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Libor-Affäre : Die Zinsmanipulation trifft auch Baukredite

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Baukredite gehören zu den Finanzprodukten, die manchmal vom Libor abhängen. Bild: ZB

Die Libor-Affäre hat Folgen für Immobilienfinanzierer und Privatanleger. Jedoch dürfte es ihnen schwerfallen, den Schaden nachzuweisen.

          Die Ermittlungen der Aufsichtsbehörden gegen Banken wegen der Manipulation wichtiger Geldmarktzinsen haben in den Vereinigten Staaten schon zu Sammelklagen von Investoren geführt. Dabei geht es hauptsächlich um professionelle Anleger wie Hedgefonds, die mit Derivaten auf Basis des für Dollar relevanten Interbankenzinses Libor gehandelt haben. Doch die Zinsmanipulationen, die der Bank Barclays mit 290 Millionen Pfund die höchste Strafe der britischen Finanzaufsicht eingebrockt haben, betreffen auch Kreditnehmer und Privatanleger.

          Während in Deutschland Baukredite überwiegend festverzinslich vergeben werden, dominieren in Großbritannien, Spanien, Italien, Irland und Portugal Darlehen mit variablem Zins. Deren Referenzzins ist im Euroraum der drei- oder der sechsmonatige Euribor. Dieser Interbankenzins ist ins Visier der EU-Kommission geraten, weil sie ähnlich wie beim Libor Manipulationen der Banken befürchtet. Deshalb prüft nun auch die deutsche Finanzaufsicht mehrere Institute. Sollte der Verdacht zutreffen, dass die Interbankenzinsen durch Absprachen der Banken künstlich niedrig gehalten wurden, ergibt sich für die Kreditnehmer aber kein Nachteil, weil sie geringere Zinskosten hatten. In Deutschland dürften variabel verzinsliche Baukredite ein Volumen von 200 Milliarden Euro haben, in Großbritannien von mehr als 800 Milliarden Euro.

          Ob es zu einer Welle an Schadensersatzklagen der Privatanleger kommt, muss zudem bezweifelt werden. Derzeit prüft die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), ob es durch die Zinsmanipulationen überhaupt Schadensfälle gibt. Dies ist die Vorstufe, bevor die Möglichkeit einer Klage erörtert wird. Es sei sehr schwierig, die Schäden zu quantifizieren, sagt ein DSW-Sprecher.

          Darüber hinaus basieren viele Investmentfonds auf Libor oder Euribor. In Deutschland dürften rund 80 Fonds den Libor als Vergleichsindex verwenden. Die Union Investment, Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, will ihre Ansprüche geltend machen, wenn es in den Vereinigten Staaten zu einem Gerichtsurteil im Sinne der Kläger kommen sollte. Die Deutsche Bank hatte im Bericht zum ersten Quartal eingeräumt, dass sie von den Ermittlungen der Aufsichtsbehörden betroffen und in den Vereinigten Staaten verklagt worden sei.

          Mancher Gläubiger von variabel verzinsten Anleihen hat Schaden erlitten

          Entgangene Zinseinnahmen könnten auch die Gläubiger von variabel verzinsten Anleihen geltend machen, die meistens auf Libor oder Euribor beruhen. Doch stellt sich die Frage, wie stark die Interbankenzinsen in der Vergangenheit durch die angeblichen Kartellabsprachen verzerrt wurden. Ein Unterfangen, dass der DSW-Sprecher als sehr aufwendig und schwierig bezeichnet.

          Auch in Großbritannien, wo die Ermittlungen bislang am weitesten sind, deuten Äußerungen der Finanzaufsicht darauf hin, dass die Auswirkungen auf Privatanleger nur marginal gewesen sein dürften. Im Vergleich mit Barclays betonte die Financial Services Authority (FSA) gemeinsam mit den amerikanischen Aufsichtsbehörden gar, es gebe keine Hinweise darauf, dass die Bank den Libor oder Euribor erfolgreich verändert habe.

          Jedoch haben 14 Barclays-Händler über Jahre, vor allem vor der Finanzkrise, systematisch die Refinanzierungskosten von Barclays zur Berechnung des Libor und Euribor gemeldet, die in Absprache mit den Kollegen aus dem Derivate-Handel formuliert wurden. Das ist verboten, weil Zinsderivate von den Bewegungen des Libor oder Euribor beeinflusst werden. Die Händler sollen ihre Meldungen an den Britischen Bankenverband (BBA) und den Europäischen Bankenverband ohne interne Absprache und Rücksicht auf Handelspositionen der Bank übermitteln. Dagegen hat Barclays über Jahre in Hunderten von Fällen verstoßen.

          Eine Bank allein kann den Zins nicht beeinflussen

          Allein kann eine Bank die Berechnungen des Libor oder Euribor nicht beeinflussen, denn sobald die Meldungen der Händler von denen der Konkurrenz zu stark abweichen, werden sie bei der Ermittlung des Libor und Euribor nicht berücksichtigt. Beide Sätze sind die global führenden Zinssätze, an denen sich die Konditionen von Derivaten im Zins- und Devisenhandel ausrichten. Außerbörslich gehandelte Libor-Kontrakte summierten sich Ende Juni 2011 auf 554 Billionen Dollar. Das Volumen kurzfristiger Zinsderivate belief sich an der Londoner Terminbörse Liffe Ende 2011 auf 477 Billionen Euro. Davon entfielen auf EuriborKontrakte 241 Billionen Euro.

          Angaben zum Volumen aller Finanzprodukte, die auf Libor oder Euribor beruhen, sind nur Schätzungen, die stark schwanken. Für den Libor nannte die britische Zeitung „Financial Times“ die Zahl von 350 Billionen Dollar, während das Wirtschaftsmagazin „The Economist“ das Volumen auf 800 Billionen Dollar veranschlagte. Trotz dieser hohen Varianz wird deutlich, welche enorme Bedeutung die Interbankenzinsen haben. Dies nährt den Verdacht, Banken könnten einen Anreiz zu Manipulationen haben. Kritik ruft deshalb das Verfahren beim Libor hervor, der auf Basis der Zinsmeldungen von nur 18 Banken ermittelt wird. Beim Euribor sind es 44 Banken. Die höhere Zahl macht Absprachen beim Euribor zwar schwieriger, aber nicht unmöglich.

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