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Denkfehler, die uns Geld kosten (12) : Die falsche Scheu vor dem Unbekannten

  • -Aktualisiert am

Paradox: Aus dem Mühen um weniger Risiko wird mehr Bild: HAW Hamburg

Menschen sind Gewohnheitstiere, Zahnpasta und Biermarke werden nur selten gewechselt. Auch Anleger kaufen im Zweifel die Aktie, die sie kennen. Das ist gerade verkehrt.

          3 Min.

          Der Mensch bewegt sich gern auf bekanntem Terrain. Würden Sie zum Beispiel ohne weiteres Ihre Zahncreme, Ihre Kaffeesorte oder Ihre Biermarke wechseln? Auch bei der Geldanlage handeln Menschen zumeist nach dem Grundsatz: „Da weiß man, was man hat.“ So wechseln sie ihre Bank beispielsweise nur dann, wenn sie dafür mit hohen Zinssätzen auf dem Tagesgeldkonto entschädigt werden.

          Nach welchen Mustern Menschen Entscheidungen treffen, wenn sie zwischen zwei Optionen wählen müssen und nur bei einer Option die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs kennen, zeigt das Ellsberg-Experiment. In der Fachliteratur wird es auch das Ellsberg-Paradox genannt, weil es bis dato unbestrittenen Grundannahmen der Entscheidungstheorie widersprach.

          Eine Wette für die Wissenschaft

          1961 machte Daniel Ellsberg, Wirtschaftswissenschaftler an der amerikanischen Universität Harvard, folgenden Versuch: In einem Beutel befanden sich insgesamt 90 Kugeln. 30 Kugeln davon waren rot, die übrigen gelb oder blau, mit unbekannten Anteilen. Die Versuchspersonen sollten sich in einem ersten Schritt zwischen zwei Wetten entscheiden: Wette A brachte einen Gewinn von 100 Dollar bei Ziehung einer roten Kugel, Wette B einen Gewinn von 100 Dollar bei Ziehung einer blauen Kugel. Der Großteil der Teilnehmer entschied sich für Wette A (rote Kugel).

          Im zweiten Schritt wurde die Anordnung des Versuches dann geändert: Bei Wette C wurde der Gewinn von 100 Dollar für die Ziehung einer roten oder gelben Kugel versprochen. Bei Wette D wurde der Gewinn dagegen für die Ziehung einer blauen oder gelben Kugel ausgelobt.

          Da nur Wette C den Teilnehmern erlaubte, an ihrer auf der ersten Wettstufe getroffenen Präferenz für die roten Kugeln festzuhalten, sollte man nun erwarten, dass sie sich für die Kombination aus roten und blauen Kugeln entschieden. Dies taten sie - in scheinbarem Widerspruch zur früheren Entscheidung für Wette A - mehrheitlich aber nicht, sondern wählten stattdessen die Wette D.

          Verhielten sie sich damit grundlegend anders als auf der ersten Wettstufe? Schauen wir genauer hin: Mit der Einbeziehung einer weiteren Farbe gewann eine vorher nicht relevante Mengeninformation an Bedeutung. Zwar war die Verteilung der blauen und gelben Kugeln weiterhin unbekannt, doch wussten die Teilnehmer, dass die Summe blauer und gelber Kugeln den Wert 60 ergab.

          Unterscheiden zwischen Risiko und Unsicherheit

          Folglich ist die bekannte Menge (gelber und blauer Kugeln) bei Wette D größer als die bekannte Menge (roter Kugeln) bei Wette C. Beide Male folgen die Versuchspersonen also demselben Muster und entscheiden sich für das bekannte Risiko - mit einer Gewinnchance von 1:3 auf der ersten und 2:3 auf der zweiten Wettstufe.

          Ellsberg erklärt dieses Phänomen, indem er zwischen „Risiko“ und „Unsicherheit“ unterscheidet. Beim Risiko sind die Eintrittswahrscheinlichkeiten bekannt und für alle denkbaren Fälle objektiv bestimmbar. Bei Unsicherheit dagegen können solche Wahrscheinlichkeiten aufgrund fehlender Informationen oder zu hoher Komplexität des Entscheidungsumfeldes nicht berechnet werden. Bestimmend für das Entscheidungsverhalten von Menschen unter solchen Bedingungen ist also offensichtlich eine „Unsicherheitsaversion“. Sie führt dazu, dass ein konkret bezifferbares Risiko in Form von Wahrscheinlichkeiten einem nicht berechenbaren Risiko vorgezogen wird.

          Diese Tendenz zeigt sich auch bei Anlageentscheidungen am Kapitalmarkt: Anleger wählen häufig solche Wertpapiere aus, über deren Risikostruktur sie genauere Informationen besitzen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Anlageverhalten von Mitarbeitern börsennotierter Unternehmen. Sie kaufen überproportional viele Aktien ihrer Firma, da sie deren Ertragsperspektive weitaus besser einschätzen können als die zukünftige Entwicklung fremder Unternehmen.

          Eine Streuung senkt das Risiko

          Unter dem Gesichtspunkt des Anlagerisikos birgt diese Strategie jedoch eine nicht unerhebliche Gefahr in sich: Konzentriert sich das angelegte Vermögen in wenigen oder nur einer einzigen Aktie, hat dies eine zu geringe oder gar fehlende Diversifikation des Portfolios zur Folge.

          Wird ein Portfolio hingegen breit gestreut, also in viele Unternehmen und verschiedene Anlagen investiert, führt dies zu einer Senkung des durchschnittlichen Risikos, ohne dass dies mit Renditeeinbußen verbunden sein muss. Es ist für Anleger daher prinzipiell vorteilhafter, ihr Portfolio breit diversifiziert anzulegen. So herrscht im Regelfall bei der Investition in einen Investmentfonds zwar ein vergleichsweise hohes Maß an Unsicherheit: Über die konkrete Zusammensetzung des Fondsportfolios weiß der einzelne Anleger im Zweifel nichts Genaues. Wegen der Diversifikation seiner Anlagen ist der Fonds aber trotzdem risikoärmer, als es der konzentrierte Kauf der Aktien des eigenen Arbeitgebers wäre.

          Fehlende Investitionsfreude

          Die hohe Relevanz des Faktors Unsicherheit für die Kapitalmärkte ist auch in der Finanzkrise deutlich zutage getreten. Die Intransparenz der Risiken der einzelnen Banken führte zum Erliegen des gesamten Interbankenmarktes. Banken gewährten sich gegenseitig keine Kredite mehr, sondern zogen es vor, ihr Geld unter Verzicht auf Verzinsung bei der Zentralbank zu parken. Um die Geldversorgung der Wirtschaft aufrechtzuerhalten und das Vertrauen wieder herzustellen, musste der Staat einspringen.

          Aber auch die Unsicherheit bezüglich der Entschlossenheit der Staaten, ihre Haushalte nachhaltig zu sanieren, belastet die Kapitalmärkte derzeit erheblich. Institutionelle und private Anleger zeigen sich sehr zurückhaltend. Das hat Folgen: Die fehlende Investitionsfreude belastet direkt die Realwirtschaft.

          Lutz Johanning ist Professor an der „WHU - Otto Beisheim School of Management“, Maximilian Trossbach ist wissenschaftlicher Mitarbeiter.

          Das Ellsberg-Paradox

          Der Fehler: Anleger investieren häufig nur in die wenigen Wertpapiere, deren Risiko sie am besten überschauen können.

          Die Gefahr: Eine Konzentration auf wenige Positionen führt aber zu einem unnötig hohen Risiko für das Gesamtportfolio.

          Die Abhilfe: Streuen Sie Ihre Anlagen breit. Wenn Sie selbst keine Einzeltitel auswählen möchten, können Sie in Investmentfonds oder in passive Indexfonds (ETFs) und Zertifikate investieren, die die Wertentwicklung von Börsenbarometern nachzeichnen.

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