https://www.faz.net/-gv6-ohmi

Liquiditätsschwemme : Renditehunger treibt Anleger in gefährliche Investments

  • Aktualisiert am

Die Verlagerung vieler Anleger auf riskante Investments könnte eine Kurskorrektur und erhebliche Schwankungen an den Finanzmärkten nach sich ziehen.

          3 Min.

          Die Liquiditätsschwemme im internationalen Finanzsystem treibt renditehungrige Anleger mehr und mehr in riskante Investments. Dies birgt das Risiko von Übertreibungen, die eine Kurskorrektur und erhebliche Schwankungen an den Finanzmärkten nach sich ziehen können. Davor warnt der Leiter der Abteilung "Internationale Kapitalmärkte" beim Internationalen Währungsfonds (IWF), Gerd Häusler.

          "Ich gewinne den Eindruck, daß internationale Anleger auf der Suche nach attraktiven Renditen zunehmend die Risiken ausblenden", sagt Häusler im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zur Begründung führt das ehemalige Vorstandsmitglied der Dresdner Bank die vielfach nur noch geringen Renditeaufschläge von Anleihen aufstrebender Länder gegenüber den erstklassigen Staatspapieren von Industrieländern an.

          "Die Qualität einer Reihe von Emerging-Markets-Anleihen hat sich in den vergangenen Jahren zwar erhöht, weil sich die Fundamentaldaten dieser Länder dank einer vernünftigen Wirtschafts- und Finanzpolitik verbessert haben. Verbesserte Ratings bestätigen das. Beim Blick auf die aktuellen Zinsunterschiede zwischen den einzelnen Schuldnern stellt sich aber schon die Frage, ob die hohe Bewertung in jedem Fall gerechtfertigt ist", sagt Häusler. Sollte es, was nicht auszuschließen sei, zu einem kräftigen Renditesprung an den Kapitalmärkten der Industrieländer kommen, sei mit Korrekturen an den Märkten für Emerging-Markets-Anleihen zu rechnen, die sich auch negativ auf die Realwirtschaftlich auswirken könnten.

          Auswirkungen der Käufe asiatischer Notenbanken

          Als einen wichtigen, wenngleich nicht ausschließlichen Grund dafür, daß die Kapitalmarktzinsen in Amerika trotz des Konjunkturaufschwungs und der steigenden Haushaltsdefizite weitgehend stabil geblieben seien, nennt der IWF-Fachmann die Käufe amerikanischer Staatsanleihen durch ausländische Notenbanken, vor allem aus Asien, in einem "bisher nicht gekannten Ausmaß".

          Allein seit Beginn des Jahres seien insgesamt rund 40 Milliarden Dollar von ausländischen Zentralbanken gekauft worden. Mit einem schnellen Ende dieser Käufe, die das Ergebnis der Devisenmarktinterventionen zur Stärkung des Dollar seien, rechnet Häusler nicht. Diese Anlagepolitik sei aber schwierig zu beurteilen, da hinter den Zentralbankkäufen kaum kommerzielle Interessen steckten, "die sich allein mit Renditeerwägungen begründen lassen".

          Vielfach „Carry Trades“

          Die große Nachfrage nach amerikanischen Staatsanleihen sei aber auch eine Folge der recht steilen Renditestruktur in Amerika. Der verhältnismäßig große Unterschied zwischen den kurz- und den langfristigen Zinsen und die damit einhergehende hohe Liquidität führten zu vielen sogenannter "Carry Trades", bei denen die Investoren die Zinsdifferenz ausnützten, indem sie sich kurzfristig verschuldeten und mit dem aufgenommenen Kapital langfristigere Papiere mit höherer Rendite kauften.

          "Die amerikanische Notenbank hat die kurzfristigen Zinsen sozusagen festgenagelt", erklärt Häusler mit Blick auf die Zusage der Federal Reserve, die Zinsen für "beträchtliche" Zeit nicht zu erhöhen. Irgendwann aber, sagt er, müsse es zu einer Leitzinserhöhung und somit zu einer Normalisierung der Liquiditätsversorgung kommen.

          "Ginge es allein um die Verfassung der Finanzmärkte, dann sollte dies eher früher als später geschehen." Andernfalls drohten Übertreibungen, die im Falle einer plötzlichen Umkehr der Zinsentwicklung nicht nur den Industrienationen, sondern auch den Emerging Markets Schwierigkeiten bereiten könnten.

          Sorgfältige Risikoeinschätzung wichtig

          Eine sorgfältigere Risikoeinschätzung und eine etwas straffere Liquiditätsversorgung seien nicht zuletzt deshalb wichtig, um bei einigen Schuldnern einer gewissen Selbstzufriedenheit vorzubeugen. "Wir sollten nicht der Illusion erliegen, der große Zuspruch der Investoren sei ein uneingeschränktes Gütesiegel für die Wirtschaftspolitik. Der Reformeifer in den Emerging Markets darf nicht nachlassen", fordert Häusler.

          Angesichts der Dollar-Schwäche an den Devisenmärkten, insbesondere im Verhältnis zum Euro, besteht seiner Einschätzung nach "kein Grund zur Hysterie". Auch in der Vergangenheit seien zwischen Dollar und D-Mark schon Kurse auf dem aktuellen Niveau verzeichnet worden. "Wir sehen jetzt etwas vorschnell die alten Reflexe in Europa", sagt Häusler mit Blick auf Forderungen in Europa, aus Sorge um den Export und die Konjunkturentwicklung solle die Europäische Zentralbank die Zinsen senken oder am Markt intervenieren. "Interventionen können bestenfalls Zeit kaufen, sie sind aber kein Ersatz für notwendige Änderungen in der Wirtschaftspolitik." Europa und Japan seien aufgefordert, "den Wachstumsgraben zu Amerika zu verringern".

          Die Vereinigten Staaten müßten ihre Finanzpolitik wieder in den Griff bekommen und die Defizite zurückführen. In den neunziger Jahren habe sich Amerika dank hohen Wachstums und hoher Produktivitätsfortschritte des Zustroms riesiger Mengen privaten Kapitals erfreut. Sie hätten in wesentlichem Maße das Defizit in der Leistungsbilanz ausgeglichen. Inzwischen wiesen die privaten Kapitalströme aber erhebliche Schwankungen auf. Andererseits sei es nur "schwer vorstellbar, daß dies auf Dauer durch Dollar-Käufe der Notenbanken ausgeglichen werden kann", sagt Häusler.

          Kurzfristig mache es zwar keinen Unterschied, ob Private oder Notenbanken die amerikanischen Defizite in Leistungsbilanz und Budget finanzierten. "Langfristig aber sind die privaten Kapitalbewegungen ein besserer Indikator für einen angemessenen Wechselkurs", sagt das einstige Zentralbankratsmitglied der Deutschen Bundesbank.

          Weitere Themen

          Wer baut, bekommt Geld geschenkt

          Pläne der KfW : Wer baut, bekommt Geld geschenkt

          Die Staatsbank will erstmals Kredite mit Negativzinsen vergeben. Profitieren sollen Privatleute, Mittelstand und Kommunen. Bis die Negativzinsen beim Endkunden ankommen, könnte es allerdings noch dauern.

          Topmeldungen

          Angefasst und ausprobiert : Das kann das Motorola Razr

          Wer das neue Motorola Razr in die Hand bekommt, reißt erst einmal die Klappe auf und sucht wie bei anderen faltbaren Smartphones die Falte in der Mitte. Wir haben aber auch noch anderes ausprobiert.

          Buttigieg in Iowa vorn : Suche nach der Mitte

          Pete Buttigieg liegt in den Umfragen zur demokratischen Vorwahl in Iowa erstmals vorn. Ist er der Hoffnungsträger für die Zentristen oder nur der Aufreger des Monats? In jedem Fall verfügt er über ein gut gefülltes Konto.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.