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Kreditwürdigkeit : Nach dem Auslandsjob auf Ramsch-Status

Schafft offenbar nicht nur Vertrauen: Schufa Bild:

Das System Schufa funktioniert zuverlässig: In Deutschland fallen unterdurchschnittlich wenig Kredite aus. Doch unterdurchschnittlich ist auch die Bewertung des Beamten Thomas Szewczyk - zu Unrecht?

          Jeder, der in einer Bank arbeitet und dort mit Kunden, Konten oder Krediten zu tun hat weiß: Ohne Schufa-Auskunft geht nichts. Jeder, der einen Ratenkauf tätigen möchte, ein Darlehen haben will oder eine Kreditkarte weiß: Ohne Schufa-Auskunft geht nichts. Die Schutzgemeinschaft ist die Informationsquelle im Kreditgeschäft, ihr Bestand umfasst 462 Millionen Datensätze von 66 Millionen Bürgern, und ihr System funktioniert offenbar recht zuverlässig, denn in Deutschland liegt die Kreditausfallqoute von Privatkrediten bei unterdurchschnittlichen 3 Prozent. Thomas Szewczyk aber hat den Glauben an die Schufa verloren. Sein Fall dürfte kein Einzelfall sein und die Schufa womöglich zu einer Korrektur ihrer Art der Datenerhebung veranlassen.

          Holger  Appel

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

          Zur Kreditwürdigkeitseinstufung ermittelt die Schufa eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, die sich letztlich in Scoring-Punkten ausdrückt. Solch einen Schufa-Score gibt es etwa für anfragende Banken, für Telekommunikationsunternehmen, für das Hypothekengeschäft oder den Versandhandel. Szewczyk ist Beamter auf Lebenszeit, er hat mithin ein gutes und stabiles Einkommen, sein Arbeitgeber ist die krisenfeste Deutsche Bundesbank. Er nimmt nach eigenen Angaben keinen Kredit in Anspruch, hatte nie eine Störung in der Rückzahlung eines Kredits, hat vor Jahren eine Hypothek ordnungsgemäß zurückgeführt. Sein Girokonto ist nicht überzogen und auf seinem Festgeldkonto liegt eine erkleckliche Summe. Urteil der Schufa: „83,99 Prozent Erfüllungswahrscheinlichkeit = Deutlich erhöhtes bis hohes Risiko.“

          „Derzeit leider keine Erweiterung Ihres Limits“

          Dass Szewczyk davon erfährt, ist eher Zufall. Im Frühjahr 2010 will er bei der ING Diba, wo er seit Jahren ein Festgeldkonto unterhält, zusätzlich ein Girokonto eröffnen. Er legt wie gefordert eine aktuelle Gehaltsabrechnung bei, doch der Antrag kommt zurück mit der Bitte um abermalige Ausfüllung. Wenige Tage später kommt der Antrag ein zweites Mal zurück mit der Bitte um Einreichung einer Gehaltsabrechnung. Da platzt Szewczyk der Kragen, er zieht den Antrag auf Eröffnung des Girokontos zurück und löst gleichzeitig sein Festgeldkonto auf. Die ING Diba schreibt ihm daraufhin: „Sie haben uns mitgeteilt, dass Sie an dem beantragten Produkt nicht mehr interessiert sind. Wir haben Ihren Antrag daher wunschgemäß storniert“.

          Etwa zur gleichen Zeit bittet Szewczyk Lufthansa Miles & More, auf seiner goldenen Vielflieger-Karte eine Kreditlinie von 2500 Euro einzurichten. Miles & More teilt ihm mit: „Die von Ihrer Bank angeforderte Bonitätsauskunft ermöglicht uns derzeit leider keine Erweiterung Ihres Limits“.

          Die Schufa möchte beruhigen

          Szewczyk wird misstrauisch und führt seither einen Papierkrieg mit der Schufa, der schon einen halben Ordner füllt. „Unsere Branchenscores setzen sich aus der statistischen Auswertung gleicher oder ähnlicher Datensätze zusammen. Dazu werden die Erfahrungen aus Millionen gespeicherter anonymisierter Kreditverträge analysiert und für die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten verwendet“, versucht die Schufa eine Begründung. Und weiter: „Sollten Sie noch Bedenken über die Aussagekraft und die Richtigkeit des Scoring-Verfahrens haben, möchten wir Sie beruhigen. Die Verfahren werden regelmäßig von externen Stellen untersucht“.

          Und wie Szewczyk Bedenken hat. Auf seine Intervention hin hat die Schufa immerhin „nach Prüfung des Vorgangs Angaben zu grundpfandrechtlich gesicherten Krediten entfernt“. Viel genützt hat ihm das nicht. Sein Scoring wurde von 83,99 Prozent auf 89,75 Prozent angehoben. Im Urteil der Schufa bedeutet das unverändert „deutlich erhöhtes bis hohes Risiko“.

          Diba: „Unglückliche Verkettung technischer und menschlicher Fehler“

          Nun scheint sich herauszuschälen, was Szewczyks Fehler ist: Er war einige Zeit beruflich im Ausland. Drei Jahre lang hat er für die Bundesbank bei der deutschen Botschaft in der Heimat seiner Urgroßeltern Polen gearbeitet. „Nach meiner Ansicht ist das nicht gerade eine Tätigkeit, die ein besonderes Kreditrisiko begründet,“ sagt er ironisch.

          Hier wird es für die Schufa schwierig und für alle, die zeitweise im Ausland tätig sind, brisant. „Wenn jemand im Ausland lebt, fehlt bei uns dieser Teil der Kredithistorie. Das schlägt sich im Scoring nieder. Die Amerikaner etwa verfahren nicht anders. Dass das im Einzelfall unglücklich sein kann, mag sein“, sagt Schufa-Sprecher Christian Seidenabel. Ob die Schufa dann angesichts eines globalen Arbeitsmarktes nicht ihr System ändern müsse, etwa durch Berücksichtigung überprüfter, von Personen selbständig gemeldeter Daten? „Wir arbeiten ständig an Verbesserungen. Statistisch ist es aber so, dass unsere Erfassung sehr gute Werte liefert“, sagt der Sprecher. Im übrigen seien die Banken verpflichtet, sich nicht allein auf die Schufa zu verlassen. Liege eine positive Gehaltsüberprüfung vor, sei der Schufa-Score untergeordnet. Insofern sei das Verhalten der ING Diba schwer nachvollziehbar.

          Dort will man vom Schwarzen Peter nichts wissen und teilt mit, die Schufa habe im konkreten Fall gar keine Rolle gespielt. „Erst konnte der Computer den Antrag nicht lesen, dann hat ein Mitarbeiter übersehen, dass schon ein Gehaltsauszug vorliegt. Es war eine unglückliche Verkettung technischer und menschlicher Fehler“, sagt ein ING Diba-Sprecher. „Herr Szewczyk hätte ohne Probleme ein Konto bei uns bekommen“. Herr Szewczyk hat seine Konten jetzt bei zwei anderen Banken und traut der Schufa nicht mehr über den Weg. „Die haben mich ohne Grund auf Ramsch-Status gesetzt.“

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