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Denkfehler, die uns Geld kosten (16) : Ein Hoch auf Verliereraktien

  • -Aktualisiert am

Bild: Getty Images/Stock Illustration

Spektakuläre Nachrichten sorgen für übertriebene Kursreaktionen. Aus Angst verkaufen die Anleger die Aktien. Das ist unvernünftig.

          4 Min.

          Die Bilder aus Fukushima im März des vergangenen Jahres erinnerten viele an die Atomkatastrophe in Tschernobyl. Schlimmer noch: Abends in der Tagesschau verfolgten Millionen Deutsche, wie hilflos die japanischen Feuerwehrmänner versuchten, die überhitzten Brennstäbe zu kühlen, um eine Kernschmelze im Reaktor zu verhindern. Vor allem in Deutschland schien vielen Anlegern schnell klar, dass spätestens in diesem Moment die große Zukunft der erneuerbaren Energien begonnen hat. Sie investierten in deutsche Solaraktien und verkauften gleichzeitig ihre Versorgeraktien von Eon und RWE, die bislang viel Geld mit Atomkraftwerken verdienten.

          Der Öko-Dax stieg von knapp 200 Punkten innerhalb weniger Tage auf mehr als 246. Die Aktienkurse von Eon und RWE brachen drastisch ein. Der folgende Atomausstieg der Bundesregierung schien vielen als Beleg, dass sie auf die richtigen Pferde umgesattelt hatten. Ein Jahr später zeigt sich dennoch ein etwas anderes Bild: Der Öko-Dax ist wieder auf unter 100 Punkte gefallen. Die Aktien von RWE und Eon liegen zwar noch immer deutlich unter den Kursen vor Fukushima, haben aber zumindest einen kleinen Teil der Verluste wieder aufgeholt.

          Bei spektakulären Nachrichten reagieren Anleger über

          Nach den Erkenntnissen von Verhaltensökonomen ist das gar nicht untypisch. Oft seien gravierende Kursanstiege und Abstürze das Ergebnis einer Überreaktion der Anleger auf neue, spektakuläre Nachrichten. Die Preisverzerrung löse sich dann im Laufe der Zeit auf, bis der neue fundamental gerechtfertigte Kurs erreicht ist.

          Erstmals gelang den beiden Ökonomen Werner de Bondt und Richard Thaler 1985 ein empirischer Nachweis solcher Überreaktionen. Ihre Thesen lauteten: Extremen Kursausschlägen folgt oft eine allmähliche Gegenbewegung. Und je größer der anfängliche Kursausschlag ist, desto größer auch die spätere Anpassung.

          Gewinneraktien von heute werden zu Verliereraktien von morgen

          Um ihre Überlegung mit Fakten zu untermauern, untersuchten die beiden Ökonomen die Verläufe der amerikanischen Aktien an der New Yorker Börse. Sie knöpften sich dabei gleich einen langen Zeitraum vor: die Jahre zwischen 1930 und 1977, weil für diese Jahre schon genug Daten zur Verfügung standen. Diese Zeit teilten sie dann in 16 nicht überlappende Drei-Jahres-Perioden ein. Ihr Gedanke war: Wenn die These von der Überreaktion stimmt, dann sollten die Gewinneraktien der Vorperiode wegen der einsetzenden Korrektur tendenziell zu Verliereraktien der Folgeperiode werden.

          Die Forscher berechneten dafür die Renditen der Aktien und stellten nach jeder Periode eine Rangliste auf: Die 35 renditeschwächsten Aktien wurden gekauft. Sie kamen in das „Verliererportfolio“, das wenn die These der Überreaktion stimmt nach drei Jahren wieder mit Gewinn verkauft werden konnte. Mit den 35 stärksten Aktien machten sie es genau umgekehrt. Sie setzten auf fallende Kurse der Aktien im „Gewinnerportfolio.“

          Rationale Investoren sollten Übertreibungen korrigieren

          Tatsächlich bestätigten die Ergebnisse der Studie ihre These. Das Phänomen der Überreaktion wurde Thema der Wissenschaft. Und dabei stellten die Forscher zudem fest, dass die Gegenbewegung des Verliererportfolios meist größer war als beim Gewinnerportfolio. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie damals in der renommierten amerikanischen Fachzeitschrift „Journal of Finance“. Der Titel ihres Aufsatzes fragte provokant: „Reagiert der Aktienmarkt über?“ Und allen Lesern schallte ein lautes Ja entgegen.

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