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Anlageprodukte unter der Lupe : Wer kauft heute noch Staatsanleihen?

Bis vor fünf Jahren galt: „Je unabhängiger die Zentralbank, desto stabiler die Währung“ Bild: dpa

Trotz der Inflationsfurcht sind Staatsanleihen für viele Portfolios unverzichtbar. Selbst in der Krise 2008 brach alles ein, außer liquide Anleihen bester Bonität - insbesondere Staatsanleihen.

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          Als der amerikanische Präsident Richard Nixon in den siebziger Jahren die Goldbindung des Dollar beendete und damit das Bretton-Woods-System beerdigte, war die Aufregung groß. Damals hielten es viele für unmöglich, dass der Dollar und andere Papiergeldsysteme weiter funktionieren würden. Doch das taten sie in den folgenden Jahrzehnten nahezu problemlos. Man einigte sich darauf, dass dies der Existenz unabhängiger Zentralbanken zu verdanken sei. Bis vor fünf Jahren galt der Zusammenhang als bewiesen: „Je unabhängiger die Zentralbank, desto stabiler die Währung.“

          Unabhängigkeit bedeutet dabei, dass eine Regierung ihre Ausgaben nicht via Geldvermehrung der Zentralbank finanzieren darf. Stattdessen sollte das nur über Steuern oder Verschuldung möglich sein. Im Fall von Steuern kontrolliert die Bevölkerung, da sie Steuererhöhungen nicht bedingungslos akzeptiert, im Fall von Verschuldung kontrolliert der Markt, also die Käufer von Staatsanleihen.

          Rettung oder Untergang

          Im Zuge der Finanzkrise wurde diese Regel gebrochen - für Euro, Dollar, Pfund und Yen. Erbittert wird gestritten, ob der Tabubruch Rettung oder Untergang bedeute. Nachdem das Experiment jetzt fünf Jahre läuft, scheinen die Skeptiker widerlegt. Trotz der Staatsfinanzierung über die Zentralbanken bleiben die Währungen stabil, die Inflation niedrig und das Vertrauen groß.

          Bekanntlich ist der Euroraum heterogen, komplex und insofern speziell. Betrachten wir stattdessen die Situation in Großbritannien: Dort hält die Bank of England etwa 35 Prozent aller Staatsanleihen (Nominalwert). Das bedeutet, dass ein hoher Anteil der Staatsschuld über die Zentralbank finanziert wird, und dass der Staat für 35 Prozent seiner Anleihen keine Zinsenbelastung mehr hat. Er zahlt zwar Zinsen, diese werden aber von der Zentralbank als Gewinn verbucht und wieder an den Staat ausgeschüttet.

          Was für eine wunderbare Welt, die ihren Idealzustand erreicht, wenn 100 Prozent der Staatsschulden von der eigenen Zentralbank gehalten werden. Eigentlich ist der Staat dann wieder schuldenfrei, oder? Dieses historische Experiment bringt viele Investoren dazu, Staatsanleihen mit Skepsis zu sehen. Auch das Niedrigzinsniveau schreckt ab. Wer nicht wie Versicherer aus regulatorischen Gründen kaufen muss, meidet Staatstitel.

          Staatsanleihen
          Staatsanleihen : Bild: F.A.Z.

          Auf der anderen Seite setzen gute Portfolios nicht alles auf eine Karte. Und hier zeigt sich, dass Staatsanleihen unverzichtbar in jedes Portfolio gehören. Betrachtet man die verschiedenen Szenarien der nächsten Jahre, so ist die Demographie in vielen Staaten der Treiber. Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland wird schon bald sinken. Zeitversetzt sinkt dann die Einwohnerzahl. Wie in solch schrumpfenden Gesellschaften Inflation entstehen soll, konnte noch niemand schlüssig erklären.

          Möglich ist es, aber es ist auch nicht auszuschließen, dass Deflation und Rezession drohen. In einem solchen Umfeld sind Staatsanleihen eine hervorragende Anlage. Selbst wenn der Staatshaushalt aus dem Ruder läuft, so trifft das eher die Währung als die Rückzahlung der Anleihen. Bleiben die Zentralbanken bei ihrer Politik, so ist die Staatsfinanzierung gesicherter denn je. Das ganze Experiment spricht eher für eine stärkere Diversifikation auf der Währungsseite und nicht für einen Verzicht auf Staatsanleihen.

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