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Maotai : Die unglaubliche Geschichte von Chinas Hirseschnaps

Börsenanleger in Peking verfolgen die Kurse. Bild: EPA

Seitdem das chinesische Nationalgetränk an der Börse notiert wird, hat die Aktie sagenhafte 15.000 Prozent an Wert gewonnen. Und der wertvollste Schnapshersteller der Welt eilt weiter von Rekord zu Rekord.

          Dan Rather, einer der großen amerikanischen Nachrichtenmoderatoren, beschrieb den Geschmack in den 1970er Jahren „wie flüssige Rasierklingen zu trinken“. Dem China-Korrespondenten der F.A.Z., Autor dieser Zeilen, kam es beim wiederkehrenden Umtrunk mit chinesischen Parteikadern hingegen eher so vor, als werde ihm ein mit Rasierklingen besetzter Handschuh ins Gesicht geschlagen.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Die Rede ist von Maotai, dem für westliche Geschmäcker vielleicht am wenigsten bekömmlichen alkoholischen Getränk der Welt – und dem wertvollsten. Ein aus Hirse gebrannter Schnaps mit einem Alkoholgehalt von bis zu 70 Volumenprozent, dessen Hersteller Kwaichow Moutai seit 2001 an der Börse in Schanghai notiert ist und seitdem denjenigen, der den Titel gehalten hat, reich gemacht hat: über 15.000 Prozent Wertzuwachs bis heute.

          Sie steigt und steigt

          Um 43 Prozent stieg die Aktie in den vergangenen zwölf Monaten, um fast zwei Drittel gewann sie an Wert allein seit Jahresbeginn. Am Mittwoch hat der Schnapsbrenner nun wieder gute Zahlen für das abgelaufene erste Quartal vorgelegt: dem Umsatz um fast ein Viertel auf 21,6 Milliarden Yuan (2,9 Milliarden Euro) gesteigert und damit stärker als von den meisten Analysten erhofft. Der Gewinn nach Steuern stieg in dem Zeitraum gar um fast ein Drittel auf 11,2 Milliarden Yuan (1,5 Milliarden Euro). Ergibt eine Gewinnmarge von fast 50 Prozent – in der vergangenen Dekade lag die Marge sogar im Schnitt um das Doppelte höher.

          Maotai, zuweilen auch Moutai genannt, ist die berühmteste Marke des chinesischen Baijiu-Schaps, der aus Hirse und Weizen gebraut wird und der einst von Maos Kampfgenossen Zhou Enlai während des Langen Marsches in den alkoholischen Adelsstand erhoben wurde. Heute kostet die billigste Flasche des Herstellers 1499 Yuan oder rund 200 Euro und darf in keinem chinesischen Haushalt fehlen, der etwas auf sich hält.

          Gebrannt im Armenhaus

          Gebrannt wird der Schnaps in der Stadt Moutai in der südlichen Provinz Guizhou, Chinas Armenhaus, aus dem die Zentralregierung mit Milliarden an Subventionen mit aller Gewalt ein chinesisches Silicon Valley zu formen gedenkt. Amerikanische IT-Unternehmen wie Qualcomm haben der Region jedoch bereits wieder den Rücken gekehrt. Den wahren Erfolg, subventionsfrei und allein durch die schier unerschöpfliche Nachfrage des Marktes getrieben, bringt allein der Maotai nachhause. 

          2012, als Xi Jinping zum Parteichef aufstieg und später auch den Titel des Präsidenten übernahm, stand der Maotai schon einmal kurz vor dem Aus. Rund die Hälfte der Verkäufe des sündhaft teuren Hirseschnaps entfiel Schätzungen zufolge in dieser Zeit auf die Käufe von Parteikadern, die zwar offiziell oft keine 1000 Euro im Monat verdienten, aber über geheimnisvolle Wege in der Lage waren, bei ihren Banketten den Maotai reichlich fließen zu lassen oder eine oder mehrere Flaschen dem Vorgesetzten als kleine Aufmerksamkeit zu überreichen, auf dass es schneller vorangehen solle mit der Karriere.

          In der Folge von Xis Anti-Korruptionskampagne fiel der Umsatz des Maotai wie ein Stein, der Gewinn stagnierte, der Preis der Aktie sank um die Hälfte auf 119 Yuan im Frühjahr 2014. Dann erlebte der Maotai ein sagenhaftes Comeback. Heute ist ein Anteilsschein von Kwaichow Moutai 965 Yuan wert (129 Euro). Bis der Hirseschnaps als erste chinesische Aktie die Marke von 1000 Yuan durchbrechen wird, dürfte es nicht mehr lange dauern – bis zum Jahresende will der Hersteller seine jährliche Produktionsmenge von 48.000 auf 56.000 Tonnen steigern.

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