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Lehren der Finanzkrise : Wie konnte es so weit kommen?

Bild: AFP

Die Finanzkrise von 2008 hat das Vertrauen von Anlegern erschüttert. Wie es dazu kommen konnte, beschäftigt bis heute die Ökonomen. Und sie stellen peu à peu die Grundannahmen ihrer Wissenschaft in Frage.

          Als die Finanzkrise vor zehn Jahren ihrem Höhepunkt entgegenstrebte und die Menschen sich fragten, ob die Banken zusammenbrechen und ihre Spareinlagen sicher sind, lautete eine Frage: Warum haben die Ökonomen, von wenigen Außenseitern abgesehen, das Unheil nicht kommen sehen? Mit Erstaunen erfuhren die Menschen, dass in den von der traditionellen Lehre der Ökonomen verwendeten Modellen Geld, Banken und Finanzmärkte nicht vorkamen, weil sie als uninteressante Untersuchungsobjekte galten. Sogar in den Zentralbanken dominierten diese Modelle.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

          Schon in der Krise begannen viele Vertreter der traditionellen Lehre, sich mit der Frage zu befassen, wie Geld, Banken und Finanzmärkte in die herrschenden Modelle eingebaut werden können. Im Zuge dieses Prozesses wurden alte und verschüttete Erkenntnisse wiederentdeckt und um neues Wissen ergänzt.

          Zu den wiederentdeckten Erkenntnissen zählt die überragende Bedeutung privater Verschuldung für den Zyklus von Aufschwung und Krise an den Finanzmärkten wie in der gesamten Wirtschaft. Hatten Ökonomen zuletzt vor allem auf die – fraglos Beachtung verdienende – Staatsverschuldung geschaut, so erweist sich in finanzhistorischen Betrachtungen die sich häufig durch Immobilienfinanzierungen auftürmende Verschuldung privater Haushalte als eine noch gefährlichere Gefahrenquelle.

          Ausgabe des „Handbuchs der Makroökonomik“ komplett überarbeitet

          Gewachsen ist auch das Verständnis für die Verletzlichkeit globaler und miteinander vernetzter Finanzmärkte, in denen sich Paniken ausbreiten und Krisen perpetuieren können. Die Bedeutung der Sicherheit des Finanzsystems ist erkannt worden, und auch wenn noch Debatten laufen, welche Rolle hier der Geldpolitik und der Regulierungspolitik zukommen, so erscheinen die Differenzen nicht unüberbrückbar.

          Die Krise hat Anlass gegeben zu Fragen über die Natur unseres Geldsystems und, spätestens mit der Null- und der Negativzinspolitik von Notenbanken, des Zinses. Der Rückgang des Zinses in den Krisenjahren ist als Bestandteil eines säkularen Prozesses erkannt worden, der vor Jahrzehnten begann und für den es zahlreiche Ursachen gibt, darunter die demographische Entwicklung und das schwache Produktivitätswachstum. Auch wurde die Rolle der Nachfrage nach sicheren Kapitalanlagen für die Zinsbildung erkannt.

          Wie sehr der Versuch, die traditionellen Modelle der Ökonomen mit Erkenntnissen der Finanzmarktforschung zu verbinden, von der traditionellen Lehre akzeptiert worden ist, zeigt die komplett überarbeitete Ausgabe des in Amerika erschienenen „Handbuchs der Makroökonomik“, das, von namhaften Ökonomen verfasst, den Stand des Wissens zusammenfasst. Anders als in der Erstauflage nehmen Themen um Schulden, Banken und Finanzmärkte im neuen Handbuch einen prominenten Platz ein, und es darf daran erinnert werden, dass zahlreiche deutsche, überwiegend der noch jüngeren Generation angehörende Ökonomen eingeladen wurden, für dieses Prestigeprojekt zu schreiben.

          Trotz aller Fortschritte ist die Arbeit noch lange nicht beendet, und ein gewisses Unbehagen bleibt spürbar. Denn die traditionelle Lehre gibt sich einerseits offen für neue Erkenntnisse in Fachzeitschriften und Handbüchern, aber aktuelle Lehrbücher und Handlungsempfehlungen zur Geldpolitik unterscheiden sich häufig nicht sehr von jenen, die schon vor der Krise verwendet wurden. Dieses Beharrungsvermögen der traditionellen Lehre hat einen Grund, mit dem sich auch das Scheitern der meist aus Außenseiterschulen stammenden Katastrophenökonomen erklären lässt. Anders als vielfach geweissagt, hat es keine neue Finanzkrise gegeben, die Weltwirtschaft ist in keine Rezession gefallen, die Banken sind nicht umgestürzt, und auch das Geldsystem ist intakt geblieben. Die traditionelle Lehre interpretiert dieses Ausbleiben neuer Krisen als eine Bestätigung ihrer Position.

          Rationalitätsannahme aufgeben

          Doch nicht zuletzt der Aufbau privater wie staatlicher Verschuldung und die Frage, ob angesichts nach wie vor sehr niedriger Zinsen die Geldpolitik in einer künftigen Rezession noch einmal die Feuerwehr spielen könnte, sollte die traditionelle Lehre dazu veranlassen, sich intensiver um die Integration von Erkenntnissen aus der Finanzmarktforschung zu bemühen.

          Diese Forschungen existieren, und sie zielen in unterschiedliche Richtungen. Es gibt Arbeiten zu Finanzmärkten, in denen die Annahme der traditionellen Lehre aufgegeben wird, die Menschen verhielten sich im Wirtschaftsleben immer rational. Stattdessen legen viele Menschen seit je in guten Zeiten an den Finanzmärkten einen übertriebenen Optimismus an den Tag, der sich in übertriebenen Pessimismus verwandelt, wenn sich die Kurshoffnungen nicht bestätigen. Dies ist keine neue Erkenntnis, aber moderne Ökonomen sind in der Lage, solche Prozesse auf eine Weise zu modellieren, die zumindest die Voraussetzungen für eine Integration in die traditionelle Lehre schafft. Es bleibt zu hoffen, dass dies nicht zu spät geschieht.

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