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Denkfehler, die uns Geld kosten (19) : Knausern mit großen Scheinen

Bild: Florian Rößler

Ein Fünf-Euro-Schein gibt sich viel leichter aus als ein Hunderter. Denn Menschen schätzen große Scheine mehr als kleine. Großes Geld macht also sparsam.

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          Es gibt ein paar Indizien, dass die junge Disziplin der Verhaltensökonomik den Volksweisheiten aus aller Welt eine Menge zu verdanken hat. So sagt ein mexikanisches Sprichwort, ein jeder möge auf sein Kleingeld gut acht geben, während die großen Geldscheine gut auf sich selbst aufpassen könnten.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          In der Ökonomie hielt das im Sprichwort aufgespießte Phänomen Einzug unter dem englischen Begriff „Denomination Effect“. Denomination ist der Nennwert einer Banknote, es geht also um den Nennwert-Effekt, der folgendermaßen wirkt: Menschen geben einen Betrag Geld schneller aus, wenn er ihnen in kleinen Scheinen oder Münzen zur Verfügung steht, als wenn er ihnen in großen Scheinen verfügbar ist. Ein Hundert-Euro-Schein macht knauseriger als fünf Zwanzig-Euro-Scheine, fanden die Forscher in einigen Feldversuchen heraus.

          Lieber bar als mit Karte

          Gestückelt in einzelne Münzen oder kleine Banknoten, kommt den Menschen das Geld weniger vor. Ältere Studien haben schon gezeigt, dass die Leute dazu neigen, mehr auszugeben, wenn sie verschiedene Zahlungsmethoden - Bargeld, Kreditkarte, EC-Karte - als Option haben. Dazu passt, dass die ohnehin im globalen Vergleich als geizig geltenden Deutschen lieber bar zahlen statt mit Kreditkarte. Der Grund: Barzahlungen haben den Vorteil, dass sie ohne großen Aufwand den Überblick über die eigenen Ausgaben ermöglichen - besonders Käufer mit eng begrenztem Budget zahlen deshalb nur selten mit Karte.

          Andere Untersuchungen zeigen, dass Leute eine Transaktion positiv bewerten, wenn der Kaufpreis zum Beispiel mit „Ein Dollar pro Tag“ statt mit „365 Dollar“ im Jahr umschrieben wird.

          Große Banknoten werden überbewertet

          Aber warum verführen kleine Scheine und Kleingeld eher zum Ausgeben als großsummige Banknoten? Eine ältere Erklärung lautet: Große Banknoten sind leichter zu entschlüsseln, man weiß mit einem Blick, was man hat. Das schlägt sich, so zumindest eine Theorie, in der höheren Wertschätzung nieder. Das wiederum führt zur Überbewertung großer Banknoten beziehungsweise zu Unterbewertung des Kleingeldes. Eine alternative Deutung des Phänomens lautet: Für die Leute ist die Weggabe eines großen Geldscheins immer mit Schmerzen verbunden, unabhängig von der Höhe des Wechselgeldes. Weil die Leute sich dessen aber bewusst sind, statten sie sich mit großen Scheinen aus, um ihr Ausgabeverhalten zu kontrollieren und klein zu halten. Das erinnert dann doch an die Varianten des „Mental Accounting“: Man setzt sich Ausgabelimits, indem man zum Beispiel festlegt, für Kneipenbesuche nur Extraeinnahmen zu nutzen.

          Der Denkfehler des Denomination-Effekts liegt darin, dass hundert Euro hundert Euro bleiben, egal, ob sie in hundert Ein-Euro-Münzen daherkommen oder in einer einzigen Banknote. In der Folge geht man gelegentlich zu freigebig und gelegentlich zu geizig mit Geld um, allerdings nur auf den ersten Blick.

          Erzieherische Maßnahme

          Denn gleichzeitig liefert die Deutung den Hinweis, dass die Leute sich dann mit großen Geldscheinen ausstatten, wenn sie sparen wollen oder müssen. Die Interpretation, dass die Wahl großer Scheine der Selbstkontrolle dient, liefern die Marketing-Professoren der New Yorker Stern-Business-School, Priya Raghubir und Joydeep Srivastava, die ihn in ihren Versuchen bestätigt finden.

          Das klingt ziemlich vernünftig und rational. Die Konsumenten steuern selbst ihre Bereitschaft, sich der Konsumlust hinzugeben, durch die Auswahl der Banknoten, die sie mit sich tragen: Das ist eher kalkulierte Irrationalität als ein reiner Denkfehler. Die extreme Form der Selbstkontrolle praktizierte Odysseus, der sich an einen Segelmast binden ließ, um den betörenden Lockrufen der todbringenden Sirenen lauschen zu können, ohne ihnen zu folgen. Es gibt allerdings harmlosere Methoden des Selbstmanagements.

          Ach, was soll’s

          Dieser beim Denomination-Effekt einkalkulierte Spielraum für eine gewisse Irrationalität lässt eine weitere interessante Verhaltensweise zu, die unter dem Namen „What-the-hell-effect“ Eingang in die Literatur der Verhaltenspsychologen gefunden hat. Manchmal schlägt man eben doch über die Stränge nach dem Motto: Zur Hölle mit den guten Vorsätzen. Tatsächlich haben die Versuche der beiden Professoren gezeigt, dass Leute, die sich selbst mit großen Geldscheinen ausgestattet haben, dann über die Stränge schlagen, wenn sie sich erst einmal zum Konsumieren durchgerungen haben.

          Trivial ist der Denomination-Effekt nicht, denn man kann ihn möglicherweise nutzen. Unternehmen berücksichtigen den Effekt in ihrer Preispolitik und in dem sie Ratenzahlungen offerieren.

          Aber auch für die Wirtschaftspolitik ist der Effekt nutzbar. Eine Politik, die darauf zielt, die Bevölkerung zum Konsum zu stimulieren, um eine Wirtschaftsflaute zu überwinden, würde versuchen, den Schmerz des Geldausgebens zu verringern.

          Die amerikanische Regierung hatte 2009 unter dem Präsidenten Georg W. Bush und 2010 unter seinem Nachfolger Barack Obama Schecks im Wert von 250 Dollar an die Bevölkerung verteilt, um sie zum Einkaufen zu bringen und die Krise abzuwenden, Ökonomen haben die Wirkung dieser Wirtschaftspolitik heftig diskutiert. Dabei ging es auch um die Frage, wie viel von dem Geld die Leute ausgaben und wie viel sie davon gespart haben.

          Mit dem Denomination-Effekt bekommt diese Diskussion eine neue Dimension: Wäre die Ausgabebereitschaft der Konsumenten größer gewesen, wenn sie statt des Schecks 50 Fünf-Dollar-Noten bekommen hätten?

          DENKFEHLER DIE UNS GELD KOSTEN FOLGE 19 Denomination Effect Der Fehler: Gleiche Geldsummen werden unterschiedlich bewertet, je nachdem, ob sie als Kleingeld verfügbar sind oder als große Banknote. Die Wirkung: Manchmal vermeidet man Ausgaben, nur weil man einen großen Geldschein nicht anbrechen will. Manchmal konsumiert man zu verschwenderisch, weil man das Geld in kleinen Scheinen hat. Die Abhilfe: Wer sparen muss, der legt sich nur große Geldscheine in seinen Geldbörse. Wer konsumieren möchte, stückelt sein Geld. Wer gar kein Zutrauen zu sich selbst hegt, der verzichtet auf Kreditkarten und EC-Karten als Zahlungsmittel.

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