehr über die Unternehmen im eigenen Land und haben das Gefühl, deren Aktien besser beurteilen zu können als die ausländischer Unternehmen. Je kompetenter man sich selbst einschätzt und je mehr man seinem eigenen Urteil vertraut, desto stärker neigt man dazu, den heimatlichen Standort zu bevorzugen, und dies unter Umständen selbst dann, wenn vorliegende Informationen zu Renditen und Risiken für ausländische Unternehmen sprechen.

          Die Gefahr

          Hierdurch bleibt eine wichtige Möglichkeit zur Risikodiversifikation ungenutzt, was zu einem suboptimalen Rendite-Risiko-Profil des Portfolios führt.

          Die Abhilfe

          Informieren Sie sich über Anlageprodukte auf internationale Indizes, über weltweite Marktführer in zukunftsträchtigen Branchen und aufstrebende Unternehmen aus anderen Weltregionen. Viele Aktien internationaler Konzerne sind auch an deutschen Börsenplätzen in Euro und ohne hohe Handelsgebühren zu kaufen.

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