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Wachstumshoffnungen : Schwellenländer-Euphorie trotzt Petrobras-Schock

Teurer Handschlag für Petrobras-Aktionäre: Brasiliens Präsident Bolsonaro macht einen General zum Chef des staatlich kontrollierten Ölkonzerns. Bild: dpa

Die Turbulenzen in Brasilien verdeutlichen politische Risiken in schnell wachsenden Volkswirtschaften. Doch die Anleger setzen weiter auf diese Märkte.

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          Wer im vergangenen Jahr inmitten der Corona-Krise Schwellenländern vertraut hat, zählt zu den Gewinnern. Die Aktien schnell wachsender Volkswirtschaften wie zum Beispiel China, Brasilien oder Mexiko haben in den vergangenen Monaten Kurssprünge hingelegt. Seit November hätten Schwellenländer-Aktien um 30 Prozent und -Anleihen um 4 Prozent zugelegt, darauf weist Alexander Posthoff, leitender Portfoliomanager des Vermögensverwalters Bantleon, hin. Blickt man auf den Weltaktienindex MSCI World und vergleicht ihn mit dem Schwellenländerindex MSCI Emerging Markets, dann fällt das Ergebnis deutlich aus: Der MSCI Emerging Markets hat in den vergangenen zwölf Monaten einen Ertrag in Euro gerechnet von fast 18 Prozent erbracht, zwölf Prozentpunkte mehr als der amerikalastige MSCI World.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch nun gibt es Entwicklungen, die geeignet sind, die Euphorie rund um die Schwellenländer zu bremsen. Zum einen sorgen die Inflationssorgen für steigende Zinsen, was den oft in Dollar verschuldeten Schwellenländern und von dort stammenden Unternehmen hohe Zinslasten aufbürden kann. Zum anderen hat der brasilianische Regierungschef Jair Bolsonaro mit der Entlassung des Vorstandschefs des staatlich kontrollierten Ölkonzerns Petrobras dem Vertrauen der Anleger in die Schwellenländer geschadet.

          Die Reaktion an der Börse in São Paolo am Montag war eindeutig: Der Aktienkurs von Petrobras brach um mehr als 20 Prozent ein. Der Leitindex Bovespa fiel um 6 Prozent. Die brasilianische Währung Real schwächte sich zum Dollar auf den geringsten Wert seit mehr als drei Monaten ab. Der brasilianische Regierungschef Bolsonaro polarisiert ähnlich wie der abgewählte amerikanische Ex-Präsident Donald Trump. Dass er nun bei Petrobras eingegriffen hat, zeigt, wie stark der politische Einfluss auf die Wirtschaft ist. Bolsonaro gefielen die Anpassungen der Treibstoffpreise an den höheren Ölpreis nicht. Dabei ist Brasilien eine Demokratie und verfügt damit über einen institutionellen Rahmen, der westlichen Vorstellungen eher gerecht wird als China oder Russland.

          Kupferpreis gibt die Richtung vor

          Und für die Schwellenländer-Euphorie sind steigende Rohstoffpreise ein wichtiger Treibstoff. Für Bantleon-Fachmann Posthoff sprechen eine Reihe von Faktoren dafür, dass die Schwellenländer als Anlageklasse den Einbruch im vergangenen Jahr hinter sich gelassen und wieder zu den etablierten Finanzmärkten aufgeschlossen haben. Auch wenn die Rally schon weit gelaufen sei, blieben sowohl Anleihen als auch Aktien aus Emerging Markets mittelfristig gut unterstützt. Posthoff geht davon aus, dass der Aufschwung der Weltwirtschaft noch aussteht. Das verspricht seiner Ansicht nach weiteren Auftrieb für riskante Anlagen.

          Insbesondere der Aktienindex MSCI Emerging Markets weise eine sehr enge Korrelation zu den Rohstoffmärkten und hier vor allem zu Kupfer auf. „Trifft also unsere Konjunkturprognose zu, so dürften die Kurse von Schwellenländeraktien im Einklang mit den Rohstoffpreisen steigen und sich besser als der breite Index MSCI World entwickeln“, erwartet Posthoff. Am Dienstag ist der Kupferpreis auf rund 9305 Dollar je Tonne und damit auf das höchste Niveau seit August 2011 gestiegen. Allein im Februar beträgt das Plus 16 Prozent.

          Corona-Pandemie bislang gut überstanden

          Die Wachstumshoffnungen in den Schwellenländern beruhen auch darauf, dass in diesen Regionen die Corona-Pandemie weniger Schaden als befürchtet angerichtet hat. Das zeigt sich an dem wieder starken Wachstum in China, aber auch in Indien. Überdurchschnittliches Wachstum bei starken geld- und fiskalpolitischen Stimuli treiben nach Ansicht von Michael Vander Elst, Stratege des Vermögensverwalters Degroof Petercam für Staatsanleihen aus Schwellenländern, die Exporte aus diesen Ländern. „Insgesamt wird die Gruppe der Emerging Markets den weltweiten Erholungsprozess anführen“, ist er überzeugt.

          In diesem Jahr liege das meiste Wertsteigerungspotential in den Währungen der Schwellenländer. Diese Volkswirtschaften bleiben seiner Ansicht nach eine Wachstumsstory. Während der Internationale Währungsfonds (IWF) für die entwickelten Länder ein durchschnittliches Wachstum von 4,3 Prozent in diesem Jahr voraussage, lägen die Wachstumserwartungen für die Emerging Markets im Durchschnitt bei 6,3 Prozent. Die größten Zuwächse würden abermals in Asien erwartet, angeführt von China und Indien (plus 8,3 beziehungsweise plus 11,5 Prozent).

          Davon profitierten auch andere aufstrebende Länder aus anderen Regionen, die wiederum Rohstoffe in die Wachstumsmaschinerie Asiens lieferten, erwartet Vander Elst. Ähnlich zuversichtlich ist das britische Research-Haus Oxford Economics, das eine der größten Wachstumsüberraschungen in den Schwellenländern erwartet.

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