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Osteuropa : Das Anlegerinteresse erwacht

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Ein Schritt zurück, ein Schritt nach vorn: Welche Absichten verbindet Ferenc Gyurcsány mit seinem Rücktrittsangebot? Bild: dpa

Die Kapitalmärkte in Osteuropa profitieren von der zunehmenden Risikofreude der Anleger auf der ganzen Welt. Fachleute warnen jedoch vor einem Rückschlag, denn die Instabilität in der Region nimmt zu.

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          Die Kapitalmärkte in Osteuropa haben zu Wochenbeginn von der zunehmenden Risikofreude der Anleger auf der ganzen Welt profitiert, die vor allem von den Stützungsprogrammen für Banken und Anleihen in Amerika ausgegangen ist. So kletterten am Montag zum Beispiel die Standardaktienindizes in Polen um 3 Prozent und in Russland sogar um 6 Prozent. Hinter der überdurchschnittlichen Wertentwicklung gerade des russischen Aktienmarktes steht auch, dass die Preise von Rohstoffen mit der Aussicht auf eine Konjunkturerholung schon im zweiten Halbjahr wieder gefragt sind. So kletterte der Preis für 159 Liter Öl der Sorte WTI am Montag auf mehr als 53 Dollar - so viel wie seit Anfang Dezember nicht mehr.

          Mehr als nur ein Kontrapunkt zum wieder erwachten Anlegerinteresse an Osteuropa ist allerdings die steigende politische Unsicherheit, die immer mehr Länder der Region erfasst. Nach Island und Lettland wird in Ungarn bald die dritte Regierung in Europa seit Herbst 2008 vorzeitig zurücktreten. Und an diesem Dienstag muss sich in Tschechien mit Mirek Topolánek ein weiterer Regierungschef in Osteuropa einem Misstrauensantrag stellen - mit für ihn wenig guten Aussichten, dauerhaft im Amt zu bleiben. "Die Finanzkrise schlägt durch. Immer mehr Regierungen stürzen. Das trägt nicht zum Vertrauen der Anleger bei", sagt Harwig Wild, Währungsfachmann für Osteuropa im Bankhaus Metzler in Frankfurt.

          Ungarische Forint hat am stärksten abgewertet

          Viele Fachleute gehen denn auch davon aus, dass das Anlegerinteresse an Osteuropa wieder schlagartig abnimmt, falls an den Kapitalmärkten auf der Welt wieder mehr Ernüchterung über die Konjunkturaussichten eintritt. "Osteuropa steigt derzeit schneller als andere Regionen, wird aber auch stärker leiden, wenn es sich nur um eine kurze Erholungsrally handeln sollte", heißt es in einem Marktkommentar der Credit Suisse. Trotz der Erholung der vergangenen zweieinhalb Wochen stammt von den sechs Währungen aus Schwellenländern, die am stärksten zum Euro seit Jahresbeginn abgewertet haben, nur der koreanische Won nicht aus Osteuropa.

          Am stärksten abgewertet hat der ungarische Forint mit einem Kursverlust von mehr als 12 Prozent seit Jahresbeginn zum Euro. Gegen den allgemeinen Trend ging es am Montag deutlich abwärts - um zeitweise mehr als 2 Prozent. In diesem Umfeld wagte es die ungarische Notenbank am Montag nicht, den Leitzins von 9,5 Prozent weiter zurückzunehmen. Damit bietet Ungarn nun bei einer Inflation von 3 Prozent einen Realzins von mehr als 6,5 Prozent. Allerdings hat Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány, der am Wochenende seinen vorzeitigen Rücktritt ankündigte, schon laut darüber orakelt, dass die ungarische Volkswirtschaft in diesem Jahr um mehr als 3 Prozent schrumpfen könnte. Dies hänge stark von der Wirtschaftsentwicklung in Deutschland ab. 70 Prozent aller Exporte aus Ungarn gehen nach Deutschland.

          Der ungarische Aktienmarkt reagierte mit einem in der Region unterdurchschnittlichen Plus von einem Prozent am Montag auf den Rücktritt von Gyurcsány. Der in der Bevölkerung wegen seiner "Lügen-Rede" vor drei Jahren schwer umstrittene Premier habe sich an den Kapitalmärkten durchaus Respekt verschafft, weil er für ein Staatsdefizit von höchstens 3 Prozent gekämpft habe, meint Devisenexperte Wild. Ungarn war neben Lettland und der Ukraine das dritte Land, das im Herbst einen Notkredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) über 20 Milliarden Euro brauchte, um die Zahlungsfähigkeit sicherzustellen. Matthias Kollatz-Ahnen, Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank, macht für die Schwierigkeiten Ungarns "schnelle Wechsel von wirtschaftspolitischen Grundsatzentscheidungen" und fehlende Infrastrukturmaßnahmen verantwortlich.

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