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Ökonom : „EZB hat an Rückhalt verloren“

Die neue EZB-Präsidentin Christine Lagarde Bild: dpa

Die Kritik an der Geldpolitik ist auch in der breiten Öffentlichkeit angekommen, stellt der Chefvolkswirt der Privatbank Donner & Reuschel fest. Für 2020 erwartet er politisierte Börsen.

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          Das kommende Jahr 2020 wird nach Ansicht des Chefvolkswirts der Hamburger Privatbank Donner&Reuschel, Carsten Mumm, wieder sehr politisch geprägt sein. Ein bestimmender Faktor werde die Geopolitik sein, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. Der Kampf um die Vormachtstellung zwischen den Vereinigten Staaten und China werde weiterhin im Mittelpunkt stehen. Der Handelskonflikt sei ein Teil dieser Auseinandersetzung. „Auch die amerikanischen Präsidentschaftswahlen dürfen für die Entwicklung an den Finanzmärkten nicht unterschätzt werden“, fügt Mumm hinzu.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die zwei anderen Faktoren, auf die er verweist, sind die Geldpolitik und die Europa-Politik. Er könne sich vorstellen, dass die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zusammen mit der Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, eine positive Dynamik entfalten. Für spannend hält er die Geldpolitik, weil sich die EZB in eine schwierige Rolle manövriert habe. Die Kritikpunkte einer Vermögenspreisblase oder einer Fehlallokation mögen seinen Worten zufolge in einem Kreis der Eingeweihten diskutiert werden. „Deutlich schwerer trifft die EZB, dass ihre Geldpolitik deutlich an Rückhalt in der Öffentlichkeit verloren hat.“ Davon zeugten die negativen Überschriften einiger Boulevardzeitungen zu den Auswirkungen der Negativzinsen auf die Ersparnisse. So hat die „Bild“-Zeitung Lagardes Vorgänger Mario Draghi in Anspielung auf den Vampir Graf Dracula als „Graf Draghila“ bezeichnet, um die schädlichen Auswirkungen der Negativzinsen auf die Ersparnisse zu illustrieren.

          Mumm erwartet, dass Lagarde stärker für die EZB und ihre Geldpolitik werben werde. „Im Gegensatz zu Draghi dürfte sie das auch nach außen allgemein verständlich kommunizieren können.“ Von Lagarde erwartet der Donner&Reuschel-Chefvolkswirt mehr Druck auf die Fiskalpolitik, um die Konjunktur zu stimulieren. „Sollte in Europa eine Rezession drohen, dürfte Lagarde auch die Möglichkeiten von Helikoptergeld prüfen“, fügt er hinzu. Darunter sind weitere monetäre Maßnahmen zu verstehen, um über eine Ausweitung der Geldmenge die gesamtwirtschaftliche Nachfrage anzuregen. Darunter fallen sogar Vorschläge, wie jedem der gut 340 Millionen Einwohner im Euroraum regelmäßig einen Geldbetrag auf das Konto zu überweisen.

          Das Wachstum der Weltwirtschaft wird sich nach Ansicht von Mumm im kommenden Jahr etwas abschwächen. Auch in den Vereinigten Staaten werde die Konjunktur schleppender verlaufen, obgleich der Ökonom dort keine Rezession erwartet. Zur Not werde Präsident Donald Trump im Wahlkampf weitere Steuersenkungen ankündigen.

          Gemessen an den Zahlen zur Industrieproduktion, die im Oktober um 5,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gesunken ist, befinde sich Deutschland in einer Rezession. Dass das Wachstum der Gesamtwirtschaft noch über der Nulllinie liege, sei dem Bau-Boom sowie dem robusten Konsum zu verdanken. Sollte sich im Handelskonflikt eine Entspannung abzeichnen, könnten davon die deutschen Maschinenbauer profitieren, weil die Unternehmen dann wieder mutiger für Investitionen werden. „Mehr Zuversicht im Handelskonflikt ist die Voraussetzung, dass sich die deutsche Industrie wieder erholen kann“, sagt Mumm.

          Aktien hält er auch im kommenden Jahr für eine attraktive Anlageklasse. Allerdings dürften die Zugewinne im Dax nicht so hoch wie im zu Ende gehenden Jahr ausfallen, der bislang fast ein Viertel zugelegt hat. „Ich sehe den Dax im Jahr 2020 bis auf 14000 Punkte steigen“, erwartet Mumm. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe sieht er bei null Prozent und damit nicht mehr im negativen Bereich.

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