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Denkfehler, die uns Geld kosten (13) : Die Angst zu verlieren

Bild: Getty Images/Stock Illustration

Verluste nehmen Menschen stärker wahr als Gewinne. So etwas kann einen den Verstand kosten. Doch die Scheu vor Verlusten lässt sich überlisten.

          3 Min.

          Lange stand die Wirtschaftswissenschaft vor einem Rätsel. Wenn man die langfristigen Renditen von Aktien und Staatsanleihen vergleicht, dann sind die Unterschiede auffällig: Aktien werfen hohe Erträge ab, Staatsanleihen niedrige. Die traditionelle Erklärung lautete: Der Kurs von Aktien schwankt, während bei den Anleihen (zumindest, wenn man sie bis zur Fälligkeit hält und keine Staatspleite stattfindet) ein fester Zins garantiert wird. Für den Unterschied in der Sicherheit beider Anlageformen erwartet der Anleger für die Investition in Aktien eine Risikoprämie - die sogenannte Aktienprämie (engl. „Equity Premium“).

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Diese zunächst ganz plausible Erklärung wurde 1985 von den Ökonomen Rajnisch Mehra und Edward Prescott über den Haufen geworfen. Sie betrachteten das Phänomen genauer: Für Amerika kamen sie für die Zeit von 1889 bis 1978 auf eine durchschnittliche jährliche Rendite für Staatsanleihen von knapp einem Prozent und für Aktien auf eine jährliche Rendite von etwa sieben Prozent. Das hätte nach dem traditionellen Modell für die Risikoneigung von Menschen nicht sein dürfen: Der Renditeabstand zwischen beiden Anlageformen hätte nicht rund sechs Prozentpunkte, sondern nur deutlich weniger betragen dürfen - vor allem, weil sich Aktien in diesem Zeitraum als gar nicht überaus riskante Anlage erwiesen.

          Das Aktienprämien-Rätsel

          In einer Welt mit ausschließlich rational handelnden Menschen und perfekten Märkten hätte so ein Abstand darum nicht lange Bestand gehabt. Die Anleger hätten so lange Anleihen verkaufen und Aktien kaufen müssen, bis die Renditen von Aktien sinken und die Renditen von Anleihen steigen und sich auf diese Weise bis auf die erwartete Risikoprämie angeglichen hätten.

          Das war aber nicht der Fall. In der Folgezeit wurde von verschiedenen Ökonomen untersucht, ob es sich womöglich nur um eine Art statistischen Ausreißer handelte. Das Phänomen tauchte aber auch bei anderen Zeitreihen auf: In Deutschland etwa lag die „Aktienprämie“ zwischen 1978 und 1997 bei 6,6 Prozent. Man nennt dieses Phänomen darum auch das Aktienprämien-Rätsel (“Equity Premium Puzzle“).

          Konten im Kopf

          Die Verhaltensökonomie fand eine Deutung für dieses Phänomen - und sie zu verstehen hilft auch bei grundsätzlichen Fragen des Geld-Anlegens.

          “Myopic Loss Aversion“ (“kurzsichtige Scheu vor Verlusten“) nannten die Ökonomen Richard Thaler und Shlomo Benartzi das zugrundeliegende Verhaltensmuster. In Experimenten hat die Verhaltensökonomie nachgewiesen: Menschen speichern Gewinne und Verluste im Kopf gleichsam in unterschiedlichen Konten. Sie rechnen sie nicht einfach gegeneinander auf. Sondern sie trennen im Gegenteil beides fein säuberlich und nehmen bei der Betrachtung Verluste sogar deutlich stärker wahr als betragsmäßig gleiche Gewinne.

          Scheiden tut weh

          Das funktionierte sowohl bei der Erinnerung als auch bei Kalkülen für die Zukunft: Wer bei einem Spiel zuerst 100 Euro verloren hat und später 100 Euro gewinnt, erinnert sich erstaunlicherweise an die verlorenen 100 Euro mehr als an die gewonnenen. Entsprechend verhalten sich Menschen auch mit Blick auf zukünftige Gewinne oder Verluste: Ein zu erwartender Verlust von 100 Euro geht stärker in die gefühlsmäßige Risiko-Kalkulation für eine Anlageentscheidung ein als ein zu erwartender Gewinn von 100 Euro.

          Psychologisch steckt dahinter der Verlust-Schmerz, hatten die Psychologen Daniel Kahnemann und Amos Tversky bereits Ende der 70er Jahre festgestellt: Verlieren gilt als Versagen. Deshalb ist der subjektive Schmerz für Menschen, die etwas verlieren, größer als das Vergnügen, wenn sie Gewinne verbuchen. Es trifft sie als Person. Die pure Angst vor dem Schmerz des Verlustes kann deshalb eine so starke Triebkraft darstellen, dass sie in der Lage ist, den Verstand außer Kraft zu setzen.

          Für Aktien wollen Anleger besonders hohe Risikoprämien

          Übertragen auf Aktien und Anleihen bedeutet das: Wenn ein Anleger wöchentlich oder täglich sein Depot sichtet und bewertet, ist das Risiko, einen Verlust notieren zu müssen, bei Aktien relativ hoch. Auf dem Konto in seinem Kopf muss der Anleger gleichsam dauernd Abschreibungen nach unten vornehmen, die er sich - gefühlsmäßig - stärker merkt als Aufwertungen nach oben zu einem anderen Zeitpunkt. Bei den Staatsanleihen, die er bis zur Fälligkeit halten will, muss er (sofern keine Staatspleite zu erwarten ist) keine regelmäßigen Verluste verbuchen - sondern kann sie bis zur Fälligkeit halten und die Zinsen einstreichen.

          Aufgrund der asymmetrischen Gewichtung von Verlusten und Gewinnen verlangen die Anleger für das Investment in Aktien deshalb eine übertrieben hohe Risikoprämie. Diese „Myopic Loss Aversion“, die „kurzsichtige Scheu vor Verlusten“ erklärt nach Benartzi und Thaler das Aktienprämien-Rätsel. Wie so vieles in der Wirtschaftswissenschaft ist allerdings auch diese Deutung umstritten.

          Verlustaversion überlisten

          Wenn man sich der Auffassung der Verhaltensökonomen anschließt, dann hat das Konsequenzen für die Kapitalanlage. Eine gute Beratung für die langfristige Anlage von Geld müsste diese Verlustaversion überlisten - oder offenlegen und gegensteuern. Die übertriebene Wahrnehmung der Verluste entsteht ja durch die wiederholte kurzfristige Betrachtung der Ergebnisse der Kapitalanlage. Nimmt man die langfristige Rendite der verschiedenen Anlageformen in den Blick, kommt man zu einer rationaleren Gewichtung von Gewinnen und Verlusten.

          Für die Altersvorsorge beispielsweise erscheinen Aktien unter diesem Gesichtspunkt (zumindest als ein Element im Depot) als eine sinnvolle Anlageform - auch wenn man natürlich sicherstellen muss, dass man sie nicht gerade zum ungünstigsten Zeitpunkt verkaufen muss. Überhaupt neigen Menschen dazu, zu wenig fürs Alter vorzusorgen, weil sie den Verlust der Prämie in der Gegenwart irrational hoch bewerten im Vergleich zu den erwarteten Auszahlungen in der Zukunft. In allen Fällen ist der Ausweg eine langfristige, nüchterne Betrachtung von zu erwartenden Gewinnen und Verlusten.

          Myopic Loss Aversion

          Der Fehler

          Menschen neigen gefühlsmäßig dazu, Verluste überzubewerten.

          Die Gefahr

          Das kann irrational werden. Anleger lassen sich gute Chancen entgehen, weil sie das Risiko eines kurzfristigen Verlustes stärker gewichten als die langfristigen Gewinnchancen.

          Die Abhilfe

          Manchmal hilft es, eine längerfristige Perspektive einzunehmen. Beispiel: Aktien tragen immer die Gefahr in sich, dass der Kurs mal fällt. Langfristig aber ist ihre Rendite höher als etwa die von Tagesgeldkonten.

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