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Ukraine : Die Krise stoppt die Börse nicht

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Harmonie ist unter ukrainischen Politikern höchst selten Bild: AP

Volkswirtschaftlich und politisch kriselt es in der Ukraine weiter. Die zuvor gebeutelten Aktienkurse befinden sich trotzdem im Aufwind. Nach den Wahlen im Januar könnte es weiter aufwärts gehen. Zumindest verspricht das die Historie.

          Die meisten Nachrichten, die man aus der Ukraine zu hören bekommt, klingen noch immer nicht gut. Das erste Halbjahr zeigt vielmehr gar ein wahres Horrorszenario. So brach die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal um 20,3 Prozent und im zweiten Quartal noch einmal um ernüchternde 18 Prozent ein. Die Einzelhandelsumsätze fielen in den ersten acht Monaten des Jahres um 15,9 Prozent. Das ist eine dramatische Verschlechterung gegenüber dem Vorjahreszeitraum, das noch ein Plus von 25,8 Prozent gebracht hatte.

          Beobachter vor Ort zeichnen ein düsteres Bild und bezeichnen die Gesellschaft als desillusioniert. Die anhaltende Schwäche der Landeswährung Griwna, die in den vergangenen drei Monaten erneut mehr als 10 Prozent zum Dollar verloren hat, kann vor diesem Hintergrund wenig verwundern. Für die vielen in Fremdwährung verschuldeten Unternehmen und Haushalte sind damit die Sorgen nicht geringer geworden. Und die ortsansässigen Analysten der Danske Bank warnen vor weiteren Abwertungsrisiken. Sie halten aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Risiken auf Sicht von zwölf Monaten einen Kursverfall von 8,46 auf 11,00 Griwna für den Dollar für durchaus möglich.

          Den lokalen Aktienmarkt hat dies aber nicht von einem fulminanten Comeback abgehalten. So hat der Börsenindex PFTS nach dem im Vorjahr erlittenen Absturz von mehr als 80 Prozent beim aktuellen Stand von 507 Punkten gegenüber dem Anfang März markierten Tief von knapp unter 200 Punkten schon 155 Prozent zugelegt. Angesichts der eben erst aufgestellten Jahreshochs spricht die charttechnische Verfassung des Marktes für weitere Kursavancen. Auch die Renditeaufschläge der ukrainischen Staatsanleihen haben sich dank der wieder gestiegenen Risikobereitschaft der Marktteilnehmer spürbar verringert.

          Verfahrene politische Lage macht vieles kaputt

          Damit sich die Rally fortsetzen kann, kommt es aber auch mit Blick auf das weiter angespannte Verhältnis zu Russland jetzt darauf an, wie die bald anstehenden Präsidentschaftswahlen ausgehen. Wichtig wird es dabei vor allem sein, dass es einen klaren Sieger und nicht wieder eine lähmende Pattsituation gibt.

          Derzeit verschlimmern die stark persönlich gefärbten Fehden der Protagonisten die Lage eher, als dass sie zur Lösung der Probleme beitrügen. Die Wirtschaftspolitik ist selten lösungsorientiert und eher von Machtspielen als dem Bestreben geprägt, dem Wohl des Landes zu dienen. Fast schon grotesk mutet an, dass der Wirtschaftsminister erst kürzlich die Schätzung für das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr auf minus 12 Prozent nach unten korrigiert hat. Denn erstmals wurde damit überhaupt von offizieller Seite ein Schrumpfen der Wirtschaft eingeräumt.

          Das Budget aber basierte bisher auf der Annahme eines Wachstums von 0,4 Prozent, und diese Richtschnur war bislang auch nicht korrigiert worden. Der IWF sagt dagegen schon seit einiger Zeit einen Einbruch der Wirtschaftsleistung um 14 Prozent voraus. Weil noch keine echte konjunkturelle Erholung zu spüren ist, halten andere Ökonomen sogar einen Rückgang von 20 Prozent nicht für ausgeschlossen.

          Die Börse preist das Ende der Katastrophe ein

          An der Börse hat man sich auf dieses schlechte Ergebnis aber längst eingestellt. Hier blickt man nach vorne und hofft, dass es ab dem kommenden Jahr wieder aufwärts geht. Die Volkswirte beim Broker Dragon Capital rechnen derzeit für 2010 mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 4 Prozent. Dabei kommt es neben der Entwicklung der Weltwirtschaft und der für die vom Rohstoffexport abhängige Ukraine so wichtigen Rohstoffpreise auf eine künftig konstruktivere Politik an.

          Sollten diese Voraussetzung erfüllt sein, könnten die bereits in Fahrt gekommenen Notierungen noch erheblich mehr zulegen. Denn die Bewertungen sind zumindest teilweise weiterhin niedrig. So beziffert Dragon Capital das Kurs-Gewinn-Verhältnis für den Markt auf Basis der für 2010 erwarteten Gewinne auf knapp 8. Selbst bei einem Kursanstieg von 50 Prozent würden ukrainische Aktien einen Bewertungsabschlag von 18 Prozent gegenüber vergleichbaren Schwellenländern aufweisen. Auch deshalb veranschlagen die Analysten das Kurspotential des hauseigenen KP-Dragon-Index' mit 54 Prozent.

          Gute Kursbilanz nach Wahlen in der jüngeren Vergangenheit

          Mit Blick auf die im Januar anstehenden Präsidentschaftswahlen macht im Übrigen auch ein Blick in die Vergangenheit Mut. Wie die Analysten von Dragon Capital ermittelt haben, lief es nach dem Urnengang an der Börse trotz aller auch damals schon vorherrschenden Ängste stets sehr gut. Demnach hat sich im vergangenen Jahrzehnt der Aktienmarkt in den 110 Tagen vor den da abgehaltenen fünf Wahlen mit einem Plus von durchschnittlich 13 Prozent vergleichsweise reserviert präsentiert. Nach den Wahlen stiegen die Notierungen dann dagegen auf Sicht von einem, zwei und sechs Monaten im Schnitt um 19, 28 und 50 Prozent.

          Trotz allem ist ein Investment wegen der schwierigen wirtschaftlichen und politischen Situation mit Risiken behaftet. Hinzu kommen neben der schwierigen Beschaffung von Unternehmensinformationen die dünnen Umsätze. Teilweise werden im PFTS nur Aktien im Wert von einer Million Dollar gehandelt. Einzelinvestments sind vor diesem Hintergrund schwierig.

          Auch die wenigen angebotenen Ukraine-Zertifikate sind in der Regel wenig liquide, wenigstens sind aber die Risiken breiter gestreut. Auf dem Kurszettel zu finden sind unter einem ein UTX-Zertifikat von der Hypo-Vereinsbank (Isin DE000HV5S8C9), ein Open End Ukraine-Zertifikat der Royal Bank of Scotland (Isin DE000AA0UKR8) und das S-Box Ukraine Zertifikat (Isin DE000A0JZQN5). Im Idealfall kann mit diesen Produkten eine reiche Ernte eingefahren werden. Sollte sich die Kreditkrise allerdings wieder zuspitzen, dann könnte es für die schon im Vorjahr auf einen IWF-Notkredit im Volumen von 16,4 Milliarden Dollar angewiesene Ukraine aber auch schnell ganz eng werden. Folglich sind Wetten dieser Art nur für risikoerprobte und nervenstarke Anleger geeignet.

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