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Kursdebakel : Zwischen Ratlosigkeit und Hoffnung

  • -Aktualisiert am

„Zinssenkungen sind nicht die Patentlösung”, glaubt Christoph Bruns von Union Investment Bild:

Mit Unverständnis beobachten viele Marktteilnehmer die aktuelle Entwicklung am Aktienmarkt. FAZ.NET hat die Manager großer Aktienfonds nach ihrer Einschätzung gefragt.

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          Unruhe und Ratlosigkeit herrscht unter den Fondsmanagern angesichts der aktuellen Situation am Aktienmarkt. Die meisten Fondsgesellschaften winken ab und wollen auf Anfrage von FAZ.NET erst gar keine Stellungsnahme zur Marktentwicklung geben.

          Einer, der sich traut, ist Hans-Jörg Naumer, Leiter Investor Information bei Dresdner Bank Tochter DIT. „Ich glaube, die Ängste am Markt sind noch zu stark ausgeprägt“, so Naumer. „Nach einem Aufatmen der Bullen, wie wir es am Dienstag gesehen haben, kommt dann schnell wieder die Tatze der Bären und drückt die Kurse nach unten.“

          „Der Markt ist überverkauft“

          Dennoch schöpft Naumer aus der aktuellen Situation eine Hoffnung: „Mit jedem Tick der Kurse nach unten wächst die Wahrscheinlichkeit einer starken Senkung der Zinsen durch die amerikanische Notenbank in der kommenden Woche.“ Eine Rücknahme um 50 Basispunkte hält Naumer für möglich. „Und das wäre ja durchaus ein starkes Wort“, glaubt der DIT-Mann. Damit wären aus seiner Sicht zumindest starke Verstrebungen in den Boden eingezogen, den sich zur Zeit die meisten Marktteilnehmer erhoffen. Zudem sei der Markt technisch gesehen eigentlich stark überverkauft.

          Auch Gottfried Heller sieht die aktuelle Entwicklung eher gelassen. Der Geschäftsführer der Münchner Fiduka Depotverwaltung geht sogar noch einen Schritt weiter: „Wenn ich privat mehr Geld zur Verfügung hätte, dann würde ich jetzt all das kaufen, was die Verrückten da an der Börse zur Zeit auf den Markt werfen.“ Der Stratege ist sicher, dass die Situation am Mittwoch nur noch der wirkliche Kehraus vor dem nahenden Wiederanstieg darstellt.

          Orientierungslosigkeit der Analysten

          Für Heller drückt sich die Verzweiflung der Marktteilnehmer in den widersprüchlichen Begründungen aus, die am Markt angeführt werden. „Da werden Inflation und Deflation gleichzeitig gespielt“, zeigt sich Heller schon fast amüsiert über die Orientierungslosigkeit der Analysten. Eine Feststellung, die der Markt in seiner „V“-förmigen Bewegung der Indexentwicklung bis zum Mittwoch Nachmittag geradezu zu bestätigen scheint. Für Heller ein Grund mehr, auf die Sitzung der amerikanischen Notenbank am kommenden Dienstag zu setzen. „Ich denke, mit der heutigen Entwicklung wird es immer wahrscheinlicher, dass die Zinssenkung eher 50 Basispunkte betragen wird als 25“, glaubt Heller.

          Christoph Bruns, Leiter des Aktienfondsmanagements bei Union Investment, sieht in den kaum noch nachvollziehbaren Ausschlägen der Börsenkurse durchaus Zeichen einer Art Kapitulation der Hoffnung vor der einstweiligen Realität. Der vor wenigen Monaten noch feststellbare Grundoptimismus bei Privatanlegern und professionellen Investoren habe sich weitgehend verflüchtigt.

          Einige Werte schon wieder attraktiv

          „Die Stimmung ist mittlerweile als deprimiert, wenn nicht schon depressiv zu bezeichnen“, beobachtet Bruns. „Aber ich halte gerade diese Entwicklung eher für positiv, da sie mir als eine Art notwendige Bedingung eines echten und substanziellen Börsenaufschwungs erscheint.“ Das aber sei eben noch nicht genug. Für eine nachhaltige Bewegung der Kurse nach oben fehle es an weiteren Auslösern. „Zinssenkungen in den USA allein halte ich dabei übrigens nicht für die Patentlösung“, so Bruns. Erst wenn schlechte Meldungen nicht mehr zu einer weiteren Kursschwäche führten, könne es zu einer Umkehr dieser Entwicklung kommen.

          Was die aktuellen Bewertungen im Hochtechnologiesektor angeht, hält Bruns diese nach wie vor nicht für durchweg günstig. „Spitzentitel von der Qualität einer Nokia oder einer Cisco befinden sich jedoch schon in Bewertungsregionen, die ein Investment wieder attraktiv erscheinen lassen“, glaubt der Union-Stratege. So wie der Aktienmarkt zu Übertreibungen im optimistischen Überschwang neige, werde er auch die laufende Korrekturphase mit der zur Zeit beobachteten Übertreibung nach unten durchwandern müssen.

          Der breite Markt hatte und hat kein Problem“

          Wirkliche Verbesserungen am Neuen Markt aber erwartet der Union-Stratege erst mit einer Welle guter Neuemissionen. Zu den Standardwerten erklärt Bruns: „Der breite Aktienmarkt hatte kein Bewertungsproblem und besitzt auch heute keines.“ Die Zuflusssituation für eher konservative Aktienkategorien dürfte in den nächsten Monaten gut bleiben. Zu ehrgeizige Renditeerwartungen hält er jedoch auch hier für unangemessen.

          Auch Bernhard Langer, Chief Investment Officer bei der britisch-amerikanischen Fondsgesellschaft Invesco, sieht in der aktuellen Entwicklung eher eine Art Umkehrung der Übertreibung, wie sie sich im vorigen Jahr in die andere Richtung abgespielt habe. „Auch diesmal haben wir erste Anzeichen für eine Unterbewertung bereits zu Jahresbeginn gesehen“, so Langer. „Anfang 2000 war es im Grunde das entgegengesetzte Bild, wenn auch in einem vergleichbaren Ausmaß.“

          Schnelle Bewegung nach oben durchaus möglich

          Und dann sei es im März eben zu einem Platzen der Blase gekommen, resümiert Langer. Ohne dabei den Unterton zu unterdrücken, dass die aktuelle Entwicklung eben genau das erwartete Zeichen für die Gegenbewegung nach oben darstellen könnte. Zwar könne keiner wissen, auf welchem Niveau die erwartete Erholung einsetzen werde. „Wenn es aber dazu kommt, dann kann es durchaus zu starken Bewegungen von bis zu zehn Prozent an einem Tag nach oben kommen“, so Langer. Dafür würden dann schon jene Anleger sorgen, die ihr Geld derzeit noch als Cash vorhalten oder die Absicherungen aus ihren bestehenden Aktienpositionen herausnehmen.

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