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Türkische Währung : Der schier unaufhaltsame Absturz der Lira

Banknoten der türkischen Währung Lira Bild: Reuters

Die türkische Währung verliert immer mehr an Wert. Das Vertrauen der internationalen Finanzmärkte ist erschüttert. Welche Rolle spielt Präsident Erdogan dabei?

          2 Min.

          Inmitten politischer Spannungen und weltweit zunehmender Inflationssorgen erkundet die türkische Lira neue Rekordtiefs. Hatte sie zum Euro ihren im November markierten Tiefststand von 10,19 Lira schon Mitte Mai hinter sich gelassen – Freitagmittag bewertete der Devisenmarkt den Euro mit 10,44 Lira –, so zog nun auch der Dollar nach. Freitagmorgen mussten für die US-Devise 8,59 Lira bezahlt werden, so viel wie nie zuvor. In der Novemberkrise waren in der Spitze 8,58 Lira für einen Dollar verlangt worden. Gegen Mittag zog die Lira wieder leicht an.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Die Krise im November war geldpolitisch entschärft worden, indem Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan einen neuen Notenbankgouverneur bestimmt hatte. Der Vorgänger Naci Agbal hatte zwar mit klarer Sprache und Taten, darunter der Erhöhung der Leitzinsen auf 19 Prozent zur Bekämpfung der Inflation, das Vertrauen der Märkte gewonnen. Doch Erdogan fürchtet, hohe Zinsen würden das Wirtschaftswachstum schwächen und ersetzte Agbal Ende März durch Sahap Kavcioglu, der für einen weniger restriktiven geldpolitischen Kurs steht. Weitere Wechsel im Zentralbankrat, zuletzt in dieser Woche, folgten. Seit März verlor die Lira zum Dollar 13 Prozent an Wert. Auf ein Jahr gerechnet sind es 25 Prozent, gegenüber dem Euro sogar 38 Prozent.

          Droht eine neue Lira-Krise?

          Jeder Abwertungsschub könnte eine neue Lira-Krise auslösen, wenn dieser in eine höhere Inflation münde, schreibt Commerzbank-Analyst Tatha Ghose. Denn gegen eine höhere Inflation komme die Zentralbank nicht an, „weil sie die Zinsen nicht ,glaubhaft‘ erhöhen kann und damit die altbekannte ,Lira-Spirale‘ wieder anschiebt“.

          Euro/Lira

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          Der Zentralbankrat ließ die Leitzinsen zwar auch unter neuer Führung bisher unverändert, allerdings nimmt das Tempo der Geldentwertung von Monat zu Monat zu. Im April stiegen die Lebenshaltungskosten im Vergleich zum Vorjahr um 17,1 Prozent, auch die Arbeitslosigkeit bleibt trotz staatlicher Kündigungsverbote in der Pandemie hoch. Die reale Verzinsung sinkt damit, es wird weniger attraktiv, Devisen in Lira anzulegen. Wegen seiner hohen Importe, die die Exporte übertreffen, braucht das Land einen steten Zufluss an Devisen. Preissteigerungen auf importierte ausländische Waren wie Energierohstoffe heizen die Inflation weiter an.

          Hoffen auf den Tourismus

          Ein harter Lockdown in den vergangenen Wochen hatte die lokale Wirtschaft getroffen, auch wenn die Industrie weitgehend weiterarbeiten konnte. Indes ist der Tourismus, der für ein Siebtel des Bruttoinlandsproduktes steht, weitgehend zusammengebrochen. Gäste aus den wichtigsten Reiseländern Russland, Deutschland und Großbritannien fehlen. Jetzt hofft man in Ankara, dass die Sommersaison nicht abermals ausfällt. Man erwartet die Wiederaufnahme der Urlauberflüge aus Russland ab Mitte Juni, erst am Donnerstag besuchte eine ranghohe Delegation aus Ankara die Bundesregierung in Berlin und warb für die baldige Wiederaufnahme des Reisegeschäfts.

          Innenpolitische Verwicklungen wie Mafia-Vorwürfe gegen den Innenminister schaden der Regierung Erdogan. Er selbst würde bei Wahlen jetzt nach diversen Umfragen keine Mehrheit für sich gewinnen. Außenpolitische Streitigkeiten mit Amerika und der EU sind nicht beigelegt. Steigende US-Renditen und Anleger, die weltweit vorsichtiger werden bei riskanteren Anlagen und Schwellenländerwährungen, kommen hinzu.

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