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Baltikum : Gefragte Anleihen

Lettische Immobilien: Wert gedrittelt Bild: AFP

Die Anleihen der baltischen Staaten Litauen und Lettland sind gefragt, bieten sie doch noch vergleichsweise hohe Renditen. Doch die wirtschaftlichen Verhältnisse sind bedrohlich. Vor allem Lettland gibt Grund zur Sorge.

          Eine Anleihe im Volumen von 1,5 Milliarden Dollar hat Litauen am Mittwoch plaziert. Die Nachfrage nach dem mit 6,75 Prozent verzinsten Papier war groß, wie auch überhaupt baltische Staatsanleihen nach dem Schock zu Jahresbeginn, als die Volkswirtschaften kurz vor dem Kollaps zu stehen schienen, wieder gefragt sind.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          So ist die Rendite der erst im Juni begebenen litauischen Euroanleihe mit einem Kupon von 9,375 Prozent seitdem auf 6,2 Prozent gefallen. Auch die Rendite der im 2004 begebenen lettischen Anleihe ist von ihrem Höchststand im März bei 12,7 Prozent sank bis auf 5,6 Prozent.

          Estland hofft

          Dabei muss das Baltikum nach wie vor als Krisenregion Nummer eins der EU gelten. Estland, das auf dem internationalen Anleihenmarkt nicht präsent ist, kommt dabei noch am besten weg. Finanzminister Jurgen Ligi hofft, dass die schwere Rezession schon 2010 ausläuft.

          Nicht zuletzt dank hoher Dividenden der Unternehmen mit Staatsbeteiligung glaubt er, dass Estland die EU-Defizitkriterien 2009 und 2010 erfüllen wird und so wie geplant 2011 den Euro einführen kann. Banken und Rating-Agenturen hegen daran allerdings Zweifel, auch wenn letztere Estlands Bonität mit einer Note im A-Bereich noch recht gut einschätzen.

          Litauen kämpft

          Die Bonitätsnote Litauens wurde dagegen erst jüngst von der Agentur Moody‘s als letzter auf „BBB“ abgestuft, eine Note, die nur noch zwei Stufen über Ramschniveau liegt. Weitere Abstufungen drohen. Denn Litauen erlebt in diesem Jahr mit einem prognostizierten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 18 Prozent die schwerste Rezession aller EU-Staaten. Bis Ende 2010 soll die Volkswirtschaft unter das Niveau des Jahres 2005 geschrumpft sein.

          Trotz der intensiven Bemühungen der Regierung, das Haushaltsdefizit in den Griff zu bekommen, rechnet Moody‘s rechnet mit einem Anstieg der Staatsverschuldung in den kommenden Jahren bis auf 40 Prozent des BIP. 2008 waren es noch 16 Prozent. Das Haushaltsdefizit soll 10 Prozent des BIP erreichen. Die Agentur Standard & Poor‘s (S&P) geht davon aus, dass Litauen die Krise wird bewältigen können. Der deutliche Rückgang von Preisen und löhnen habe gezeigt, dass die litauische Wirtschaft flexibler sei als vergleichbare Volkswirtschaften. Indes sei die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass der Anpassungsprozess anhalte und einen Punkt erreiche, an dem er politisch nicht mehr durchzuhalten sei.

          Lettland kriselt

          Diesen Punkt scheint Lettland schon erreicht zu haben. Das Land, das zuletzt im Frühjahr 2008 am internationalen Anleihenmarkt in Erscheinung trat, hängt am Tropf der EU und des IWF, ohne deren Hilfsgelder dem Land Anfang des kommenden Jahres das Geld ausgehen könnte. Schon im Juni konnte der Staatsbankrott nur knapp vermieden werden. Noch stärker als die anderen baltischen Staaten hat Lettland in früheren Jahren einen durch Fremdwährungskredite finanzierten Immobilienboom erlebt, 91 Prozent der Hauskredite wurden in Euro aufgenommen, so die Rating-Agentur Fitch. Seit dem Frühjahr 2007 sind die Immobilienpreise um rund 70 Prozent gefallen und so decken in vielen Fällen die Sicherheiten nicht mehr den Wert der Kredite.

          Den bedrängten Hausbesitzern will die Regierung nun beispringen. Ministerpräsident Waldis Dombrowskis will per Gesetz die Tilgungsverpflichtung auf den Wert der Sicherheiten beschränken. Dies würde den in Lettland engagierten schwedischen Banken hohe Verluste bescheren. Devisenexperten sehen in der Maßnahmen einen ersten Schritt zu einer Abwertung der Landeswährung Lat, die an den Euro gekoppelt ist. Damit könnte Lettland einen Teil der Anpassungslasten kurzfristig abwälzen.

          Richtung Ramsch

          Die lettische Regierung bestreitet Abwertungsabsichten bislang, befindet sie sich doch ohnehin schon im Konflikt mit den Geberländern. Denn sie will das Budget im kommenden Jahr nur um 325 Millionen Lat (460 Millionen Euro) kürzen - vereinbart sind allerdings 500 Millionen Lat. Das Defizitziel von 8,5 Prozent des BIP könne auch so erreicht werden, argumentiert Dombrowskis und verweist auf die harschen Maßnahmen wie die Schließung von Schulen und Krankenhäusern sowie Gehaltskürzungen für Lehrer und Polizisten von bis zu 40 Prozent.

          Eine Abwertung, die laut Devisenanalysten bis zu 30 Prozent betragen müsste, wäre vor allem für die Inhaber von Euro-Anleihen negativ. Denn die lettische Auslandsverschuldung betrug Ende 2008 schon 129 Prozent des BIP. Eine Abwertung würde die Bedienbarkeit der Schulden weiter erschweren. Schon jetzt wird die Kreditwürdigkeit Lettlands nur noch von Moody‘s nicht auf Ramschniveau gesehen. Fitch, die jetzt schon nur noch die Note „BB“ vergeben halten eine weitere Abstufung für möglich, sollte Lettland die Budgetkürzungen nicht im geplanten Umfang durchführen.

          An den Anleihemärkten hat dies am Donnerstag zu einem zu einem deutlichen Anstieg der Renditen lettischen Staatsanleihen geführt. Sie folgen damit den Kreditversicherungen, deren Preise in dieser Woche um rund 15 Prozent gestiegen sind.

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