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Denkfehler, die uns Geld kosten (25) : Im Dickicht der Informationen

Bild: Mathias Barth

Wer entscheiden muss, braucht Informationen. Aber zu viele davon können Menschen verwirren. Oft ist es sinnvoller, vorhandene Informationen gut auszuwerten als immer neue heranzuschaffen.

          Die Furcht vor einem Fehlkauf scheint uns Deutschen in die Wiege gelegt. Gut ist nur wenigen gut genug - und wer will schon Mittelmaß? Deshalb wälzen wir vor einem größeren Kauf tagelang Testberichte, suchen Alternativen, klicken uns durchs Internet und fragen Freunde. Bei einem Staubsauger mag das noch recht einfach sein, aber wie sieht es beim Hauskauf, bei der Lebensversicherung und bei der Geldanlage aus? „Informieren, informieren, informieren“, schallt es uns allenthalben entgegen: Nie war es so einfach wie heute! Nutze das!

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Unstrittig ist: Wer entscheidet, braucht eine solide Faktengrundlage. Allerdings sollten wir dabei nicht dem Irrtum erliegen, jede zusätzliche, neue Information sei so wertvoll, dass sich danach zu suchen lohnt. Verhaltensökonomen nennen das „Information bias“: Gemeint ist damit eine übertriebene Neigung zum Sammeln neuer Fakten, selbst dann, wenn sie irrelevant sind und uns die Auswertung der Daten gar nicht mehr gelingt oder nur dürftige Zusatzerkenntnis bringt, die unsere bisher mühsam erarbeitete Wissensessenz verwässert.

          Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht

          Der Denkfehler ist weit verbreitet: „Die Zahl derer, die durch zu viele Informationen nicht mehr informiert sind, wächst“, spottete der Journalist Rudolf Augstein schon vor vielen Jahren. Und der amerikanische Medienkritiker Neil Postman diagnostizierte schon Anfang der 90er Jahre, dass unsere Abwehrmechanismen gegen die Informationsschwemme zusammengebrochen seien: „Unser Immunsystem gegen Informationen funktioniert nicht mehr. Wir leiden unter einer Art von kulturellem Aids.“

          Seither hat sich die Lage verschärft. Das Internet bietet unendlich viele Möglichkeiten, schnell noch ein wenig weiter zu graben: E-Mails, Websites, Blogs, RSS-Feeds, Twitter und Facebook. Viele gute Informationen, aber allein der Masse wegen sind wir im Kampf gegen die Verstopfung auf gute Filter gegen die Datenflut angewiesen. Oft will alles durch - und nichts kommt an.

          Wert zusätzlicher Information wird überschätzt

          Die Versuchung ist allgegenwärtig: Der Hang zum Sammeln rührt daher, dass wir den Wert zusätzlicher - noch unbekannter - Information überschätzen und die Kosten und Mühen unterschätzen, uns diese Informationen zu beschaffen und uns zu erarbeiten. Klar, es gibt sinnvolle und wenig sinnvolle Informationen (“Info-Lärm“). Wenn wir es vorher wüssten, würden wir nur die guten sammeln. Dummerweise weiß man erst hinterher, ob es sich gelohnt hat. Wir müssen also unter Unsicherheit entscheiden, ob wir uns weiter mühen oder es wagen, auf neue Information bewusst zu verzichten.

          Selbst wenn das Weitersammeln sachlich korrekte Fakten an den Tag befördert, ist es nicht sicher, ob sie uns überhaupt weiterhelfen. Der Schriftsteller Jorge Louis Borges hat das beispielhaft am Fall von Landkarten illustriert: In einer Kurzgeschichte beschreibt er ein Land, in dem die Kunst der Kartographie eine solche Vollkommenheit erreicht, dass Landkarten immer detaillierter gezeichnet würden, irgendwann bildeten sie die Welt im Maßstab 1:1 ab. Solche Karten würden niemand mehr helfen, auch wenn sie mehr Informationen enthielten als alles vorher Dagewesene. Doch die Kraft liegt gerade in der Reduktion.

          Flucht vor wichtigen Entscheidungen und vor uns selbst

          Prasseln zu viele Informationen auf uns ein, greifen wir als Notmaßnahme unbewusst auf vereinfachende Faustregeln (Heuristiken) zurück, um mit der Flut überhaupt fertig zu werden. Sie kommen mit geringem Aufwand schnell zu einem oft halbwegs guten, aber nicht zwingend optimalen Ergebnis. Die Einschätzung wird oft etwas verzerrt: So werden neue, anschauliche und emotional gefärbte Informationen stärker gewichtet als trockene, abstrakte Daten.

          Das unablässige Suchen ist oft auch die Flucht davor, sich dem zu widmen, was wirklich wichtig ist - mit ungeteilter Aufmerksamkeit. Und manchmal scheint es der Versuch, Entscheidungen rauszuschieben, vor denen wir uns eigentlich lieber drücken wollen. Aus der Politik kennen wir das: Wenn es prekär wird und eine wichtige Entscheidung ansteht, wird ein Ausschuss oder ein Arbeitskreis gebildet. Dann werden neue Gutachten angefordert, auch wenn die Fakten längst auf dem Tisch liegen. Das Ergebnis sind Studien, die das wiedergeben, was wir ohnehin schon wissen - das aber auf mindestens 500 Seiten.

          Vieles kann man nicht wissen - und das ist nicht so schlimm

          Juristen wissen schon lange, wie zusätzliche, unsinnige Information verwirren kann. Und sie wissen die Desinformation strategisch zu nutzen: Auf einfache Anfragen der Gegenseite wird mit hundertseitigen Dossiers geantwortet. Dort mögen dann zwar die erfragten Informationen enthalten sein, doch sie werden in einem Wust von Irrelevanz versteckt. Auch Banken wissen das. Und sie helfen uns dann gerne - und wohl meist nicht ganz uneigennützig -, den Wust zu sortieren.

          Leider lässt sich nicht allgemeingültig sagen, wann der Punkt erreicht ist, besser mit dem Sammeln aufzuhören. Lohnt es sich noch, oder übertreibt man schon? Das hängt vom Ziel ab: Notfallärzte sind angehalten, am Unglücksort nur die allerwichtigsten Informationen zu sammeln und alles andere beiseitezuschieben, um sich voll auf die Lebensrettung zu konzentrieren. Später im Krankenhaus ist das anders. Hier haben ausführliche Fragen und Nachbohren ihren Platz. Jede Informationstiefe hat eben ihre Zeit.

          Ausloten muss jeder selbst - vielleicht hilft uns dabei das Gelassenheitsgebet: „Gott, gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Aber gib mir vor allem die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

          Information Bias

          Der Fehler

          Wir lassen uns von der leichten Verfügbarkeit von Informationen dazu verleiten, immer weitere neue Fakten zu recherchieren. Dabei nutzen wir schon vorhandene Informationen gar nicht mehr richtig aus.

          Die Wirkung

          Wir sammeln Informationen, ohne sie kognitiv richtig verarbeiten zu können. Und fühlen uns in der Informationsflut verloren.

          Die Abhilfe

          Schwierig! Man sollte sich beim Informieren über seine Ziele im Klaren sein. Oft genügt es, vorhandene Informationen richtig zu nutzen. Nicht die Menge, sondern die gute Analyse macht den Unterschied.

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