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Denkfehler, die uns Geld kosten (20) : Die Tragik von Monte Carlo

Bild: Florian Rößler

Wenn beim Roulette mehrmals hintereinander „Schwarz“ gewonnen hat, muss doch auch mal wieder „Rot“ dran sein: So denken viele Spieler - und verlieren.

          Am 18. August 1913 gab es in Monte Carlo ein bemerkenswertes Ereignis. In dem legendären Spielcasino, in dem sich die Oberschicht halb Europas in Frack und Abendgarderobe ein Stelldichein gab, landete die Kugel des Roulette stolze sechsundzwanzig Mal hintereinander auf Schwarz. Ungefähr nach dem 15. oder 16. Mal soll es in der erlesenen Spielerschar zu geradezu „chaotischen Zuständen“ und „ungezügeltem Setzen“ gekommen sein, wie glaubhaft überliefert ist: Immer mehr Hinzukommende wollten auf Rot setzen, weil sie glaubten, irgendwann müsste diese Serie doch ein Ende haben. Einige waren davon sogar so überzeugt, dass sie alles setzten und kein Geld mehr hatten, als in der 27. Runde endlich Rot kam. Das Casino verdiente an diesem Tag Millionen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Spieler damals machten einen Denkfehler, der unter dem Namen „Gambler’s Fallacy“ in die Wissenschaft eingehen sollte: Die Annahme, dass die Frage, wie oft Schwarz schon dran gewesen ist, irgendeinen Einfluss darauf haben könnte, welche Farbe als Nächstes an die Reihe kommen wird.

          Rot oder schwarz?

          Bei vernünftigem Nachdenken (oder unter Zuhilfenahme der mathematischen Wahrscheinlichkeitstheorie) kommt man nämlich zu dem Schluss: Bei einem idealen, nicht manipulierten Roulette ist es vor jeder Runde exakt gleich wahrscheinlich, dass Rot oder Schwarz gewinnt. Unabhängig davon, welche Farbe in der vorhergehenden Runde dran gewesen ist. Die Ereignisse sind nämlich unverbunden - und nicht voneinander abhängig.

          Doch die Intuition lenkt die Menschen offenkundig in die falsche Richtung. Fjodor Dostojewski beschreibt das in seinem 1866 (also schon vor Monte Carlo) erschienenen Roman „Der Spieler“ als typischen Anfängerfehler. „Man könnte ja zum Beispiel glauben, dass nach sechzehn Mal Rot nun beim 17. Mal sicher Schwarz kommen werde. Auf diese Farbe stürzen sich die Neulinge scharenweise, verdoppeln und verdreifachen ihre Einsätze - und verlieren in schrecklicher Weise.“

          Wir mögen den Zufall nicht

          Dahinter scheint ein Grundproblem des menschlichen Denkens zu stecken: Unser Gehirn kann mit dem reinen Zufall nicht gut oder sogar überhaupt nicht umgehen, wie die Neurobiologie festgestellt hat. Das Gehirn möchte Muster erkennen: In willkürlichen Wolkengebilden sieht es Tierfiguren - und in Tintenklecksen allerhand Gestalten. Das Gehirn möchte kausale Zusammenhänge auch in die willkürliche Abfolge von Roulettezahlen bringen. Und gerade dieser Versuch des Gehirns, Rationalität in die zufällige Entwicklung zu bringen, führt bei den Spielern zu irrationalem Verhalten.

          Die Wissenschaftler Amos Tversky und Daniel Kahneman haben das 1971 als „Cognitive Bias“, als grundsätzliche Tendenz zur gedanklichen Fehleinschätzung im Umgang mit Wahrscheinlichkeiten identifiziert. Die Menschen in Monte Carlo hatten vermutlich noch nicht erlebt, dass nach so vielen Malen Schwarz nochmal Schwarz kommen kann. Deshalb neigten sie dazu, die Wahrscheinlichkeit für geringer zu halten, als sie tatsächlich war. Respräsentativheuristik nennen die Psychologen diese Methode des Gehirns, Wahrscheinlichkeiten für künftige Fälle aus Erfahrungen in der Vergangenheit zu konstruieren. Sie führt schnell in die Irre, wenn die Fälle ein wenig trickreich sind.

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