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Im Gespräch: Thomas Farthofer, Fondsmanager : „Anlegen in Osteuropa bleibt interessant“

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Thomas Farthofer Bild: Unternehmen

Die Länder in Osteuropa wurden von der Kreditkrise stärker getroffen als zunächst angenommen. Im Interview erklärt Thomas Farthofer, Fondsmanager des Griffin Eastern European Fund, wie er die Anlageregion beurteilt.

          Die Länder in Osteuropa wurden von der Kreditkrise stärker getroffen als zunächst angenommen. Im Interview erklärt Thomas Farthofer, Fondsmanager des Griffin Eastern European Fund, wie er die Anlageregion beurteilt.

          Osteuropa ist von einer Wachstums- zu einer Krisenregion geworden. Wie haben Sie reagiert?

          Im Zuge der globalen Wirtschaftskrise haben wir auch in Osteuropa eine massive Börsenkorrektur erlebt, begleitet von einer noch nicht da gewesenen Volatilität. Wir hatten frühzeitig damit begonnen, uns auf Blue Chips zu fokussieren. Der Fonds hat im Moment ein konzentriertes Portfolio mit vornehmlich liquiden Blue-Chip-Aktien, die überverkauft erscheinen und auch bei konservativen Gewinnschätzungen zu attraktiven Kennzahlen gehandelt werden. Niedrige unternehmensspezifische Risiken und hohe Standards der Unternehmensführung sind und bleiben unverändert die beiden zentralen Kriterien für die Aktienauswahl. Auch ist das Niveau an Barmitteln, Derivaten und Währungsabsicherungen vergleichsweise hoch, weil wir in naher Zukunft auch bei vorsichtigem Optimismus mit weiteren enttäuschenden Unternehmensnachrichten rechnen müssen.

          Wie beurteilen Sie die Konjunkturaussichten?

          Erst einmal möchte ich betonen, dass unsere Hauptanlagemärkte - Russland und die Türkei - nicht von einem möglichen Staatsbankrott betroffen sind. Ich gehe davon aus, dass die Länder der Region gemeinsam in die Krise geraten sind und sich wohl auch gleichzeitig erholen werden. Die bisherigen Antriebsfaktoren waren prinzipiell überall dieselben, nämlich von Export und heimischer Nachfrage getriebenes Wirtschaftswachstum, ausländische Direktinvestitionen, steigende Rohstoffpreise, ein schwächerer Dollar und eine steigende Risikobereitschaft von Investoren.

          Fremdwährungskredite sind die bösen Geister, die Osteuropa erst einmal nicht mehr loswerden wird. Die relativ niedrigen Zinsen hatten diese Kredite vor der Krise attraktiv gemacht. Doch wegen der Währungsschwäche ist das jetzt ein Problem, da faule Kredite die Banken belasten. Osteuropäische Banken sind aber finanziell besser ausgestattet als andere europäische Banken, die in der Region tätig sind. Die mitteleuropäischen Länder sind aufgrund ihres hohen Exportanteils stark mit der Wirtschaftslage in der EU verknüpft, und eine Erholung in der EU würde auch eine Konjunkturerholung dieser Länder mit sich bringen.

          Bieten die Börsen vor Ort überhaupt noch die gleichen lukrativen Anlagechancen wie noch vor einigen Jahren?

          Die Anlageregion Osteuropa ist und bleibt sehr interessant. Keine Frage, gewisse Trends, die jahrelang diese Region besonders attraktiv gemacht haben, wie zum Beispiel ausländische Direktinvestitionen, werden bis auf weiteres kein Thema sein.

          Dafür gibt es aber auch in dieser Marktphase andere Themen, die unsere Anlagen bestimmen. Das eine große Thema ist natürlich die Erholung der Rohstoffpreise, insbesondere des Ölpreises. Eine Faustregel für den russischen Markt ist, dass der RTS-Index um 25 Prozent steigt, wenn der Ölpreis vom derzeitigen Niveau um 10 Dollar steigt.

          Ein weiteres Thema, das wir in der näheren Zukunft verfolgen werden, sind Zusammenschlüsse und Übernahmen. Es gibt eine ganze Reihe von Unternehmen mit hohen Bargeldbeständen, die jetzt beginnen, Mitbewerber zu sehr attraktiven Preisen zu übernehmen.

          Andere Fragen, die wir untersuchen, sind: Welche Unternehmen sind in Bereichen tätig oder haben Wettbewerbsvorteile, durch die sie ihre Ergebnisse auch in dieser weltwirtschaftlich schwierigen Situation stabil halten können? Es gibt in Osteuropa einige sehr gut geführte Unternehmen, die selbst in diesen generell schwierigen Zeiten in ihren Nischen erfolgreich operieren.

          Welche Länder und welche Branchen gefallen Ihnen derzeit gut bzw. weniger gut?

          Russland hat die höchste Ländergewichtung im Fonds, wobei wir verglichen mit dem Index untergewichtet sind. Namhafte Öl- und Gasgesellschaften und die Telekombranche sind unsere bevorzugten Sektoren. Wir haben kein oder nur ein geringes Engagement in den von der Inlandsnachfrage geprägten Branchen, insbesondere in Handels- und Gasunternehmen wie Novatek, und in Aktien von Unternehmen mit Problemen mit der Unternehmensführung wie Norilsk Nickel.

          Angesichts der schwachen Aussichten des Stahlsektors sind wir hier weiter sehr vorsichtig. Unserer Meinung nach sind die Kurse einiger russischer Stahlaktien zu schnell gestiegen, denn der negative Nachrichtenfluss in diesem Sektor wird sehr wahrscheinlich noch einige Zeit anhalten. Auch meiden wir im Moment exportorientierte Industrieunternehmen Mitteleuropas, bis wir klarere Zeichen einer Wirtschaftserholung in der EU sehen. Die Türkei ist unsere zweitgrößte Anlageregion. Der Bankensektor scheint sehr stabil, und die Ergebniserwartungen für die bevorstehenden ersten Quartalszahlen sind positiv. Trotzdem werden wir kurzfristig unser Engagement reduzieren, weil wir der Meinung sind, dass der Markt auf eine erneute Verzögerung der IWF-Transaktion sicherlich negativ reagieren würde.

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