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Denkfehler, die uns Geld kosten (21) : Was man hat, das hat man

  • -Aktualisiert am

Bild: SIS/Planet Bubble Head

Die Leute hängen an ihrem Eigentum. Deshalb verkaufen sie Aktien, die sie einmal haben, sehr zögerlich. Selbst dann, wenn es bessere gibt.

          3 Min.

          Was wir besitzen, ist uns lieb und teuer. Es zu bewahren und zu mehren, sind wir in aller Regel bestrebt. Diese Denk- und Handlungsstruktur mag unter dem Aspekt der Daseinsvorsorge grundsätzlich sinnvoll und richtig sein, bei der Geldanlage aber kann sie durchaus zum Problem und - im wortwörtlichen Sinne - sogar allzu teuer werden.

          Im Regelfall richtet sich der Preis eines Wertpapiers, zum Beispiel einer Aktie nach den Erwartungen der Mehrheit der Marktteilnehmer hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung des Papiers. Mitunter kann es jedoch passieren, dass wir bei der Beurteilung des Preises respektive Werts von Aktien nicht dem rationalen Kalkül, sondern anderen Motiven folgen. Dies geschieht vor allem dann, wenn sich die betreffenden Aktien im eigenen Besitz befinden. Verantwortlich hierfür ist der von Richard Thaler (Ökonom an der Universität Chicago) 1980 so benannte „endowment effect“. Der Besitztumseffekt besagt, dass Menschen einem Gut oder einer Sache allein aufgrund der Tatsache, dass sie ihnen gehört, einen höheren Wert beimessen als gleichwertigen Gütern oder Sachen, die ihnen nicht gehören.

          Das „Kaffeebecher-Experiment“

          Das bekannteste wissenschaftliche Experiment zu diesem Verhaltensphänomen haben die Forscher Kahneman, Knetsch und Thaler Anfang der 1990er Jahre durchgeführt. Beim „Kaffeebecher-Experiment“ erhielt die Hälfte der Versuchsteilnehmer jeweils einen Kaffeebecher geschenkt und wurde dann gefragt, zu welchem Preis sie bereit wären, die Becher zu verkaufen.

          Gleichzeitig wurde die andere Hälfte der Probanden als Käufergruppe aufgefordert, den Preis anzugeben, zu dem sie die Becher kaufen würden. Es ergab sich ein deutliches Gefälle zwischen den genannten Verkaufs- und Kaufpreisen. Forderten die Kaffeebecher-Besitzer im Schnitt rund 7 Dollar für einen Becher, so boten die potentiellen Käufer mit durchschnittlich rund 2,90 Dollar weniger als die Hälfte des verlangten Betrages und zeigten eine entsprechend niedrige Kaufaktivität.

          Besitztumseffekt wirkt sich negativ auf den Handel aus

          Dass der in der Wissenschaft lange Zeit kontrovers diskutierte, zur „Überbewertung“ eines Gutes durch den Besitzer führende Besitztumseffekt sich tatsächlich und nachweislich negativ auf den Handel auswirkt, zeigte sich auch in nachfolgenden Studien mit unterschiedlichen experimentellen Anordnungen. Gerade bei der monetären Bewertung von Chancen und Risiken - und darum geht es an der Börse - tritt dieser Effekt in einer sehr stabilen Form auf.

          Der Marktwert der eigenen börsengehandelten Wertpapiere ist für den Eigentümer stets aktuell ablesbar, so dass er seine Verkaufsentscheidung immer auch vor dem Hintergrund dieser objektiven Information trifft. Der Besitztumseffekt kann nun aber dazu führen, dass der realisierbare Verkaufspreis subjektiv als inakzeptabel niedrig eingeschätzt wird.

          „Verlierer“ bleiben länger im Depot als die „Gewinner“

          Dies gilt zunächst unabhängig vom Kursniveau, verstärkt sich aber bei einer Abwärtsbewegung der Kurse und schwächt sich umgekehrt wieder ab, sobald die Kurse steigen. Es ergibt sich somit eine Verhaltensdisposition, die „Verlierer“ länger im Depot zu halten als die „Gewinner“.

          Dieser „Dispositionseffekt“ ist in der verhaltenswissenschaftlichen Wirtschaftslehre bereits seit Mitte der 1980er Jahre bekannt. Er hängt eng mit dem Besitztumseffekt zusammen und wird folgerichtig mit verwandten Erklärungsansätzen begründet. So wurde in dieser Serie (Folge 11) bereits thematisiert, dass wir die Realisation von Verlusten als Eingeständnis einer falschen Anlageentscheidung werten und dies darum gern aufschieben. Statt zu handeln hoffen wir, dass sich die Kurse wieder erholen.

          Verluste tun weh

          Die Psychologie spricht hier von Verlustaversion oder Verlustangst, die den Besitztumseffekt begründet. Hinzu kommt, dass wir Verluste generell stärker wahrnehmen und gewichten als Gewinne in gleicher Höhe. Und so erstaunt es nicht, dass wir tatsächliche oder potentielle Verluste in unserem Entscheidungsverhalten stärker gewichten als Gewinne in gleicher absoluter Höhe.

          Wie die Ergebnisse entsprechender psychologischer und neurowissenschaftlicher Forschungen zeigen, gibt es für das menschliche Besitzstandsdenken offenbar eine neurophysiologische Basis. So hat unter anderem der Neurowissenschaftler Ben Seymoor (Wellcome Trust Center for Neuroimaging in London) nachgewiesen, dass Verlust- und Schmerzerfahrungen in denselben Hirnarealen verarbeitet und emotional bewertet werden.

          Alles soll bleiben, wie es ist

          Und noch ein weiterer, verwandter Effekt scheint unsere Anlageentscheidungen zu beeinflussen: der Status quo Bias, das heißt die Präferenz, den Ist-Zustand beizubehalten. Dies zeigt besonders anschaulich ein Experiment von Samuelson und Zeckhauser aus dem Jahr 1988, das den „Status quo Bias“ untersucht hat, jedoch von späteren Autoren auch im Lichte des Besitztumseffekts interpretiert wurde.

          Hier traten die Versuchspersonen eine fiktive Erbschaft an, einmal in Form eines Geldbetrages und einmal in Form eines Wertpapierdepots. Während das geerbte Geld neu angelegt werden konnte, stand es den Teilnehmern beim geerbten Depot frei, die Anlagen entsprechend ihrer Anlagepräferenzen umzuschichten.

          Es ergaben sich deutliche Unterschiede in der jeweils gewählten Portfolioallokation. Während beim bestehenden Depot nur geringe Umschichtungen vorgenommen wurden, wies das neu zusammengestellte Depot eine völlig andere Zusammensetzung und damit ein anderes Rendite-Risiko-Profil auf. Reine Geldbeträge auf einem Konto unterliegen offenbar deutlich weniger dem Besitztumseffekt, weil sie einen eindeutig abzulesenden Wert darstellen. Sobald sie sich jedoch in ein Gut oder eine Anlage verwandeln und als persönlicher Besitz wahrgenommen werden, entwickelt sich eine Besitzbindung und wir bewerten sie weitaus weniger objektiv.

          Lutz Johanning ist Professor an der „WHU - Otto Beisheim School of Management“, Maximilian Trossbach ist wissenschaftlicher Mitarbeiter.

          Der „Endowment“-Effekt

          Die Falle

          Der Besitztumseffekt ist ein unbewusst ablaufender Effekt, der sofort mit Beginn des Besitzverhältnisses eintritt und sich mit der Dauer des Besitzes verstärkt, und zwar unabhängig davon, wie viel wirtschaftliches Wissen wir besitzen.

          Die Gefahr

          Insbesondere in Zeiten sinkender Kurse kann der Verkäufer - also der aktuelle Besitzer - eines Wertpapiers den angestrebten Verkaufspreis nicht am Markt erzielen, da seine Bewertung aus Sicht potentieller Käufer überzogen ist. Die Diskrepanz zwischen Verkäufer-Erwartung und Käufer-Bereitschaft wird umso größer, je höher die Kursrückgänge am Markt sind. So kann es passieren, dass Verluste sehr lange laufen gelassen werden, bevor ein Umdenken der Verkäufer stattfindet.

          Die Abhilfe

          Machen Sie sich bewusst, dass der aktuelle Marktpreis eines Wertpapiers nicht davon abhängt, wem es gehört und zu welchem Kurs Sie selbst eingestiegen sind. Beugen Sie dem Besitztumseffekt mit Verkaufslimits vor, die Sie am besten bereits beim Kauf eines Wertpapiers festlegen - also bevor der Effekt wirksam werden kann.

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