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Strukturwandel : „Lieber Polen als Oberbayern“

Einstmals die größte Werft Europas, entstehen auf einem Teil des Geländes vielleicht noch Nischenprodukte Bild: Astheimer

20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im deutsch-polnischen Grenzgebiet: Während im Westen einige Werften nur mit Staatshilfen überleben, hat sich Stettin mit dem Aus für Europas einst größten Schiffsbauer abgefunden und treibt den Strukturwandel voran - zur Freude der ostdeutschen Nachbarn.

          Nur die Katzen sind noch da. Aber vielen droht der Hungertod, weil die Werftarbeiter, die sie jahrelang durchgefüttert haben, nicht mehr kommen. Man suche derzeit gemeinsam mit Tierschutzorganisationen nach einer Lösung für die herrenlosen Tiere, versichert Boguslaw Adamski, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Stettiner Schiffswerften. Der Mann hat keinen einfachen Job: Er verwaltet den Niedergang des industriellen Herzstücks einer ganzen Region. Zudem gilt die Werft neben Danzig als Keimzelle der Solidarnosc-Bewegung, die in den achtziger Jahren den Fall des Eisernen Vorhangs einleitete. Heute erinnern nur noch ein paar schlappe Fahnen vor den geschlossenen Werkstoren an die Ereignisse von damals. In den neunziger Jahren arbeiteten noch bis zu 12.000 Menschen auf dem riesigen Areal in Polens nordwestlichster Ecke, nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Mehr als 100.000 Tonnen Rohstahl jährlich wurden auf Europas einstmals größter Werft zu Spitzenzeiten verbaut. Mittlerweile sind auch die letzten 4000 Werftarbeiter mit Abfindungen von bis zu 60.000 Zloty (rund 15.000 Euro) nach Hause gegangen.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Im Mai verließ das bislang letzte neue Containerschiff das Stettiner Haff in Richtung Ostsee. Und vieles spricht derzeit dafür, dass der Taufe des 184 Meter langen Stahlkolosses keine weiteren mehr folgen werden. Die letzten Hoffnungen schwanden, als sich im August ein Investor aus Qatar zurückzog. Lieber schrieb man die schon gezahlte Tranche in Höhe von 8 Millionen Euro ab, als den Gesamtpreis von 90 Millionen Euro zu überweisen. Nun ragen die gigantischen Kräne wie mahnende Zeigefinger in den Himmel, als wollten sie an die Fehler der Vergangenheit erinnern.

          Witold Jablonski glaubt zu wissen, was falsch gelaufen ist. Als Vizemarschall ist er der zweithöchste Verwaltungsbeamte der Region Westpommern mit ihrer Hauptstadt Stettin. In der postsozialistischen Umbruchphase während der neunziger Jahre wurden die Werften direkt vom Staat unterstützt. „Jedes gebaute Schiff war hoch subventioniert“, sagt Jablonski. Nur so konnten sich die polnischen Produkte am Weltmarkt gegen die Konkurrenz aus Korea und China behaupten.

          Schlappe Fahnen als Erinnerung an eine Keimzelle der Solidarnosc-Bewegung

          „Außerhalb der Werft gibt es keine Arbeitsplätze für sie“

          Die Beihilfen riefen nach dem Beitritt zur Europäischen Union jedoch die Brüsseler Wettbewerbshüter auf den Plan, die zwar nach langem Verhandeln auf eine Rückzahlung verzichteten, von der Regierung in Warschau aber die Privatisierung der Werften forderten. Nach dem Rückzug der Hoffnungsträger aus Qatar sucht die Regierung von Premierminister Donald Tusk weiter nach privaten Geldgebern. Von Interesse aus Dänemark oder Vietnam ist die Rede.

          Mieczyslaw Jurek, Präsident der Gewerkschaft Solidarnosc in Westpommern, wirft der Regierung schwere Fehler bei der Privatisierung der Werften vor. Mögliche Unregelmäßigkeiten haben mittlerweile sogar zu einem medienwirksam ausgetragenen Streit zwischen Tusk und der nationalkonservativen PIS-Partei von Präsident Lech Kaczynski geführt. Ausbaden mussten es nach Jureks Ansicht vor allem die ehemaligen Werftarbeiter, von denen noch immer rund 80 Prozent arbeitslos seien: „Sie warten darauf, dass die Werft wieder geöffnet wird, weil es sonst keine Arbeitsplätze für sie gibt.“

          „Irritationen“ in Diplomatenkreisen

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