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Krise in der Türkei : Alles besser mit dem neuen Notenbankchef?

Naci Agbal, ehemals Finanzminister der Türkei, gilt als Vertrauter von Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Bild: Reuters

Mitten in einer grassierenden Währungskrise tauscht der türkische Präsident den Vorsitzenden der Notenbank aus. Der Neue ist ein enger Weggefährte Erdogans. Bekommt Naci Agbal die Krise in den Griff? Bankanalysten sind skeptisch.

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          Im Sommer hatte es ein paar Wochen lang so ausgesehen, als könne die türkische Zentralbank sich dem Verfall der Landeswährung erfolgreich entgegenstemmen. Doch seit August kennt der Kurs der Lira nur eine Richtung, nach unten. Ende voriger Woche kostete der Euro erstmals mehr als 10 Lira, für den Dollar wurde im Devisenhandel die Rekordsumme von 8,58 verlangt. Türkische Wechselstuben, mit deren Hilfe Bürger versuchen, ihr Geld in einen sicheren Hafen ausländischer Devisen wie Euro oder Dollar zu retten, verlangten noch mehr.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Am Samstag wollte Präsident Recep Tayyip Erdogan dem fortwährenden Wertverfall der Lira von mehr als 30 Prozent allein in diesem Jahr nicht mehr weiter zusehen und entließ den erst vor 16 Monaten von ihm selbst eingesetzten Präsidenten der Zentralbank, Murat Uysal – ohne Begründung mit einer Notiz im Amtsblatt. Zu Uysals Nachfolger bestimmte Erdogan Naci Agbal. Der gefeuerte Uysal hatte präsidialen Weisungen entsprechend den Leitzins von 24 Prozent auf bis zu 8,25 Prozent heruntergefahren, unter dem Druck der Inflation und Währungsspekulation zuletzt allerdings wieder erhöht.

          Das schmeckte Erdogan, der sich in einem „Wirtschaftskrieg“ wähnt wenig. Sein Finanzminister und Schwiegersohn Berat Albayrak hatte Zinserhöhungen vor wenigen Tagen noch als Fehler dargestellt, weil höhere Zinsen den Wirtschaftsaufschwung gefährdeten.

          Enger Vertrauter und Finanzfachmann

          Agbal ist der vierte Vorsitzende der Notenbank binnen 5 Jahren. Wer ist der Mann, der die von einer mit zweistelligen Raten wachsenden Geldentwertung befeuerte internationalen Vertrauenskrise in die Lira beenden soll, die Erdogan innenpolitisch in Gefahr bringt?

          Zunächst ist Agbal ein enger Weggefährte Erdogans. Der 52 Jahre alte Verwaltungsfachmann hat ihm schon als Finanzminister gedient und seit 2018 als Vorsitzender der Präsidialdirektion für Strategie und Haushalt. Er ist Abgeordneter der Regierungspartei AKP, deren stellvertretenden Vorsitzender er 2015 wurde, kurz bevor er das Finanzressort übernahm.

          Agbal hat an der Universität Istanbul studiert und dort 1989 ein Abschluss in öffentlicher Verwaltung erzielt. 1993 wurde er Wirtschaftsprüfer, 1998 schloss er sein MBA an der University of Exeter ab. Dem folgte ein Engagement im Staatsdienst, 2009 wurde er Abteilungsleiter im Finanzministerium. Direkte Erfahrungen in der Notenbank hat er keine.

          Türkische Lira-Banknoten.
          Türkische Lira-Banknoten. : Bild: dpa

          Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert ranghohe Beamte, die auf Agbals Nähe zu Erdogan verweisen: „Die Geschwindigkeit, mit der er Erdogan erreichen kann, ist in dieser Zeit entscheidend. Er wird die Politiker in bestimmten Fragen überzeugen.“ Gelobt werden Agbals Arbeitsmoral, seine Erfahrung und Kenntnis der Märkte. „In diesem Sinne werden wir einen sehr starken Zentralbankgouverneur sehen“, wird ein türkischer Wirtschaftsbeamter zitiert.

          Die Agentur Bloomberg berichtet von Anzeichen dafür, dass Erdogan Agbal auf den Posten vorbereitet habe. Der erhalte seit mehr als einem Jahr routinemäßige Briefings über die Geldpolitik und die Auswirkungen auf die Haushaltsdisziplin, sagten demnach Regierungsbeamte, der seit Jahren mit ihm zusammenarbeiten.

          Kritik an fehlender Unabhängigkeit

          Analysten äußerten sich dagegen eher skeptisch. Der Personalwechsel belege abermals die fehlende Unabhängigkeit der Zentralbank, insbesondere seitdem Erdogan mit der Verfassungsreform 2018 Einfluss auf die geldpolitische Steuerung genommen habe, sagte Dennis Shen, Direktor der Berliner Ratingagentur Scope der F.A.Z. Es sei besorgniserregend, dass Uysal nicht gefeuert worden sei, „weil er zu wenig tat, sondern weil er zu viel tat, um die Geldpolitik zu straffen.“ Zuletzt hatte er die Leitzinsen um 2 Prozentpunkte auf 10,25 Prozent erhöht, Zinserhöhungen „durch die Hintertüre“ für die kurzfristige Geldbeschaffung der Banken veranlasst und die Inflationserwartungen auf das vom Mark antizipierte Maß von 12 Prozent in diesem Jahr angehoben.

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