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Denkfehler, die uns Geld kosten (24) : Nicht immer gewinnt der Klügste

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So weit die Theorie. Kommen wir zur Praxis. Im Jahre 1997 wurde das Zahlenwahlspiel in sehr großem Stil durchgeführt. Gleich in drei verschiedenen Ländern wurden Zeitungsexperimente zu diesem Spiel veranstaltet. In England war es die „Financial Times“, in Deutschland „Spektrum der Wissenschaft“ und in Spanien die Zeitung „Expansión“, die ihren Lesern die Regeln des Spiels erklärten und dann baten, eine Zahl zwischen 0 und 100 einzusenden. Der Sieger gewann in allen drei Fällen einen stattlichen Geldpreis. In England nahmen fast 1500, in Deutschland sogar 2700 Leser an der Aktion teil. Spielten alle die Null?

Nicht der beste Rechner gewinnt

Natürlich nicht. Zwar war in beiden Ländern die Null die am häufigsten gewählte Zahl, aber auch die 22 war sehr stark vertreten und die 33 ebenfalls. Fast alle anderen Zahlen kamen ebenfalls vor, allerdings waren die jenseits der 50 sehr selten. In England lag der Durchschnitt bei 18,91 und die Gewinnerzahl war 12,6, in Deutschland war der Durchschnitt 22,08 und die Gewinnerzahl war 14,7. Was lernen wir daraus, und was hat das mit dem Aktienmarkt zu tun?

Beim Zahlenwahlspiel gibt es eine Lösung, die jeder kalkulieren kann, wenn man voraussetzt, dass alle anderen sich strikt rational verhalten. Rechnet man sie aus und wählt dann die Null, hat man verloren. Bei diesem Spiel gewinnt nicht der, der am besten rechnen kann und das Spiel perfekt durchschaut, sondern der, der am besten darin ist, abzuschätzen, was die Anderen tun werden.

Abschätzen, was die Gruppe tut

Bei einem Zeitungsexperiment, das Nagel durchgeführt hat, konnten die Leser Kommentare mitschicken. Eine Leserin hat dabei die Sache auf den Punkt gebracht. Sie schrieb, dass sie einen sehr intelligenten Mann habe, der eine ganze Weile über das Problem nachgedacht habe. Weil sie glaube, dass die anderen Leser auch so schlau sind wie ihr Mann, wähle sie eine Zahl, die genau zwei Drittel der Zahl ihres Mannes entspricht. Sie hat zwar nicht gewonnen, aber sie war ziemlich dicht dran.

Abschätzen, was die anderen tun - darauf kommt es an. Und das gilt bei beim Zahlenwahlspiel genauso wie bei der Wahl zum Tor des Monats und an der Börse. Wenn man bei der Sportschau das Auto gewinnen will, muss man wissen, was die anderen Zuschauer wählen werden. Es lohnt sich, auf Spieler zu setzen, die beliebt sind und bei Vereinen mit vielen Fans spielen. An der Börse ist es weniger wichtig, die Fundamentaldaten aller Unternehmen perfekt zu kennen. Ein Informationsvorsprung vor anderen Tradern ist wertlos, denn wenn nur wenige ihre Anlageentscheidungen von diesen Daten abhängig machen, geht es ihnen so, wie dem, der beim Zahlenwahlspiel auf die Null setzt - sie verlieren ihr Geld, weil sie so gut informiert sind.

Es geht um Erwartungen

Letztlich geht es an der Börse um Erwartungen, und das Zahlenwahlspiel verrät etwas über die Mechanik, die dahintersteckt. Um erfolgreich zu sein, muss man annehmen, dass sich nicht alle vollständig rational verhalten, und man muss die Abweichungen vom Rationalverhalten richtig voraussehen.

Gleichzeitig wird klar, warum die Finanzmärkte oft so nervös auf Tagesnachrichten reagieren. Sehr häufig verändern diese Nachrichten nicht wirklich etwas an den Fundamentaldaten der wirtschaftlichen Entwicklung oder der Performance von Unternehmen und Staaten. Aber die Marktteilnehmer orientieren sich eben nicht an diesen Fundamentaldaten, sondern an ihren Erwartungen über die Reaktion der anderen. Wenn alle unterstellen, dass alle andern nervös reagieren, werden alle nervös reagieren. Genau das richtig zu antizi-pieren ist die Kunst - beim Zahlenwahlspiel und an der Börse.

Der Autor ist Wirtschaftsprofessor in Magdeburg.

Die Cleverness-Falle

Die Falle

Wir lassen uns dazu verleiten, uns nach unseren eigenen Informationen zu richten. Wie gut diese auch sein mögen, wenn wir außer Acht lassen, dass es letztlich darauf ankommt, was die anderen Marktteilnehmer glauben, treffen wir falsche Anlageentscheidungen.

Die Gefahr

Wir überschätzen die Bedeutung der eigenen Information und unterschätzen die Bedeutung der Entscheidung anderer.

Die Abhilfe

Genau darüber nachdenken, welches Kalkül die anderen Anleger anstellen werden. Welche Informationen werden sie nutzen, welche Erwartungen werden sie bilden?

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