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Denkfehler, die uns Geld kosten (14) : Warum Erfahrung das Denken behindert

  • -Aktualisiert am

Bild: © Ikon Images/Corbis

Was uns selbst passiert ist, halten wir für wahrscheinlicher. Erleben wir lange genug steigende Aktienkurse, denken wir es könnte nicht mehr anders sein. Wir werden blind für die Risiken.

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          Eine knifflige Frage: Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass in den kommenden 30 Monaten die Aktienkurse um 90 Prozent abstürzen werden? Die korrekte Strategie zur Beantwortung dieser Frage besteht darin, sämtliche Argumente für und gegen ein solches Szenario zu suchen, zu bewerten und zu gewichten, um dann zu einem gut abgehangenen Urteil zu kommen. Doch vielleicht hängt Ihre Einschätzung für die Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses von etwas ganz anderem ab - nämlich von dem Umstand, ob Sie selbst bereits einmal einen solchen Kursabsturz erlebt haben.

          “Verfügbarkeitsheuristik“ nennen Psychologen diese mentale Strategie, sich ein Urteil über einen Sachverhalt zu bilden: Unsere Einschätzung für die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses hängt davon ab, wie präsent, wie „verfügbar“ dieses Ereignis in unserer Erinnerung ist. Wer schon einmal einen Kurssturz erlebt hat, schätzt die Wahrscheinlichkeit für ein solches Ereignis tendenziell höher ein als jemand, der den Kursen noch nie beim Tauchen zugeschaut hat - einfach, weil er es bereits einmal erlebt hat (beispielsweise am Neuen Markt, der in 30 Monaten rund 96 Prozent abstürzte) und weiß, wie es sich anfühlt, wenn das Portfolio auf Blitzdiät geht.

          Was uns selbst passiert, halten wir für wahrscheinlicher

          Nach der Idee der Verfügbarkeitsheuristik entscheidet also die mentale Verfügbarkeit von Beispielen über unsere Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten oder Häufigkeiten - das, was wir im Kopf präsent haben, ist für uns realistisch, wahrscheinlich; was wir hingegen nur schwer im Kopf abrufen können, wird nicht passieren, ist nicht realistisch. Auf den Punkt gebracht: Wir halten etwas für umso wahrscheinlicher, je besser wir es uns vorstellen können.

          Grundsätzlich ist das eine clevere Strategie: Wenn ich mich leicht an etwas erinnere, wenn ich mir etwas gut vorstellen kann, dann bedeutet das, dass es umso häufiger vorkommt - warum sonst ist es in meinem Kopf so präsent? Doch in Einzelfällen hat diese Strategie ihre Tücken, denn nicht immer bedeutet Verfügbarkeit auch Häufigkeit. Oftmals merken wir uns Dinge besser, weil sie einschneidend sind, weil sie an besondere Umstände geknüpft sind, uns persönlich besonders betreffen oder aber besonders spektakulär sind. Der Alltag unterläuft unseren Aufmerksamkeitsradar, besondere Ereignisse hingegen brennen sich in unser Gedächtnis ein - und schon halten wir sie für wahrscheinlich, realistisch, alltäglich, und aufgrund der Verfügbarkeitsheuristik überschätzen wir dann die Wahrscheinlichkeit solcher eher ausgefallenen Ereignisse.

          Spektakuläres merken wir uns besser, deshalb kommt es aber nicht häufiger vor

          Was sich recht akademisch anhört, hat im Alltag handfeste Folgen: Wenn das Nachbarhaus brennt, entschließen wir uns auf einmal doch, eine Feuerversicherung abzuschließen, weil jetzt die Gefahr eines Brandes in unserem Kopf präsenter ist, ebenso, wie die Nachfrage nach Hochwasserversicherungen steigt, wenn es ein Hochwasser gibt. Wir haben Angst vor dem Kurscrash, weil wir bereits einen erlebt haben, und wir sind zu sorglos an der Börse, wenn wir nicht das Gefühl von Verlusten kennen. Hier lauert eine kapitale Fehlerquelle: Wir halten Dinge für wahrscheinlicher, die wir uns besser vorstellen können - was nicht heißen muss, dass sie auch häufiger vorkommen. So zeigen beispielsweise Studien, dass Laien eine ganz andere Risikowahrnehmung haben als Experten, was auch daran liegen dürfte, dass Laien bei der Einschätzung von Risiken die Verfügbarkeitsheuristik nutzen, während Experten sich an die Statistiken halten.

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