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Britischer Finanzmarkt : Inflationssorgen in London

Der London Stock Exchange hat Inflationssorgen. Bild: dpa

Die Londoner Börse erlebt seit Monaten eine regelrechte Kursrally, doch nun stand eine Korrektur an. Viel hängt derzeit an der Geldpolitik der britischen Regierung.

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          Die Londoner Börse hat seit dem Winter eine Aufwärtsfahrt geschafft, bei der das FTSE-100-Aktienbarometer der Großunternehmen von unter 6000 Punkten im Dezember bis auf 7217 Punkte kletterte. Nach diesem Stand vergangene Woche, dem höchsten seit einem Jahr, setzte aber eine Korrektur ein. Die hängt auch mit den Sorgen der Anleger vor Inflation und einer deshalb weniger lockeren Geldpolitik zusammen. Der Index hält sich aber knapp über 7000 Punkten. Am Montag und Dienstag stieg die Londoner Börse wieder leicht, jeweils um 0,2 Prozent. Der FTSE 100 lag am Dienstag bei knapp 7080 Punkten.

          Philip Plickert
          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Bewegung gab es am Wochenbeginn vor allem bei den Aktien der Supermarktkonzerne. Die US-Investorenfirma Clayton Dubilier & Rice hat 5,5 Milliarden Pfund (6,4 Milliarden Euro) für eine Übernahme von Wm Morrisons Supermarkets geboten. Die Gruppe mit 118 .000 Mitarbeitern ist nach Tesco eines der größten Unternehmen im Lebensmitteleinzelhandel des Königreichs.

          Morrisons hat den Übernahmevorstoß von CD&R zunächst abgelehnt. Am Montag schoss der Aktienkurs des Konzerns aus Bradford um gut 30 Prozent in die Höhe. Die anderen Supermarktgruppen lagen ebenfalls im Plus mit 1,6 Prozent (Tesco) sowie fast 4 Prozent für Sainsbury und Ocado. Allein diese Bewegung hat dem FTSE 100 am Montag geholfen.

          MORRISON SUPERMKTS LS-,10

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          Seit Jahresanfang ist der Aktienindex FTSE 100 der hundert Großunternehmen, die stark multinational engagiert sind, um 12,6 Prozent gestiegen. Der Index FTSE Small der Kleinwerte, die vor allem auf dem britischen Markt ihr Geld verdienen und von der heimischen Wirtschaftserholung profitieren, ist noch weit stärker gestiegen, nämlich um 18,7 Prozent. Das schwächere FTSE-100-Ergebnis liegt auch daran, dass der Pfund-Kurs sich seit Jahresbeginn etwas erholt hat. Gegenüber dem Dollar stieg das Pfund zeitweise auf mehr als 1,40 Dollar – den höchsten Stand seit gut drei Jahren. Ist das Pfund stark, sind die im Ausland erzielten Gewinne weniger wert; dies bremst den Kursanstieg der FTSE-100-Werte.

          Dennoch gehörte der britische Aktienmarkt in diesem Jahr im internationalen Vergleich zu den stärksten, wie die Investmentbank Goldman Sachs in einer Übersicht darstellt: Nur der französische CAC 40 ist – in Pfund gerechnet – noch etwas stärker gestiegen, der Dax legte in Pfund gerechnet weniger zu (8,6 Prozent).

          FTSE100

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          Die starke Londoner Börse spiegelt die wirtschaftliche Erholung des Landes, die vor allem von der erfolgreichen Impfkampagne und der dadurch erlaubten Öffnung nach dem dritten Lockdown angetrieben wird. Nach einer Rekordrezession mit einem Einbruch um 10 Prozent im ersten Corona-Jahr könnte das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um mehr als 7 Prozent zulegen, schätzt die OECD. Die britische Handelskammer BCC hat ihre Prognose sogar auf mehr als 8 Prozent erhöht. Schon Ende dieses Jahres dürfte das Vorkrisenniveau der Wirtschaftsaktivität wieder erreicht werden.

          Die kräftige Erholung, die von der lockeren Geldpolitik und den staatlichen Ausgaben- und Unterstützungsprogrammen mit beflügelt wird, hat aber auch eine Kehrseite: Nicht wenige am Markt reden nun über mögliche Überhitzungs- und Inflationsgefahren. Der scheidende Chefvolkswirt der Bank of England, Andy Haldane, sieht schon die Gefahr einer Lohn- Preis-Spirale. Vor zwei Wochen warnte er, Großbritannien sei „am gefährlichsten Punkt“ für die Geldpolitik seit drei Jahrzehnten. Nach den neuesten Daten des Statistikamtes ist die Inflationsrate im Mai von 1,5 auf 2,1 Prozent gestiegen und damit deutlich über die von Analysten erwarteten 1,8 Prozent. Die Notenbank und viele Volkswirte erwarten, dass die Teuerungsrate in diesem Jahr auf bis zu 3 Prozent klettern wird. In den USA steigt die Inflationsrate sogar auf fast 5 Prozent, auch getrieben durch teurere Treibstoffpreise.

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          Andy Haldane, der die Notenbank diesen Monat verlässt, um einen neuen Posten bei der Royal Society of Arts zu übernehmen, wollte die ultralockere Geldpolitik reduzieren und die verbleibenden Anleihekäufen von 50 Milliarden Pfund schon vor einem Monat streichen, doch der Rest des Zentralbankrats war anderer Meinung. Alle anderen acht Mitglieder stimmten gegen ihn.

          An diesem Donnerstag steht die nächste Sitzung des geldpolitischen Komitees (MPC) der Notenbank an. Der Ökonom George Buckley, der für die japanische Nomura-Investmentbank arbeitet, sieht die Möglichkeit, dass Haldane bei seiner letzten Sitzung einige weitere MPC-Mitglieder auf seine Seite zieht. „Es gibt das reale Risiko“, sagt er, „dass der scheidende Chefökonom andere Mitglieder des Gremiums mitnimmt und dass es eine Spaltung des Komitees gibt.“ Aber Buckley sagt auch, dass die BoE die „scharfe Erholung des BIP zusammen mit Überraschungen bei der Inflation“ nicht unbeantwortet lassen dürfe.

          Der Leitzins der BoE steht seit Beginn der Corona-Krise bei nur 0,1 Prozent, zusätzlich hat sie ihr Anleihekäufeziel auf fast 900 Milliarden Pfund ausgeweitet – das ist relativ zum BIP fast die Dimensionen des EZB-Kaufprogramms. Wie stark und dauerhaft der Preisdruck im Königreich zunehmen wird, ist unklar. Die Lloyds Bank veröffentliche eine Übersicht über Preissteigerungen in vierzehn Branchen. Demnach war die Preisdynamik so stark wie seit 22 Jahren nicht mehr. Sollte die BoE einen Kurswechsel verkünden und den warmen Geldregen verringern oder gar abstellen, würde das auf den Aktienmärkten als kalte Dusche ankommen. Aber so weit ist es noch nicht. Wahrscheinlicher dürfte sein, dass die MPC-Mehrheit beim expansiven Kurs bleibt. Goldman Sachs prognostiziert, dass der FTSE 100 in zwölf Monaten bei 7600 Punkten steht.

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