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Aktienmarkt-Analyse : Türkische Börse schlägt sich erstaunlich gut

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Handel an der türkischen Börse Bild: REUTERS

Die türkische Wirtschaft ist im ersten Quartal so stark geschrumpft wie noch nie und die Verhandlungen mit der EU stocken ebenso wie die mit dem IWF. Der Aktienmarkt ist 2009 dank Zinssenkungen und niedriger Bewertungen trotzdem gut gelaufen.

          Genau genommen war 2009 bisher kein gutes Jahr für die Türkei. Die Konjunktur geht am Stock und auch politisch gesehen gab es bisher keine Fortschritte zu vermelden. So ist das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal um rekordhohe 13,8 Prozent eingebrochen und die Investitionen sogar um 30 Prozent. Damit ist klar, dass die Wirtschaft besonders stark unter der weltweiten Kreditkrise leidet.

          Wie die Volkswirte der Helaba weiter ausführen, wird die Arbeitslosenrate in diesem Jahr vermutlich bei mehr als 15 Prozent liegen. Das birgt speziell in den von Kurden bewohnten Gebieten die Gefahr eines sich weiter verschlechternden sozialen Klimas.

          Außenpolitisch sind zudem die EU-Beitrittsverhandlungen suspendiert, da die türkische Regierung den freien Zugang zypriotischer Schiffe und Flugzeuge zur Türkei nicht zusichern möchte. Solange daher die Vereinigung Zyperns nicht voranschreitet, dürfte es auch keine rasche Annäherung der Türkei an die EU geben. Und auch bei den Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds über eine Verlängerung des ausgelaufenen Beistandsabkommen kam es bisher noch nicht zu einem Durchbruch sondern vielmehr immer wieder zu Verzögerungen.

          Zinssenkungen und niedrige Bewertung helfen

          Doch alle diese Probleme haben die lokalen Finanzmärkte nicht vor einer erstaunlich positiven Entwicklung abgehalten. Die Lira präsentiert sich stabil zum Euro, die Rendite der Staatsanleihen ist auf ein historisches Tief gesunken und der Aktienmarkt liegt seit der Jahreswende dicke im Plus. Im zweiten Quartal stieg der ISE National 100 Index gleich um 45 Prozent und damit noch stärker als der MSCI Emerging Markets Index, der es in diesem Zeitraum auf ein Plus von 35 Prozent gebracht hat. Und auch im Juli ist der Index bisher kaum von seinen Jahreshöchstständen abgerückt, obwohl sich ansonsten an den meisten anderen Weltbörsen stärkere Konsolidierungstendenzen breit gemacht haben.

          Als einer der wichtigsten Kurstreiber haben sich die fallenden Inflationsraten und der dadurch ermöglichte expansive geldpolitische Kurs erwiesen. Die Zentralbank hat Mitte Juni den Leitzins um weitere 50 Basispunkte auf ein Rekordtief von 8,75 Prozent beim Einlagensatz für Tagesgeld gesenkt. Damit haben die Verantwortlichen den Zinssatz seit November drastisch um 800 Basispunkte zurückgeschleust. Ermöglicht wurde dieses aggressive Vorgehen durch eine Inflationsrate, die im Mai mit 5,2 Prozent auf das niedrigste Niveau seit 39 Jahren gefallen ist. Im Mai ist die Teuerungsrate zwar wieder auf 5,7 Prozent gestiegen, doch auch weil dies noch immer unter dem Zielwert der Notenbank von 7,5 Prozent für das Jahr 2009 liegt, rechnen Experten damit, dass die Leitzinsen bei der nächsten Sitzung am 17. Juli ein weiteres Mal gesenkt werden.

          Ein Vorteil verglichen mit vielen anderen Ländern stellte auch das krisenerprobte und relativ solide mit Kapital ausgestattete Bankensystem dar. Ein weiteres Pfund, mit dem der Markt bisher wuchern konnte, war außerdem eine relativ moderate Bewertung. Auf Basis der für die kommenden zwölf Monate erwarteten Gewinne beziffert der Broker IS Investment das Kurs-Gewinn-Verhältnis der hausintern beobachteten türkischen Aktien auf 9,5. Und auf Basis der für 2010 erwarteten Gewinne wird das Kurs-Gewinn-Verhältnis sogar nur auf 8,0 veranschlagt. Das liegt rund 25 Prozent unter dem historischen Durchschnittswert und das kann als günstig bewertet werden, auch wenn zu berücksichtigen ist, dass die Risiken von den Marktteilnehmern noch immer als relativ hoch eingeschätzt werden.

          IWF-Abkommen wäre eine wichtige Stütze

          Doch die Türkei, die sich in diesem Jahr über ein deutlich fallendes Leistungsbilanzdefizit freuen kann, hat es selbst in der Hand, die Risiken zu minimieren. Dazu müsste nur endlich ein Abkommen mit dem Internationalen Währungsfonds abgeschlossen werden. Wäre das doch ein wichtiger Schritt nach vorne, um das Vertrauen der internationalen Investoren und Gläubiger zu stärken. Und erfreulicherweise haben sich die Chancen auf einen neuen Beistandskredit zuletzt erhöht, nachdem Premierminister Erdogan eine Kehrtwende vollzogen hat und sich nun selbst dafür ausspricht, spätestens bis Ende September zu einer Lösung zu kommen.

          Sollte es tatsächlich dazu kommen, wäre dies sicherlich eine wichtige Stütze für die lokalen Finanzmärkte. Die Chancen auf einen weiteren Abbau des bestehenden Bewertungsabschlages wären dann gegeben. Damit dies tatsächlich gelingt, ist die exportabhängige Türkei aber auch auf ein Anspringen der Weltwirtschaft angewiesen. Denn nur so wird es möglich sein, die Kontraktion des Bruttoinlandsproduktes in diesem Jahr auf 4,5 Prozent zu begrenzen und im nächsten Jahr schon wieder auf ein Plus von drei Prozent umzuschwenken, erlärt IS Investment.

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