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Lira-Absturz : Kommt jetzt die Mega-Zinserhöhung?

Angeschlagen: Die türkische Lira Bild: dpa

Die türkische Notenbank hebt ihren Inflationsausblick drastisch an. Analysten gehen nun davon aus, dass auch die lange erwartet starke Zinserhöhung folgt. Der Kurs der Lira stürzte in neue, ungeahnte Tiefen.

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          Die Kommentare der Analysten zur türkischen Landeswährung Lira klingen zunehmend fatalistisch: „Jetzt ist alles möglich“, schreibt Sebastian Petric, Türkeiexperte der Raiffeisenbank International (RBI), am Mittwoch. Um eine Wiederholung der Währungsprobleme von 2018 zu vermeiden, hätte die Zentralbank vorige Woche „entschlossen handeln müssen“. Doch sie ließ die Zinsen weitgehend, wo sie waren. Tatha Ghose von der Commerzbank sieht „keinen Grund, warum der Dollar-Lira-Kurs in den kommenden Wochen oder Monaten nicht die Marke von 9,00 überschreiten könnte.“

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Zur Wochenmitte hat er sich schon wieder ein Stück in diese Richtung gerobbt und den mittlerweile täglichen Negativ-Rekorden einen weiteren hinzugefügt: Kostete der Dollar am frühen Morgen noch 8,20 Lira, touchierte er am späteren Vormittag schon die Marke von 8,30 Lira. In Euro sah es für die türkische Währung nicht besser aus: 9,77 Lira mussten für den Euro gezahlt werden. Dabei hatte es ihn noch im März für 7 und im Juli für 8 Lira gegeben. Jetzt entwickelt sich der Euro-Lira-Kurs stramm Richtung 10 Lira.

          USD/TRY

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          Dabei hinderte ihn auch nicht die neue Inflationsprognose, die die türkische Notenbank am Mittwoch bekanntgab. Laut Gouverneur Murat Uysal erwartet sie jetzt im Jahresmittel eine Inflationsrate von 12,1 Prozent. Das sind 3,2 Prozentpunkte mehr als die bisher offiziell erwarteten 8,9 Prozent. Im kommenden Jahr soll die Rate der Geldentwertung, die eine wichtige Bestimmungsgröße für die Geldpolitik ist, 9,4 Prozent betragen. Bisher hatte die Zentralbank sie auf 6,4 Prozent taxiert. Höhere Kosten für Importe sowie steigende Lebensmittelpreise und Kreditwachstum hätten dazu geführt, dass die Inflation nicht so stark gesunken sei, wie man das erwartet habe, sagte er.

          „Die Notenbank schließt zur Marktentwicklung und zur Realität auf“, kommentierte Christian Wietoska von der Deutschen Bank. Die unerwartete Bekanntgabe der Inflationsprognose sei wohl auch eine Reaktion auf die Lira-Schwäche.

          Allerdings verteidigte Zentralbankchef Uysal die den Kursrutsch der Lira beschleunigende Entscheidung der Bank aus der Vorwoche, den Leitzins unverändert bei 10,25 Prozent zu belassen und lediglich den Zinssatz für andere Liquiditätshilfen anzuheben. Der Grund dafür, den wichtigsten Zinssatz für einwöchige Geldmarktgeschäfte stabil zu halten, sei die die durch die Covid-19-Pandemie verursachte weltweite Unsicherheit.

          Plötzlich auf der falkenhaften Seite

          Allgemein war die Entscheidung als Beleg dafür gewertet worden, dass die Zentralbank weiter unter dem Einfluss des Präsidentenpalastes stehe und nicht frei agieren könne. Womöglich wollte Uysal auch dem mit dem Auftritt in Istanbul entgegenwirken.

          Deutsch-Banker Wietoska interpretiert die Äußerungen gleichwohl als eine „große Verschiebung“ und sieht Uysal plötzlich „auf der falkenhaften Seite im Vergleich zu dem, was wir von ihnen erwartet haben“. Diese Prognosen lägen nun viel näher an den Markterwartungen.

          So sehr auch er den Zinsbeschluss der Vorwochen als „vertane Chance“ kritisiert, so schätzt er jetzt erst recht „die Wahrscheinlichkeit einer aggressiveren geldpolitischen Reaktion durch die Zentralbank in naher Zukunft hoch ein“. Eine solche Notfall-Zinserhöhung werde zwar wohl weniger krass ausfallen als im Krisenjahr 2018, also die Notenbank den Leitzins von 17,25 auf 24 Prozent anhob: „Wir sehen die Möglichkeit einer Erhöhung des Satzes für die einwöchige Reporate um 475 Basispunkte auf 15 Prozent“, sagte Wietoska.

          Auch VTB Capital-Analyst Akin Tuzun erwartet im November eine deutliche Zinserhöhung; „Der Druck auf die Inflation und die Lira dürfte die türkische Zentralbank dazu bringen, konventioneller zu handeln.“ Commerzbank–Experte Ghose stellt sich auf eine starke Anhebung des Leitzinses ein: „Nach der Erfahrung von 2018 ist auch klar, dass eine große Not-Zinserhöhung keine langfristig glaubwürdige Politikreaktion ist. Dennoch, eine Not-Zinserhöhung ähnlich wie damals könnte der wahrscheinlichste Versuch sein, die Abwertungs-Dynamik zu brechen.“

          Die Lira leidet aber nicht allein unter finanz- und wirtschaftspolitischen Entscheidungen. Eine Vielzahl außenpolitischer Konflikte – Kaukasus, Syrien, Irak, Libyen – belastet zunehmend das Verhältnis der Türkei zu seinen wichtigsten Handelspartnern in der EU und in Amerika. Hier drohen Sanktionen, amerikanische wegen des russischen Raketenabwehrsystem S-400, das der Nato-Partner Türkei trotz Warnungen vorige Woche getestet hatte, europäische, weil die Türkei weiterhin Gas in Gebieten des Mittelmeeres sucht, die andere Staaten für sich reklamieren. Der Schlagabtausch mit Frankreichs Präsident Emanuel Macron über Mohammed-Karikaturen und dessen Kritik am Islam kommt nun hinzu – obgleich der Aufruf von Präsident Recep Tayyip Erdogan zum Boykott französischer Produkte nicht zuletzt auch die türkische Wirtschaft trifft, die baut in Lizenz etwa französische Autos für den Export.

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