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Krim-Krise : Die Ukraine macht Anlegern Sorgen

Bilder von vermummten Soldaten auf der Krim lassen die Börse einbrechen Bild: dpa

Vor allem von steigenden Rohstoffpreisen gehen Gefahren für die Anleger aus. Wie können sie ihr Geld am besten schützen?

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          Der erste Schock war kurz. Dramatische Bilder von Soldaten mit vermummten Gesichtern und geschulterten Waffen auf der Krim ließen vergangenen Montag die Börsen einbrechen. Nicht nur russische Aktien und der Rubel verloren, auch Dax und Dow Jones. Die Anleger wollten nur noch Gold.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Schon am Dienstag jedoch erholten sich die Märkte ein wenig, als Wladimir Putin erklärte, eine Militärintervention sei „derzeit nicht notwendig“. Seither bewegen sie sich mit auffällig viel Nervosität. Die große Frage für Anleger ist nun: Müssen sie sich, jenseits aller Befürchtungen um den Frieden und das Wohl der Menschen, wegen der Krim-Krise auch Sorgen um ihr Geld machen?

          Wenn es zu einem großen bewaffneten Konflikt kommt, wären die Auswirkungen sicher schrecklich und unabsehbar. Bislang jedoch sind die unmittelbaren Folgen für deutsche Anleger überschaubar. Russische oder ukrainische Aktien hat hierzulande kaum jemand. „Je nach Risikoappetit können Mutige die Situation aber zum Kaufen nutzen“, meint Anja Hochberg, Chef-Anlagestrategin der Credit Suisse für Europa und die Schweiz. Gasprom, die wohl bekannteste russische Aktie, hat in den vergangenen Tagen bereits kräftige Kursverluste hinnehmen müssen.

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          Immer noch aber sind die Analysten eher skeptisch: „Wir haben Gasprom von ,Kaufen‘ auf ,Halten‘ herabgestuft“, sagt Hochberg. Zu unabsehbar seien die Folgen der Krise für Gasabsatz und Gewinne. Ähnlich unter Druck sind die Aktien russischer Banken: „Russische Banken haben nach dem Stand unserer Informationen ein Engagement in der Ukraine von etwa 28 Milliarden Dollar. Das könnte Anlass zur Vorsicht geben.“ Allerdings sei unklar, inwieweit die russische Regierung bei Ausfällen der Banken einspringen werde. Wichtiger für Anleger dürften aber ohnehin die indirekten Folgen der Krise sein.

          Erste Gefahr: Ansteckungseffekte

          „Die größte Gefahr sind Ansteckungseffekte über die Rohstoffpreise“, sagt Klaus-Jürgen Gern, Osteuropa-Experte im Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Öl und Gas aus Russland seien für Europa, insbesondere auch für Deutschland, sehr wichtig. Wenn durch den Konflikt die Weltmarktpreise deutlich steigen sollten, könnte das die Konjunktur in vielen Teilen der Welt beeinträchtigen.

          Im schlimmsten Fall könnte das die derzeit optimistische Entwicklung der Aktienmärkte insgesamt umkehren. Die meisten Experten halten dieses Szenario allerdings für noch nicht sehr wahrscheinlich. „Es wäre übertrieben, sich auf eine Krise der Weltwirtschaft einzustellen“, meint zumindest Bernd Meyer, Anlagestratege und „Head of Cross Asset Strategie“ der Commerzbank.

          Zweite Gefahr: Die Ukraine wird zahlungsunfähig

          Gefahren könnten für Anleger auch entstehen, wenn die Ukraine formell zahlungsunfähig wird, Banken und Gläubiger Verluste wegstecken müssen und diese schlechten Erfahrungen womöglich auf andere Schuldenstaaten übertragen. „Ein Zahlungsausfall der Ukraine selbst ist nicht unwahrscheinlich“, sagt Anlagestratege Bernd Meyer. Die sogenannte Schuldentragfähigkeit sei durch die Abwertung der Währung Griwna stark gesunken.

          Die ausstehenden Fremdwährungsschulden der privaten Unternehmen lägen bei etwa 100 Milliarden Dollar, die des öffentlichen Sektors bei mehr als 30 Milliarden Dollar. Mit der Währungsabwertung hätten öffentliche wie private Schuldner ein Problem, die in Dollar notierten Anleihen noch zurückzuzahlen. „Ob die Hilfen von IWF und EU ausreichen, ist noch nicht abzusehen“, sagt Meyer. Es sei aber zumindest nicht auszuschließen, dass es im Zuge der Restrukturierung der Schulden zu einem sogenannten Haircut komme, bei dem Gläubiger auf ihr Geld verzichten müssen. „Das könnte eine Belastung auch für Anleihen anderer Schwellenländer darstellen.“

          Dritte Gefahr: Ansteckung von Schwellenländern

          Insbesondere um Anleihen von solchen Schwellenländern, die ohnehin wackelig dastehen, sollten Anleger lieber einen Bogen machen, meint Anlageexpertin Hochberg: „Anleihen aus den ,fragilen Fünf‘ (Indien, Indonesien, Brasilien, Südafrika und Türkei) sollte man meiden. Hier sind psychologische Ansteckungseffekte der Krim-Krise zumindest nicht auszuschließen.“

          Anders scheint es mit den Staatsanleihen Südeuropas zu sein. Prinzipiell könnte man zwar meinen, dass auch Anleihen der Euro-Krisenstaaten leiden, wenn Investoren sich jetzt alle Schuldnerstaaten besonders kritisch anschauen. Das Gegenteil war aber vergangene Woche der Fall, wie Ökonom Gern hervorhebt. Spanische und italienische Staatsanleihen profitierten sogar, ihre Kurse stiegen. „Wem Schwellenländeranleihen grundsätzlich zu riskant und deutsche Bundesanleihen zu teuer sind, der kann auf spanische und italienische Staatsanleihen ausweichen“, meint Anlageexpertin Hochberg. „Bei denen gibt es zumindest noch etwas Zinsen – und die Ansteckungsgefahr ist geringer als bei Schwellenländer-Anleihen.“

          Vierte Gefahr: Einbruch des Handels mit Russland

          Während die Ukraine selbst als Handelspartner für Europa nicht besonders ins Gewicht fällt, könnten Beeinträchtigungen der Wirtschaftsbeziehungen zu Russland erhebliche Folgen haben – über Öl und Gas hinaus. „Nur 0,5 Prozent aller deutschen Exporte gehen in die Ukraine, aber etwa 3,5 Prozent nach Russland“, sagt Ökonom Gern.

          Für Opel etwa ist Russland der drittwichtigste Absatzmarkt, aber auch Maschinen oder etwa Sportschuhe werden von deutschen Unternehmen in Russland verkauft. Adidas etwa berichtete gerade, das Unternehmen erziele gut eine Milliarde Euro Umsatz in Russland. Am Donnerstag hatte die EU erste „weiche Sanktionen“ etwa für die künftige Visa-Vergabe beschlossen. Sie haben eher symbolischen Charakter. Gleichwohl drohte Russland mit Vergeltung.

          Fazit: So können Anleger ihr Geld schützen

          Als Rezept gegen die Risiken empfehlen die Anlageexperten nicht Gold oder Ackerland, auch nicht den Schweizer Franken, der schon viel zu teuer sei. Sie raten vielmehr klassisch zu einer breiten Streuung der Anlagen. Wer sein Risiko reduzieren wolle, könne sein Portfolio gleichwohl nach bestimmten Kriterien durchkämmen, meint Hochberg: Wie stark ist man in Unternehmen investiert, die sehr von Öl- und Gaspreisen abhängen oder viel Geschäft in Russland machen?

          Unter den europäischen Banken sei die französische Société Générale am stärksten in Russland engagiert. Weitere Aktien, die unter einer Verschärfung der Krise leiden könnten, seien etwa BASF, Eon, Danone und Unicredit. Insgesamt warnen zwar die meisten Experten von der Deutschen Bank über die Helaba bis zur Commerzbank, dass man sehr genau auf Ansteckungsrisiken im heiß gelaufenen Aktienmarkt achten solle. Eine grundsätzlich negative Haltung gegenüber Aktien wird daraus aber noch nicht abgeleitet.

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