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Osteuropa : Länder mit Wechselkursbindung stecken in der Zwickmühle

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Stabile Wechselkurse sind in der Regel ein Segen. Schwierig wird es jedoch, wenn sie künstlich aufrechterhalten werden. Das bekommen die baltischen Staaten und Bulgarien zu spüren.

          3 Min.

          Die Zeit der stetigen Wechselkursgewinne in Osteuropa ist längst vorbei. Die Kreditkrise hat auch diesem Trend ein Ende bereitet. Inzwischen müssen fast alle osteuropäischen Währungen spekulative Abwertungsattacken über sich ergehen lassen.

          Wie eng es für die Region inzwischen geworden ist, zeigt sich an den intensiv geführten Diskussionen darüber, ob und wie die EU den jungen Mitgliedsstaaten im Osten helfen soll. Auf dem jüngsten EU-Sondergipfel in Brüssel wurden die Rufe nach einem Hilfspaket von bis zu 190 Milliarden zwar ebenso abschlägig beschieden wie die Forderungen Ungarns und Polens nach einem beschleunigten Beitritt zur Eurozone. Aber auch wenn letztlich wenig Konkretes beschlossen wurde, zeigt die Tatsache, dass solche Diskussionen überhaupt offiziell geführt werden, wie groß die Probleme sind innerhalb der EU.

          Benötigte IWF-Hilfe ein Beleg für die Schärfe der Krise

          Wie ernst es steht, zeigen auch die bereits vom IWF gewährten Finanzhilfen im Umfang von mehr als 35 Mrd. Dollar, um in Ländern wie Ungarn, Ukraine, Lettland, Serbien und Weißrussland einen Zahlungsausfall zu verhindern. Ausgesprochen heikel ist auch, dass Europäische Banken schätzungsweise 1,6 Billionen Euro in Osteuropa investiert haben. Schwierigkeiten im Osten würden auch deshalb den Westen schwer treffen.

          Die Probleme hinterlassen immer mehr Spuren in der realen Wirtschaft. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche kommt im jüngsten Konjunkturbericht für die Länder Mittel-, Ost- und Südosteuropas zu dem Schluss, dass die meisten Länder der Region zunächst am Ende des Wachstumspfades angelangt sind. Generell sei ein signifikanter Rückgang des Wachstums zu verzeichnen, zahlreiche Länder rutschten sogar in die Rezession, heißt es.

          Ausschlaggebend für die Tiefe der Krise in den einzelnen Ländern sind demnach vor allem die oft hohen Exportquoten, die zu hohe Gesamtverschuldung und das Ausmaß der Leistungsbilanzdefizite. Ernüchternd daran ist zudem die sich verstärkt ausbreitende Annahme, wonach sich die Lage in der Region selbst bei einer globalen Erholung nur langsam verbessern wird, weil die externe Finanzierung, die den früheren Boom ermöglichte, nicht mehr im selben Ausmaß zur Verfügung stehen wird.

          Neben den Currency Board-Währungen scheint der Forint am stärksten gefährdet

          Einschätzungen wie diese machen deutlich, dass es derzeit viele Baustellen gleichzeitig zu beackern gilt. Besonders viel gibt es nach Einschätzung von Volkswirten vor allem bei jenen kleineren Mitgliedsstaaten wie den baltischen Ländern oder Bulgarien zu tun, deren Währungen fix an den Euro oder einen Währungskorb gekoppelt sind. So stellen sich die Analysten bei Goldman Sachs die berechtigte Frage, wie diese Staaten ohne die Hilfe einer Abwertung die hohen Defizite in der Leistungsbilanz korrigieren wollen. Ein letzter Notausgang wäre ein schneller Beitritt zur Euro-Zone, aber dieser Weg scheint zumindest aktuell noch versperrt. Zumal es schon jetzt im Euro-Verbund genügend andere schwache Mitglieder wie Irland, Italien, Spanien und Griechenland gibt.

          Normalerweise sind diese Währungsbindungen so konzipiert, dass die monetäre Basis nur im Gleichschritt mit den ausländischen Devisenreserven verändert wird. Theoretisch erlaubt dieses Konstrukt den Wechselkurs auch dann fix zu halten, wenn der volkswirtschaftliche Datenkranz eine andere Sprache spricht. Aber in der Realität ist der Druck trotzdem enorm, weil es einfach an einem wichtigen Ventil fehlt, um volkswirtschaftliche Ungleichgewichte auszugleichen. Das gilt erst Recht dann, wenn sich wie derzeit zu beobachten die Kapitalströme umkehren und die Inländer die eigene Währung gegen Fremdwährung umzutauschen beginnen.

          Die bankenunabhängigen Experten von Independent Strategy beziffern in einem Stresstest, der 14 verschiedene Einflusskriterien berücksichtigte, die Wahrscheinlichkeit eines Scheiterns der Währungsbindung noch in diesem Jahr in allen vier Ländern mit einem Curreny Board, also in Bulgarien, Estland, Lettland und Litauen, auf mehr als 50 Prozent. Und wenn diese Währungen fallen sollten, dann dürfte im Zuge eines Dominoeffektes neuer Druck auch auf die anderen Währungen der Region ausgehen. Diese Gefahr spricht gegen Investments an den lokalen Aktienmärkten, auch wenn diese schon sehr stark abgestraft worden sind.

          Unter den Currency Board-Ländern stehen für Litauen die Karten gemessen am Verhältnis von monetärer Basis und lokalen Bankkrediten zu den Devisenreserven am schlechtesten (siehe Grafik). Für normalen Privatanleger ist es aber schwierig, auf eine mögliche Abwertung der genannten Länder zu wetten. Leicht zugängliche Zertifikate oder Optionsscheine, mit denen sich auf fallende Notierungen wetten ließe, gibt es nicht.

          Forint nach wie vor ein Wackelkandidat

          Wer die Überlegung indirekt spielen will, der kann eventuell auf den Forint ausweichen. Denn Ungarns Landeswährung scheint besonders anfällig für den Fall, dass die Currency Boards in Bulgarien oder im Baltikum scheitern sollten. Das Land war wie erwähnt jüngst schon einmal auf Finanzhilfen angewiesen und wegen dem schlechten volkswirtschaftlichen Datenkranz (es drücken vor allem die kurzfristigen Auslandsschulden) könnte schon bald erneut Bedarf in dieser Hinsicht bestehen.

          Wie vertrackt die Lage hier ist, zeigt sich an der am Montag von der Ratingagentur Fitch beschlossenen Senkung des Ausblicks für das Kredit-Rating des Landes auf negativ von stabil. Im Gefolge dieser Entscheidung und der jüngsten Schwäche an den Börsen ist der Forint gegenüber dem Euro schon auf ein neues Rekordtief von aktuell 316 Forint abgerutscht. Charttechnisch gesehen ist das ein sehr schlechtes Zeichen.

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