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Denkfehler, die uns Geld kosten (23) : Die große Angst vor kleinen Risiken

Bild: Getty Images/Ikon Images

Ein kleines Risiko in Kauf nehmen? Da winken die meisten Menschen ab. Für die totale Sicherheit zahlen sie gerne. Und zwar zu viel.

          Wenn Sie nicht selbst dazugehören, dann haben Sie sicher eine Handvoll Bekannter: Leute, die ihr Geld nur aufs Tagesgeld-Konto legen und nirgendwohin sonst (außer vielleicht noch aufs Sparbuch). Da ist das Geld sicher, so haben wir es gelernt, und es kommt immer alles auf den letzten Cent zurück - wenn die Bank pleitegeht, zahlt schon die Einlagensicherung.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Viel schwerer sind die Leute davon zu überzeugen, dass sich manchmal ein kleines Risiko lohnt. Schon wer ein bisschen von seinem Geld in Aktien legt, kann damit seine Gesamtrendite ordentlich aufpeppen. Aber Aktien sind riskant, von dem kleinen Aktienteil des Geldes könnte ein Teil verlorengehen - und das mögen Menschen gar nicht.

          Am besten gar kein Risiko

          Selbst die kleinsten Risiken sind ihnen häufig zu groß. Zufrieden sind sie erst, wenn es kein Risiko mehr gibt. Und zwar nicht nur, wenn es ums Geld geht. Sondern in vielen Fragen des Lebens.

          Mit der Gesundheit zum Beispiel ist es ähnlich. Das zeigt ein Versuch aus den Vereinigten Staaten, dem Land, das allgemein als besonders risikotolerant gilt. Mitten in North Carolina, in einer Stadt namens Greensboro, stellten sich Forscher ins Einkaufszentrum und sprachen die Kunden an, die gerade aus dem Baumarkt kamen. Ob sie denn auch manchmal WC-Reiniger kaufen würden, fragten die Forscher. Zeigten ihnen eine Flasche. Und listeten dann die Risiken auf: 15 von 1000 Verbrauchern vergifteten sich an den Gasen, noch mal 15 von 1000 bekämen den Reiniger in die Augen und verletzten sich daran.

          Menschen können nicht mit Wahrscheinlichkeiten rechnen

          Dann fragten die Forscher weiter, ob die Kunden für einen sichereren WC-Reiniger mehr Geld ausgeben würden - und wie viel. Am Ende hatten die Forscher - Kip Viscusi von der Northwestern University und zwei Kollegen - ein deutliches Ergebnis: Um das Verletzungsrisiko auf jeweils 10 von 1000 Verbrauchern zu reduzieren, also um fünf Promille, wollten die Kunden 65 Cent mehr bezahlen. Für die nächsten fünf Promille würden die Kunden 19 Cent mehr ausgeben. Aber die letzten fünf Promille, mit denen das Risiko ganz verschwindet, waren den Verbrauchern noch mal 83 Cent wert.

          Dieses Verhalten nennen Forscher heute den „Zero-Risk Bias“, also die Neigung zum Nullrisiko. Die Neigung hat mindestens zwei Gründe. Der eine liegt in den notorisch schwachen Rechenfähigkeiten der Menschen: Kleine Wahrscheinlichkeiten können sie schlecht einschätzen. Wenn etwas in einem Drittel der Fälle passiert, kriegt dies jeder mit - das muss keiner ausrechnen, da reicht etwas Erfahrung, dann versteht man alles intuitiv. Aber wie oft ist „in 15 von 1000 Fällen“? 15 Promille? 1,5 Prozent? Richtig vorstellen kann sich das keiner.

          Gedanklich abgehakt

          Der andere Grund für den „Zero-Risk Bias“ hat mit der begrenzten Gedankenkapazität zu tun: So lange noch ein Restrisiko übrig ist, sollte man das Thema nicht vergessen. Das aber bindet Kraft und Zeit. Erst wenn wirklich gar kein Risiko besteht, lassen sich die Gefahren guten Gewissens ignorieren - gedanklich abschließen, wie die Psychologen sagen. Darum sehnen sich die Menschen nach dem Satz: „Da ist gar kein Risiko.“

          Das Problem daran: Dass es wirklich gar kein Risiko gibt, passiert im wahren Leben so gut wie nie. Ärzte, Verkäufer, Berater - sie alle sprechen dann von „praktisch keinem Risiko“.

          Die Wahrheit liegt in der Mitte

          Am Ende nennen die Menschen das „Restrisiko“. Und wie sie damit umgehen, hat der Reaktorunfall von Fukushima gezeigt: Erst verdrängen sie das Restrisiko ganz. Und wenn es einmal eintritt, gehen sie davon aus, dass es bald wieder kommt. Die wahre Seltenheit kann niemand richtig einschätzen.

          So wie bei den Lehman-Zertifikaten. Und was dann passiert, ist bekannt: Erst ignorierten die Käufer von Zertifikaten das Wort „praktisch“, rechneten also mit „keinem Risiko“. Als Lehman pleite war und die Zertifikate nicht vollständig zurückgezahlt wurden, ignorierten die Menschen auch noch das Wort „keinem“ - und hielten Zertifikate schlagartig für so riskant und spekulativ, dass nur Hasardeure Zertifikate kaufen könnten.

          Die Wahrheit liegt in der Mitte. Wer sich das bewusst macht, geht auch mal ein kleines Risiko ein - mit dem Geld oder mit anderem. Meistens werden schon kleine Risiken kräftig belohnt. Es will sie ja kaum jemand tragen.

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          Der Zero-Risk Bias

          Die Falle

          Menschen können es nicht ausstehen, einem kleinen Restrisiko ausgesetzt zu sein. Solche kleinen Risiken verstehen sie nicht, außerdem müssen sie zu viel darüber nachdenken. Viel lieber ist es ihnen, wenn alle Risiken ausgeschlossen sind.

          Die Gefahr

          Sie geben viel zu viel Geld aus, um kleine Restrisiken zu eliminieren. In der Geldanlage zum Beispiel verzichten Menschen auf viel Rendite, damit ihnen auch ja kein Cent verlorengeht. Die Gefahr wird noch größer: Menschen glauben Scharlatanen, die versprechen, ein Vorhaben sei „risikolos“. Auch wenn das in der Praxis so gut wie nie vorkommt. Und wenn ehrliche Berater etwas als „praktisch sicher“ bezeichnen, vergessen die Menschen leicht, dass noch ein kleines Risiko übrig ist.

          Die Abhilfe

          Noch ist kein geprüfter Weg bekannt, den Zero-Risk Bias zu umgehen. In der Praxis hilft es, sich immer wieder klarzumachen, dass es komplette Sicherheit sowieso nie gibt. Wer diesen Satz verinnerlicht hat, weiß: Es lohnt sich gar nicht, um ein Nullrisiko zu kämpfen - denn das erreicht am Ende sowieso keiner wirklich.

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