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Lira-Kurs erholt sich : Die Investoren entdecken ihre Liebe zur Türkei

Einsteigen, bitte!: Der türkische Präsident Erdogan besichtigt die Testfahrt eines selbstfahrenden Busses. Bild: AFP

Türkeis Präsident Erdogan hat das finanzpolitische Ruder herumgerissen, und ausländisches Kapital strömt in größerem Umfang zurück in das krisengeschüttelte Land. Ist damit alles wieder gut?

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          Plötzlich ein Star: Hatte die türkische Lira im vorigen Jahr gegenüber anderen Schwellenländer-Währungen am schlechtesten abgeschnitten, so entpuppt sie sich im neuen Jahr als Überflieger. Das twitterte dieser Tage Robin Brooks, der Chefökonom des Institute of International Finance, einer Dachorganisation der internationalen Finanzwirtschaft. Der Höhenflug sei vor allem Folge des Politikwechsels, den die Türkei im November erlebt habe. Damals hatte Präsident Recep Tayyip Erdogan kurzerhand den Finanzminister, seinen Schwiegersohn, und den Zentralbankpräsidenten entlassen.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Seither hat die Notenbank den Leitzins um 675 Basispunkte auf 17 Prozent angehoben, der Realzins ist wieder im positiven Bereich, und die Lira hat sich deutlich erholt. Statt 8,58 Lira wie im vergangenen November mussten am Montag nur noch 7,25 Lira für einen Dollar gezahlt werden. Einen Euro gibt es nun für 8,76 statt für 10,19 Lira. Ausländisches Kapital strömt wieder in größerem Umfang ins Land. Ist damit alles wieder gut?

          Analysten bleiben zurückhaltend. Hinter ihrer Skepsis steht ein Name: Erdogan. Zweimal hat der Präsident in den beiden vergangenen Jahren den Chef der Zentralbank ausgetauscht, weil ihm dessen Zinspolitik missfiel. Hohe Zinsen würgen nach Auffassung Erdogans das Wachstum ab. Deshalb hatte er im vergangenen Sommer die Geldschleusen weit geöffnet, Banken veranlasst, billige Kredite zu vergeben und die Nachfrage angeheizt: Autoabsatz und Immobilienmarkt florierten – und wer konnte, deckte sich mit Edelmetallen und Devisen ein.

          Die Kehrseite der Medaille: Die Preise stiegen, die Geldentwertung auch. Aktuell beträgt die jährliche Inflation 14,6 Prozent, Lebensmittel verteuern sich sogar um 20 Prozent. Erdogan will die Inflation bekämpfen. Deshalb erhöht die Notenbank die Zinsen. Aber Erdogan will keine teuren Kredite. Vor Wirtschaftsvertretern sagte er unlängst: „Ich weiß, meine Freunde werden jetzt sauer sein, aber entschuldigt, als Präsident dieses Landes werde ich darüber weiter reden, denn ich glaube nicht, dass sich das Land mit hohen Zinssätzen entwickeln wird.“

          „Wem soll man da glauben?“, fragt Commerzbank-Analyst Tatha Ghose – Erdogan oder dem Zentralbankpräsidenten Naci Agbal? Letzterer bekräftigte angesichts der hohen Inflationsraten mehrfach, zuletzt am vergangenen Donnerstag, den strikten geldpolitischen Kurs der Notenbank. Agbal prognostiziert für Ende dieses Jahres einen Wert von 9,4 Prozent, aber auch Ende 2022 wird die Inflation demnach die Zielmarke von 5 Prozent nicht erreicht haben. „Sehr wahrscheinlich wird Erdogan aber schon viel früher die Geduld verlieren, darauf sollten die Märkte gefasst sein“, warnt Ghose.

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          Zurzeit überhören Investoren solche Warnungen. Nach einer Recherche der Nachrichtenagentur Reuters unter mehr als einem Dutzend internationaler Finanzinvestoren sind seit November wieder 15 Milliarden Dollar ausländisches Kapital ins Land geströmt. Ausländer hielten 5 statt zuletzt 3,5 Prozent türkischer Anleihen, auch wenn das nur ein Viertel des Wertes vor vier Jahren sei. Manche erwarten, dass sich der Kapitalzufluss bis zur Jahresmitte verdoppeln könne. An der Istanbuler Aktienbörse hat sich auch das seit November in einem Kursplus von 33 Prozent niedergeschlagen.

          Positive Wirtschaftsdaten hellen die Stimmung weiter auf. Der Internationale Währungsfonds hat seine Wachstumserwartung für das Schwellenland zwischen Europa und Asien unlängst von 5 auf 6 Prozent angehoben. Für das abgelaufene Jahr rechnet er nun mit einem Plus von 1,2 Prozent. Bisher hatte er wegen der Corona-Pandemie ein Minus von 5 Prozent kalkuliert. Hier schlagen sich die Stützungsaktionen aus dem Sommers nieder. Das chronische Defizit in der Leistungsbilanz soll wegen des wieder anziehenden Tourismus und sinkender Goldimporte auf 3,5 Prozent schrumpfen.

          „Sehr positiv“

          Tatsächlich will die Türkei die Goldproduktion von 42 Tonnen binnen 5 Jahren verdoppeln. Der Tourismus soll mit der steigenden Zahl von Corona-Impfungen – China hat der Türkei Millionen Dosen geliefert – bald wieder anspringen. Am Freitag vorgelegte Zahlen des Statistikamtes für das Jahr 2020 klangen noch verheerend: Die Einnahmen aus dem Tourismus brachen um zwei Drittel auf 12,6 Milliarden Dollar ein. Die Exporte gingen trotz der starken Lira-Abwertung um mehr als 6 Prozent zurück, während die Einfuhr um mehr als 4 Prozent stieg. Das Handelsbilanzdefizit weitete sich von 50 auf fast 70 Milliarden Dollar aus.

          Für viele ist das Schnee von gestern. Selbst in der Politik geht es bergauf. Erdogan macht der Europäischen Union, dem wichtigsten Handelspartner, Avancen und versucht, den Streit mit Amerika über den Kauf russischer Waffensysteme zu lindern. Nach Jahren des Stillstands wurden mit Griechenland die Gespräche über den Konflikt um Grenzen und Gassuche im Mittelmeer fortgesetzt. Noch voriges Jahr hatten beide Seiten Kriegsschiffe in Marsch gesetzt. Jetzt, sagt Außenminister Mevlüt Cavusoglu, sei die Atmosphäre „sehr positiv“.

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