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Venezuela am Abgrund : Kryptonit gegen Superman

  • -Aktualisiert am

Venezuelas Wirtschaftsminister Hugbel Roa stellt den Petro vor. Bild: AFP

Die Währungsidee Petro ist umstritten. Die einen feiern sie als „Anfang vom Ende des Dollars“. Andere sehen sie eher als letzten Strohhalm des venezolanischen Regimes und seiner Günstlinge.

          Es war eine dieser typischen sozialistischen Erfolgsmeldungen, wie sie die venezolanische Regierung täglich dutzendfach in die Welt setzt. Meist geht es darum, dass ein Schiff mit so und so vielen Tonnen Lebensmitteln eingelaufen ist, oder dass die sozialistischen Lokalkomitees für Versorgung und Produktion CLAP so und so viele Familien irgendwo im Land mit ihren Nahrungsmittelpaketen versorgt haben. Am Mittwoch aber hatte Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro eine Finanznachricht im Weltmaßstab zu verkünden.

          Für die neue staatliche Kryptowährung Petro seien am ersten Tag Kaufabsichten im Wert von 735 Millionen Dollar geäußert worden. Im Stile des Bitcoins will Venezuela eine eigene digitale Währung etablieren, deren Einheiten von Computern erschaffen werden. Viele internationale Medien nahmen die Nachricht vom Start der ersten Kryptowährung eines souveränen Staates gierig auf und machten aus den von Maduro vermeldeten „Kaufabsichten“ sogleich „Einnahmen“. Venezuela habe am ersten Tag der neuen Digitalwährung 735 Millionen „kassiert“, lauteten die Schlagzeilen. Mit dem geplanten Emissionsvolumen von 100 Millionen Petro zu einem Referenzpreis von etwa 60 Dollar je Einheit könne der vermeintlich durch Ölreserven abgesicherte Petro ein Marktvolumen von 6 Milliarden Dollar erreichen und aus dem Stand in die Top Ten der globalen Kryptowährungen aufsteigen.

          Abgesehen davon, dass die Regierung in der laufenden Vorverkaufsphase hohe Abschläge auf den Referenzpreis akzeptieren dürfte, ist unklar, inwieweit sich die Kaufabsichten in tatsächliche Geldflüsse an den notleidenden venezolanischen Staat umsetzen werden. Analysten der Eurasia Group halten 2 Milliarden Dollar für eine realistische Größe. Das öffentliche Angebot soll am 20. März starten, bis dahin verhandelt die Regierung über Direktzuteilungen an „institutionelle Anleger“.

          Währung oder keine Währung?

          In Fachkreisen wird derweil diskutiert, ob der Petro überhaupt eine Kryptowährung ist, wie unklar die offiziellen Ausführungen zum Petro in dem entsprechenden „Whitepaper“ seien und was die Deckung durch die Ölreserven in dem genau bezeichneten Ölfeld Ayacucho 1 im Orinoco-Gebiet Venezuelas wohl wert sein könnte. Für Irritationen sorgte auch, dass die für die Schaffung des Petros vorgesehene Blockchain-Technologie kurzfristig umgestellt worden war (von Ethereum auf NEM). Langfristig will die Regierung gar eine eigene Blockchain-Technologie anwenden, um die Kontrolle über die Schaffung des Petros ganz in eigene Hände zu übernehmen.„Große Lösungen für große Probleme!“, tönte Maduro zum Start des Petro. Venezuelas Probleme sind in der Tat gigantisch.

          Am Tag des Petro-Starts veröffentlichten drei Universitäten die Ergebnisse einer regelmäßigen Erhebung über die Lebensbedingungen in Venezuela. Danach leben inzwischen 87 Prozent der Bevölkerung in Armut, doppelt so viele wie zu Maduros Amtsantritt vor fünf Jahren. Sechs von zehn Venezolanern gehen abends hungrig schlafen, weil sie kein Geld für ausreichende Mahlzeiten haben. Während Maduro davon phantasierte, Venezuelas Universitäten und Schulen zu Farmen für das extrem energieintensive Mining von Petro und anderen Kryptowährungen zu machen, fiel im halben Land mal wieder der Strom aus. So wie Benzin ist der subventionierte Strom im sozialistischen Venezuela absurd billig, aber chronisch knapp.

          Der Petro sei „eine Kryptowährung, die es mit Superman aufnehmen kann“, sagte Maduro in Anspielung auf die ikonische Comic-Figur Amerikas, die nur dann ihre Kräfte verliert, wenn sie dem fiktiven Mineral „Kryptonit“ ausgesetzt wird. Denn darum geht es wohl im wesentlichen bei der Schaffung des Petros. Die venezolanische Regierung versucht, mit diesem Instrument die Finanzsanktionen der Supermacht Vereinigte Staaten zu umgehen. Aufgrund der Verstöße gegen Menschenrechte und Demokratie verbietet die amerikanische Regierung seit August 2017 den Erwerb von venezolanischen Anleihen. Auch der Petro sei davon betroffen, stellten die amerikanischen Behörden klar. Der Petro sei „der Anfang vom Ende des Dollars“, frohlockte demgegenüber der Chef der venezolanischen Aufsichtsbehörde für Kryptowährungen, Carlos Vargas.

          Venezuelas Petro-Strategen setzen darauf, mit dem Kryptoinstrument anonyme Finanztransaktionen zu ermöglichen, die von keiner amerikanischen Kontrolle erfasst würden. In venezolanischen Finanzkreisen werden einige Kandidaten genannt, die für solche Geschäfte in Frage kommen könnten. Allen voran die Angehörigen der „Boli-Bourgeoisie“, also die Mitglieder und Günstlinge der sozialistischen Regierung, die durch Geschäfte im Windschatten der bolivarischen Revolution reich geworden sind. Etwa jene, die Zugang zu Devisen für 10 Bolívar je Dollar hatten, als am Schwarzmarkt ein Vielfaches, am Ende gar das Zigtausendfache dieses Wertes zu zahlen war. Dutzende Mitglieder des Regimes und deren Günstlinge stehen auf der schwarzen Liste der amerikanischen Regierung und suchen nach Möglichkeiten, ihre Vermögen zu bewegen. Eine vom Regime selbst kreierte Kryptowährung könnte ihnen helfen. „Der Petro bekräftigt unsere wirtschaftliche Souveränität“, heißt das in der Lesart Maduros.

          Als ausländischer Interessent wird Russland genannt. Nicht nur, weil die Russen selbst an einer staatlichen Kryptowährung basteln und deshalb das venezolanische Experiment aufmerksam verfolgen. Russland hat dem Regime in Caracas schon mehrfach finanziell unter die Arme gegriffen und zeigt großes Interesse, sich den Zugriff auf die größten Erdölvorkommen der Welt zu sichern. Anders als gewöhnliche Anleger hätten die Russen möglicherweise einen ausreichenden Hebel, Ansprüche auf das mit dem Petro als Sicherheit verbundene Ölfeld auch tatsächlich durchzusetzen.

          Für den Ölexperten Francisco Monaldi ist die Deckung des Petros durch Ölreserven ohnehin „reine Fiktion“. Das Öl sei noch im Boden, es gebe nicht mal ein Projekt, geschweige denn Kapital, um es zu fördern. Zudem sei das Orinoco-Öl von schlechter Qualität, der Wert von der Regierung viel zu hoch angesetzt. Nach der geltenden Verfassung sei der Deal im Übrigen unzulässig, erklärt Monaldi. Der Petro sei „wahrscheinlich bloß eine neue Form, dunkle Geschäfte zu machen, von denen einige wenige profitieren, auf Kosten aller Venezolaner“.

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