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Hilfszahlungen : Teure Unterlassung

  • -Aktualisiert am

Bröckelnde Plattenbauten in Cluj, Rumänien Bild: Henning Bode

Sie waren die aufstrebenden Stars des Kontinents. Jetzt stehen die meisten Staaten Osteuropas kurz vor dem Bankrott. Ungarn, Rumänien und das Baltikum - sie alle sind überschuldet und wollen Geld vom Westen. Helfen ist sehr teuer. Doch nicht helfen könnte am Ende noch mehr Geld kosten.

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          Mit drei Worten ist für Günther Wotsch alles gesagt: „Krise, Rezession - Katastrophe.“ Mehr braucht er nicht, um die Lage in seiner Heimat Siebenbürgen in Rumänien zu beschreiben. Der Vorsitzende des dortigen Wirtschaftsclubs ist entsetzt über das, was sich in seiner Gegend gerade abspielt.

          Bis vor kurzem wollte die Region noch einer der aufstrebenden Industriestandorte Osteuropas werden. Nokia hatte sich mit einem großen Werk dort angesiedelt, andere wollten folgen. Man sprach so selbstverständlich von großen Firmen, als wäre es nur noch eine Frage der Zeit, wann nach Nokia und Siemens auch Mercedes und vielleicht sogar noch andere Automobilkonzerne kämen. Ausländische Firmen, die der Region viel Geld bringen sollten.

          Kurz vor dem Bankrott

          In nur wenigen Monaten hat sich das radikal geändert. Die Rezession hat das Land schwer erwischt und ausländisches Kapital gründlich vertrieben. Der Staatspräsident ringt seit Tagen mit der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds um Milliardenkredite. Rumänien steht kurz vor dem Bankrott. Und es ist längst nicht das einzige Land der Europäischen Union, das kaum mehr über Geld verfügt. Fast überall in Osteuropa kriselt es gewaltig.

          Rumänien braucht 20 Milliarden Euro, um zu überleben - mindestens. Ungarn hat schon eine 6,5-Milliarden-Finanzspritze bekommen, Lettland einen Notkredit über 3 Milliarden Euro. „Nur der Glaube, dass die starken EU-Länder zu Osteuropa stehen, hat im Februar den großen Zusammenbruch verhindert“, sagt Erik Berglöft, Chefökonom der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). Vorerst.

          Irrtümer

          „Die Wirtschaftskrise hat jedes einzelne von uns betreute Land erfasst“, stellt eine Studie der EBRD fest. Erst hofften alle, die aufstrebenden Staaten im Osten würden Europa und Amerika aus der Krise retten. Dann hieß es: Sie reißen es nicht raus, aber sie brechen weniger ein. Jetzt wissen wir: Es trifft sie noch viel härter. Das Wirtschaftswachstum bricht im Osten noch rasanter ein als in Westeuropa.

          Im Gegensatz zu den etablierten Volkswirtschaften haben die aufstrebenden Staaten kein Geld, um Konjunkturprogramme aufzulegen. Sie können ja kaum ihre üblichen Ausgaben finanzieren. Rund 150 Milliarden Euro wären in der gesamten Region vonnöten, um das Schlimmste zu verhindern, sind sich viele Ökonomen einig.

          Aufschwung auf Pump

          Osteuropas Staaten haben in Aufschwungzeiten einen kapitalen Fehler begangen. „Der Hauptgrund dafür, dass sie in den Strudel unserer Krise geraten sind, ist: Sie haben sich bei uns verschuldet und jahrelang auf Pump gelebt“, sagt Wolfram Schrettl, Leiter des Fachbereichs Wirtschaft am Osteuropa-Institut in Berlin.

          Er meint damit nicht nur die Kredite, die Firmen und Privatleute aufgenommen haben, um sich in Boomzeiten mehr gönnen zu können - obwohl die auch üppig waren. Er meint vor allem die Schulden, die Osteuropas Staaten ansammelten, indem sie jahrelang mehr Waren aus dem Ausland einführten, als sie selber exportierten. Sie befeuerten den Inlandskonsum mit Kredit. Das ließ die Wachstumsraten von Lettland, Rumänien oder Litauen in die Höhe schnellen. Wachstum, das nicht erarbeitet war. Wachstum auf Pump.

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