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Rumänien : Die Börse findet einfach keinen Boden

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Wird in Rumänien wohl vorerst ein vertrauter Anblick bleiben Bild: REUTERS

Nach einer bereits 2008 enttäuschenden Vorstellung befinden sich rumänische Aktien auch in diesem Jahr im freien Fall. Offenbar befürchten die Anleger, dass das Land seine volkswirtschaftlichen Schwächen nicht in den Griff bekommt.

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          Wer gedacht hatte, dass nach einem rabenschwarzen Jahr 2008 es an der rumänischen Börse nur besser werden könnte, sieht sich inzwischen eines Besseren belehrt. Mit einem Minus von fast 29 Prozent weist der aktuell bei 2065 Punkten notierende BET-Index in diesem Jahr bisher die schwächste Bilanz unter den Weltbörsen auf, obwohl der Index im Vorjahr schon um gut 70 Prozent gefallen ist.

          Auf den ersten Blick überrascht die überaus schwache Kursentwicklung, durch die die Marktkapitalisierung auf nur noch 4,5 Milliarden Euro (unter Ausschluss der auch in Bukarest gelisteten österreichischen Erste Bank) abgesackt ist. Denn die Wirtschaft des Landes ist im Vorjahr noch um beeindruckende 8,3 Prozent gewachsen. Dennoch haben sich schon 2008 viele Dinge negativ entwickelt.

          Doppeltes Defizit eine schwere Last

          Zuallererst hat die durch die Kreditkrise bewirkte hohe Risikoaversion überall an den Aktienmärkten in Südosteuropa zu einem Ausverkauf geführt hat. Aber auch volkswirtschaftlich betrachtet sitzt Rumänien mit seinen Nachbarn in einem Boot. Denn auch hier gilt es, ein hohes Leistungsbilanzdefizit zu verkraften. Ein weiterer Belastungsfaktor ist auch der defizitäre Staatshaushalt. Aufgrund dieser beiden Defizite haben die Ratingagenturen Standard & Poor's und Fitch die Kreditwürdigkeit des Landes bereits im November wieder auf Ramsch-Status zurückgestuft.

          Das Leistungsbilanzdefizit ist im Vorjahr auf 16,87 Milliarden Euro gestiegen und entspricht damit 12,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das Budgetdefizit belief sich gleichzeitig auf 5,2 Prozent. Negative Daten wie diese üben gehörigen Druck aus auf den Leu und so hat die Landeswährung zuletzt auch massiv an Wert verloren.

          Eine stark abwertende Landeswährung ist aber so etwas wie eine Zeitbombe. Rund die Hälfte der Hypotheken- und Unternehmenskredite, die im vergangenen Jahr in Rumänien vergeben wurden, lauten auf Euro. Ein schwacher Leu erhöht nun die Finanzierungskosten. Volkswirte befürchten auch deshalb, dass die Zahl der Zwangsvollstreckungen zur Eintreibung von Bankschulden um 30 Prozent steigen wird.

          Zu alldem kommt das ungelöste Korruptionsproblem hinzu. Nach Berichten der EU-Kommission machte Rumänien im Kampf gegen Verbrechen und Korruptionsdelikte in den vergangenen sechs Monaten sogar Rückschritte. Die Mängel, die die EU dem Land in dieser Hinsicht regelmäßig vorhält, sind nicht dazu angetan, ausländische Investoren anzulocken. Dabei ist dies derzeit lebensnotwendig. Im Vorjahr deckten Investitionen aus dem Ausland das Leistungsbilanzdefizit nur noch gut zur Hälfte ab.

          Wachstumsschätzung der Regierung dürfte zu hoch sein

          In Sachen Korruptionsbekämpfung tut sich aber nicht viel in Rumänien und auch wegen dieser schlechten Erfahrung bleibt abzuwarten, was aus den Versprechungen der Regierung werden wird, in diesem Jahr die Defizite in Staatshaushalt und Leistungsbilanz senken zu wollen. Den jüngsten Ankündigungen zufolge soll das Minus im Staatshaushalt auf zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts und das Minus in der Leistungsbilanz auf neun Prozent verringert werden. Diese Berechnungen basieren auf der Annahme einer um 2,5 Prozent wachsenden Volkswirtschaft.

          Das ist zwar deutlich niedriger angesetzt als der Zuwachs, der noch im Vorjahr verbuchte wurde, doch weil Rumänien wie auch die anderen osteuropäischen Länder stark unter dem Nachfragerückgang aus Westeuropa leidet, erscheint diese Schätzung zu hoch. Die Ratingagentur Moody´s ging zuletzt jedenfalls von einer mit 0,5 Prozent leicht schrumpfenden Wirtschaft aus.

          Im Kampf gegen die Rezession hat die Notenbank ihren Leitzins Anfang Februar zum ersten Mal seit siebzehn Monaten um 25 Basispunkte auf zehn Prozent gesenkt. Doch für diesen Schritt erhielten die Verantwortlichen nicht überall Beifall. Der Internationale Währungsfonds hat Rumänien vielmehr vor weiteren Zinssenkungen gewarnt. In der Tat spricht die im Januar überraschend von 6,3 auf 6,7 Prozent gestiegene Inflationsrate gegen eine zu forsche Gangart, zumal sinkende Zinsen auch den Leu weiter schwächen können.

          Markt im regionalen Vergleich nicht wirklich billig

          Wie groß die Probleme inzwischen sind, zeigt sich auch daran, dass man inzwischen mit der EU-Kommission und dem IWF über Finanzhilfen spricht, nachdem sich die Verantwortlichen dagegen lange Zeit vehement gesperrt hatten. Die Schwierigkeiten des Landes machen nachvollziehbar, warum die Börse so stark unter Druck geraten ist. Wobei in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden darf, dass nicht nur die Notierungen, sondern auch die Bewertungen in den Jahren zuvor sehr stark gestiegen waren.

          Die ehemals drastische Überbewertung des Marktes ist mittlerweile deutlich korrigiert worden. Weil die Gewinne in diesem Jahr aber nach Schätzungen der Analysten von Raiffeisen Research um fast 30 Prozent sinken dürften, wird sich das Kurs-Gewinn-Verhältnis des Marktes 2009 von 7,5 auf gut 10 erhöhen. Im Vergleich zu anderen Börsen der Region ist das keine außergewöhnlich niedrige Bewertung.

          Deswegen und aufgrund des intakten charttechnischen Abwärtstrend ist nicht davon auszugehen, dass der BET-Index demnächst nachhaltig wie ein Phönix aus der Asche auferstehen kann. Dafür muss das Land erst seine volkswirtschaftlichen Probleme in den Griff bekommen. Vor allem aber muss die Anlageregion Südosteuropa bei den Investoren wieder mehr in Mode kommen.

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