https://www.faz.net/-gv6-1450s

Anleihemarkt : Gerichtsurteil unterbricht Rally der türkischen Staatsanleihen

  • Aktualisiert am

Bild: IS Investment

Ein massiver Zinssenkungszyklus hat den Renditen der türkischen Staatsanleihen ein Tief nach dem anderen beschert. Doch trotz einer neuerlichen Zinssenkung sorgt am Freitag ein Gerichtsbeschluss für die höchsten Kursverluste seit drei Jahren.

          Die türkische Notenbank hat am Donnerstag ihre Leitzinsen wie erwartet um weitere 50 Basispunkte gesenkt. Wie die Notenbank mitteilte, werden die beiden Schlüsselsätze jeweils um einen halben Prozentpunkt auf 6,75 Prozent und 9,25 Prozent verringert. Insgesamt wurden die Leitzinsen damit in Reaktion auf die stärkste Rezession seit dem 2. Weltkrieg in den vergangenen zwölf Monaten schon um zehn Prozentpunkte gesenkt und damit so stark wie nirgendwo sonst in den G20-Ländern.

          Begleitet von einer von 12,1 Prozent im Juli 2008 auf ein Rekordtief von 5,2 Prozent (5,3 Prozent im September) gefallenen Inflationsrate waren die Renditen für Lira-Anleihen zuletzt auf ein Rekordtief von unter acht Prozent gefallen. Verglichen mit dem noch im Oktober gültigen Niveau von 24,4 Prozent stellt das einen massiven Rückgang dar.

          Und weil die Notenbank am Donnerstag zwar künftig eine langsamere Gangart ankündigte, von den meisten Marktteilnehmern aber bis Jahresende zumindest noch ein weiterer kleiner Zinsschritt nach unten von 25 Basispunkten erwartet wird, sprach eigentlich alles für eine Fortsetzung der Rally bei den türkischen Staatsanleihen.

          Verfassungsgericht verlangt steuerliche Gleichbehandlung von In- und Ausländern

          Dass es letztlich dann doch anders kam, dafür sorgte ein Urteil des Verfassungsgerichts. Denn ein neuer Richterspruch beinhaltete die Vorgabe, dass Ausländer steuerlich nicht besser behandelt werden dürfen als Inländer. Und weil diese Steuern von zehn Prozent auf Gewinne mit Staatsanleihen, Aktien und Währungs-Future-Geschäften zahlen müssen, spekulieren Marktteilnehmer nun darauf, dass diese Regel angepasst wird. In Reaktion darauf sackte nicht nur die türkische Lira gegenüber dem Dollar um gut ein Prozent auf 1,46 Lira ab, sondern auch die Renditen der Staatsanleihen stiegen so stark wie seit mehr als drei Jahren nicht mehr. In der Spitze erhöhte sich die Rendite der Lira-Anleihen um 63 Basispunkte auf 8,61 Prozent.

          Zeitlich unglücklich kam das Urteil auch deshalb, weil das Sentiment der Anleger ohnehin schon etwas durch den Steuerstreit angeknackst ist, den die türkische Regierung gegen die Mediengruppe Dogan Yayin angezettelt hat. Durch die jüngst erfolgte Sperrung von Unternehmenskonten hat sich dieser Streit, bei dem es um 3,9 Milliarden Dollar geht, weiter zugespitzt. Brisant ist die Auseinandersetzung deshalb, weil der Konzern Dogan Yayin, der die Hälfte des privaten türkischen Medienmarktes beherrscht und die der mit großer Parlamentsmehrheit regierenden AKP-Partei von Ministerpräsident Tayyip Erdogan kritisch gegenüber steht, der konservativ-islamischen Regierung vorwirft, sie wegen ihrer kritischen Haltung mit der Steuerstrafe überzogen zu haben, was diese aber bestreitet. Die Europäische Union hatte sich diese Woche besorgt darüber geäußert, dass der Steuerstreit die Pressefreiheit im Land des EU-Beitrittskandidaten Türkei gefährden könnte.

          „Solche Dingen erschüttern das Vertrauen jener Anleger, die über einen Markteintritt nachdenken“, erklärt Simon Quijano-Evans von der Credit Agricole Cheuvreux. Und Händler Ian Scott von Stanlib Asset Management ergänzt: “Der Richterspruch in der Türkei bringt einige Leute dazu, ihre Gewichtung in den Schwellenländern heute etwas zurückzufahren.“ Zumal nicht vergessen werden darf, dass die Anleger nicht nur in der Türkei sondern auch in den anderen Emerging Markets zuletzt starke Gewinne eingefahren haben und deshalb jede negative Meldung gerne als Entschuldigung für Gewinnmitnahmen genutzt wird.

          Renditedifferenz zu Bundesanleihen schon weit zusammengeschmolzen

          Obwohl die Kursreaktion zum Wochenausklang heftig ausgefallen ist, sollte man sie vor dem skizzierten Hintergrund auch nicht überbewerten. Relativ gelassen gibt sich auch Elisabeth Andreew, Analystin bei Nordea Markets. Sie verweist darauf, dass die Regierung nun neun Monate Zeit habe, eine neue Steuerregelung auszuarbeiten und es am Ende sogar auf eine Abschaffung der Kapitalgewinnsteuern für die Inländer hinauslaufen könnte.

          Unter dem Strich scheint es deshalb am wahrscheinlichsten, dass sich die Kurse wieder fangen, die Rally aber langsam ausläuft. Dafür spricht zum einen ein Haushaltsdefizit, das in diesem Jahr vermutlich auf sieben Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt steigen wird. Und zum andere die Tatsache, dass die Renditen schlicht und einfach schon sehr tief gefallen sind. So wirft die bis zum 10. Februar 2014 laufende Türkei-Euro-Staatsanleihe (Isin DE000A0AU933) mit aktuell 3,91 Prozent nur noch 157 Basispunkte mehr ab als vergleichbar lang laufende Bundesanleihen. Das ist eigentlich weniger, als es die höheren Risiken in der Türkei erwarten ließen.

          Weitere Themen

          Amerikanische Notenbank senkt Leitzins abermals

          Geringer Inflationsdruck : Amerikanische Notenbank senkt Leitzins abermals

          Wegen der unsicheren wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten hat die amerikanische Notenbank Fed ihren Leitzins zum zweiten Mal in Folge um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Die Notenbanker fassten den Beschluss jedoch nicht einstimmig.

          Topmeldungen

          Björn Höcke beim Wahlkampfauftakt der AfD Thüringen

          AfD-Wahlkampf in Thüringen : „Extrem bürgerlich“

          Beim Wahlkampfauftakt der Thüringer AfD in Arnstadt versucht die Partei, sich ein bürgerlich-konservatives Image zu geben. Doch vor allem die Aussagen eines Redners lassen daran Zweifel aufkommen – und es ist nicht Björn Höcke.

          Plan für Klimaneutralität : Die Stunde der Klimaretter

          Am Freitag will die Regierung den Plan für ein klimaneutrales Deutschland beschließen. Was kommt da auf uns zu? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.