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Krypto-Währungen : Singapur zieht die Krypto-Zügel an

Singapur hat ein anderes, strengeres Konzept der Krypto-Lizensierung. Bild: REUTERS

Singapur nutzt ein anderes Konzept der Lizensierung. Wer es hier schafft, profitiert vom guten Ruf des Stadtstaates. Deshalb gibt es auch viele Bewerbungen, doch die Notenbank ist auch sehr wählerisch.

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          Der Finanzplatz Singapur zeigt sich von seiner strengen Seite: Wer etwas naiv gehofft hatte, hier ein neues Eldorado für digitale Währungen zu finden, täuscht sich. Mehr als 170 Unternehmen hatten sich um eine der begehrten Lizenzen beworben, auf der südostasiatischen Insel mit Kryptowährungen arbeiten zu dürfen. Mehr als einhundert von ihnen haben inzwischen aber aufgegeben und ihre Bewerbung zurückgezogen, oder sie wurden aussortiert. Allerdings ist die Liste der Bewerber für eine Lizenz auch äußerst bunt: Sie reicht von digitalen Handelsplattformen über Vermögensmanager und -berater bis hin zu Fachfirmen für Geschäftskunden, die sich für digitale Währung öffnen wollen. Ihnen allen ist gemein, dass sie sich mit demjenigen schmücken wollen, über das sie nun möglicherweise stolpern: Singapurs strenge Regulierung. Wer unter diesem Regime eine Lizenz erhält, erscheine deshalb besonders sauber und praktisch „staatlich geprüft“, hoffen die Bewerber.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Noch bietet etwa die größte Handelsplattform der Welt, Binance, einen – in der Summe stark regulierten – Kauf und Verkauf von Bitcoin, Ethereum oder Binance Coin in Singapur an. Damit wird es bald ein Ende haben: Mitte Januar wird der Handel von Binance Asia Services eingestellt werden. Mitte Februar wird Binance in Singapur abgeschaltet. Die junge Firma hat ihren Antrag auf Genehmigung bei der Notenbank Monetary Authority of Singapore (MAS) schon zurückgezogen. „Die Entscheidung ist uns nicht leichtgefallen, und wir entschuldigen uns im Vorhinein für alle Unannehmlichkeiten, die sie erzeugt“, heißt es auf der Internetseite. Andere stellen den Fall wesentlich nüchterner da: Demnach habe Binance schlicht die hohen Anforderungen der MAS nicht erfüllt und baue nun an einer Legende.

          Es darf nicht zu viele Anleger geben

          Der Fall erregte unter Fachleuten Aufsehen, weil Vertex Ventures, der lokale Partner von Binance, von Singapurs staatlicher Investmentfirma Temasek Holdings unterstützt wird. Gleichwohl wartete man Monate auf eine Lizenz, bis Binance nun die Reißleine gezogen hat oder sie gezogen wurde. Und dies, obwohl Binance bald schon über seinen internationalen Sitz entscheiden will – und der reiche Stadtstaat eigentlich hinter der Neuansiedlung von Unternehmenszentralen her ist. Nun spricht vieles für einen Sitz etwa in Dubai oder einer europäischen Metropole. Ganz mit Singapur verkrachen wollen sich aber auch die Binance-Macher nicht: Nun soll zumindest noch ein Zentrum für die Entwicklung der Grundlagentechnik Blockchain am Äquator gegründet werden. Für Anleger, die der Börse vertrauten, kann all das nun sehr teuer werden: Binance erlaubt sich, jene, die ihr Geld nicht rechtzeitig abheben und ihre Konten löschen lassen, mit einer Einmalgebühr von 20 Prozent der Gesamteinlage in Kryptowährung und weiteren 5 Prozent „Wartungsgebühr“ im Monat zu belasten.

          Die Zukunft vieler anderer Plattformen auf der immer noch langen Liste der MAS ist mehr als ungewiss. Gewiss ist nur, dass Ravi Menon, der hoch angesehene Notenbankgouverneur, schon vor längerer Zeit erklärt hatte, der Stadtstaat brauche keine 170 Spieler im Kryptosektor, sondern „vielleicht die Hälfte“. Menon bleibt offen, aber kritisch. „Die Preise von Krypto-Token beruhen nicht auf wirtschaftlichen Fundamentaldaten und sind starken spekulativen Schwankungen ausgesetzt“, warnte er gerade: „Anleger in diese Token laufen Gefahr, erhebliche Verluste zu erleiden. MAS ist jedoch auch der Ansicht, dass Blockchains und Krypto-Token viele potenzielle Vorteile bringen können.“ Das im vergangenen Januar offen gestaltete Lizenzierungssystem sollte einen Gegenentwurf zu einem möglicherweise überregulierten Hongkong darstellen.

          Singapur bleibt streng

          Inzwischen aber hat die Vorsicht gesiegt. „Aufgrund der Geschwindigkeit und des grenzüberschreitenden Charakters der Transaktionen für Geldwäsche, Terrorismusfinanzierung oder Waffenhandel könnten Kryptowährungen missbraucht werden“, heißt es bei der MAS. „Anbieter von digitalen Zahlungsmitteln in Singapur müssen Anforderungen erfüllen, um solche Risiken zu mindern. Dazu gehört, eine angemessene Sorgfaltspflicht gegenüber Kunden zu erfüllen, regelmäßige Kontoüberprüfungen durchzuführen und verdächtige Transaktionen zu überwachen und zu melden.“ Zwar bewahrt der Stadtstaat ein Bankgeheimnis wie Fort Knox, wie sich jüngst erst wieder bei den Ermittlungen gegen den Betrug im Fall der deutschen Wirecard in Singapur zeigte. MAS will sich aber gegen den Verdacht absichern, Singapur sei eine Drehscheibe für Schwarzgeld etwa aus Nachbarländern wie Indonesien, China oder Indien, was dem Stadtstaat immer wieder vorgehalten wurde.

          Auch Alteingesessene werden nun deshalb aussortiert. Der Senior-Minister Tharman Shanmugaratnam hatte noch im Sommer von 90 Unternehmen gesprochen, die eine Ausnahmelizenz bekommen hätten – dies waren jene, die schon im Stadtstaat tätig waren und sich aus dieser Position heraus bewarben. Deren Anzahl aber ist seitdem auf nur noch rund 70 geschmolzen. Eine tragfähige Lizenz haben bislang vier Institutionen zugesprochen bekommen: zunächst Fomo Pay, eine Fintech-Firma von der Tropeninsel, dann die australische Krypto-Handelsplattform Independent Reserve, gefolgt von DBS Vickers Securities, die zur Staatsbank DBS Group Holdings zählt. Ende November folgte der Krypto-Bezahldienstleister TripleA.

          Dessen Chef Eric Barbier spricht aus, wonach all seine Wettbewerber suchen: „Die Menschen rund um die Erde vertrauen Singapurs Rechtssystem. Dies ist das einzige entwickelte Land der Erde, das ein vernünftiges System zur Lizenzierung von Kryptogeschäften hat.“ Dank der Lizenz des Stadtstaates wolle seine erst im Jahr 2017 gegründete Plattform ihre Kundenzahl von 600 auf 50.000 ausbauen. Auch die 2014 im Stadtstaat gegründete Plattform Coinhako habe eine „In principle“-Lizenz erhalten, vermeldet das Unternehmen selbst.

          Nicht alle scheinen so positiv gestimmt wie Lizenzgewinner Barbier. Anndy Lian, seit einem halben Jahr Vorsitzender des Verwaltungsrates für Asien von BigOne Exchange aus Holland, sagt gegenüber der Nachrichtenagentur Nikkei: „Der gesamte Prozess der Lizenzvergabe ist nicht sehr transparent. Es entsteht der Eindruck, dass die Regierung große Unternehmen und ausländische Börsen bevorzugt.“ Seine Firma jedenfalls werde sich nicht bewerben.

          Auch wenn das Auswahlverfahren ganz sicher streng ist, so sind die Chancen für die Gewinner riesig. Denn während sich Singapur den neuen Zahlungs- und Investitionsmöglichkeiten sehr kontrolliert nähert, schließen Nachbarländer schlicht die Tür. China etwa hat den Zahlungsverkehr mit Kryptowährungen eingestellt, weil er die „wirtschaftliche Ordnung“ gefährde. Thailand und Indien suchen noch ihren Weg, schränken aber die Möglichkeiten stark ein. Auch in Japan zieht die Financial Services Agency die Zügel immer weiter an.

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