https://www.faz.net/aktuell/finanzen/lagarde-ezb-wird-negativzinsen-wohl-bis-ende-september-beenden-18052442.html

Lagarde : EZB wird Negativzinsen wohl bis Ende September beenden

EZB-Präsidentin Christine Lagarde zu Besuch im französischen Chanilly am 13. Mai. Bild: EPA

Die EZB-Präsidentin äußert sich erstmals recht konkret über den geplanten Weg der Zinswende. Der erste Zinsschritt soll im Juli kommen.

          2 Min.

          Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, hat sich am Montag erstmals konkreter zum Pfad der bevorstehenden Zinswende geäußert. In einem Blogbeitrag hob sie unter anderem hervor, dass die EZB wahrscheinlich im Juli mit der Anhebung der Zinsen beginnen und Ende September den Minusbereich verlassen werde. Damit würden die 2014 vom damaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi eingeführten Negativzinsen nach rund acht Jahren enden.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Ich erwarte, dass die Nettoanleihekäufe im Rahmen des Programms APP sehr früh im dritten Quartal enden“, kündigte Lagarde an. „Dies würde uns bei unserer Sitzung im Juli eine Zinserhöhung ermöglichen, die unseren Leitlinien entspricht. Basierend auf dem aktuellen Ausblick dürften wir in der Lage sein, bis zum Ende des dritten Quartals aus den Negativzinsen auszusteigen.“

          An den Finanzmärkten trieb die Aussicht auf ein baldiges Ende der Negativzinsen der EZB den Euro hoch. Die Gemeinschaftswährung stieg in der Spitze um ein Prozent auf ein Vier-Wochen-Hoch von 1,0664 Dollar.

          EUR/USD

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Lagarde begründete die Aussicht auf steigende Zinsen vor allem mit der hohen Inflation. Diese war im Euroraum zuletzt auf ein Rekordhoch von 7,4 Prozent gestiegen. Weitere Zinsanhebungen hingen vom Inflationsausblick ab: Wenn sich die Inflation mittelfristig bei zwei Prozent stabilisiere, sei eine schrittweise weitere Zinsnormalisierung angebracht, erklärte Lagarde. „Das Tempo und das Gesamtausmaß der Anpassung können jedoch nicht im Voraus bestimmt werden.“

          Im EZB-Rat drängten zuletzt immer mehr Mitglieder auf eine Normalisierung der Geldpolitik. Bundesbankchef Joachim Nagel und auch andere Währungshüter haben eine Zinswende für Juli ins Auge gefasst. Der niederländische Zentralbankchef Klaas Knot brachte sogar die Möglichkeit einer Anhebung um einen halben Prozentpunkt ins Spiel, falls die Inflation in den nächsten Monaten auf noch breiterer Basis stehe oder zulege. Am wahrscheinlichsten scheint aber eine Anhebung um 0,25 Prozentpunkte im Juli.

          Dabei gibt es mehrere Leitzinsen: Aktuell müssen Banken noch Negativzinsen zahlen, wenn sie überschüssige Gelder bei der Notenbank horten. Dieser sogenannte Einlagesatz liegt bei minus 0,5 Prozent. Der sogenannte Hauptrefinanzierungssatz für Kredite liegt bei 0 Prozent, der Spitzenrefinanzierungssatz bei 0,25 Prozent. Die EZB hat bislang noch nicht eindeutig angekündigt, ob sie, wenn, alle Leitzinsen gleichzeitig anheben will oder zunächst nur den Einlagesatz.

          Nächste Sitzung des EZB-Rates am 9. Juni

          Vor knapp anderthalb Wochen hatte Lagarde ihre Wortwahl in Bezug auf die erste Zinserhöhung schon etwas angepasst. Anders als viele ihrer Kollegen aus dem EZB-Rat sprach sie da aber noch nicht ausdrücklich vom Juli als Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung.

          Gleichwohl benutzte sie andere Formulierungen als noch nach der April-Sitzung des EZB-Rates. Bis dahin hieß es, dass die Notenbank die Nettokäufe von Anleihen im dritten Quartal beenden und „einige Zeit danach“ die Zinsen anheben werde. Auf einmal sprach Lagarde davon, die Käufe sollten „Anfang des dritten Quartals abgeschlossen“ sein und die Zeit danach bis zur Zinserhöhung solle ein Zeitraum von „nur wenigen Wochen“ sein. Unlängst hatte sie noch orakelt, das könnten „Tage“, aber auch „Monate“ werden.

          Offenbar reagiert Lagarde nicht nur auf die hohe Inflation – sondern auch auf immer mehr Forderungen aus dem EZB-Rat, endlich etwas zu tun. Aus dem unlängst veröffentlichten Protokoll der vorigen Sitzung des EZB-Rates war schon deutlich geworden, dass zügige Zinserhöhungen in der EZB-Führung an Unterstützung gewinnen.

          Eine Zinswende wird in der Geldpolitik gemeinhin nicht in einer Pressekonferenz verkündet, sondern durch viele Äußerungen vorbereitet. Die nächste geldpolitische Sitzung des EZB-Rates ist am 9. Juni. Dann könnte die EZB das Ende ihrer Nettoanleihekäufe verkünden. Die Sitzung darauf, für die nun die erste Zinserhöhung erwartet wird, ist am 21. Juli.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Passanten im multikulturellen Londoner Stadtteil Brixton

          Johnsons Asylpolitik : Verschlossene Briten, offene Briten

          Die britische Asylpolitik sorgt für Empörung. Selbst Kronprinz Charles soll sich „abgestoßen“ fühlen. Der Vorwurf der Abschottung führt aber in die Irre.
          Hochburg des Aktivismus: die Humboldt-Universität zu Berlin

          Abgesagter Biologie-Vortrag : Cancel Culture an der Humboldt-Uni

          Die Humboldt-Universität sagt den Vortrag der Biologin Marie-Luise Vollbrecht wegen angeblicher Transfeindlichkeit ab und distanziert sich von ihr. Die Hochschule beugt sich aktivistischem Druck und unterbreitet ein vergiftetes Angebot.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.