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Kreditvergabe : Die Pyramiden europäischer Banken

Kreditpyramiden fallen schneller um Bild: dapd

Europas Banken haben großzügigere Kredite vergeben als amerikanische Banken. Eine Reduzierung dieses Geschäfts bedroht auch Schwellenländer.

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          Eine massive Reduzierung des Kreditgeschäfts ist neben der Aufstockung des Eigenkapitals eine der Optionen für die europäischen Banken. Wie eine Ausarbeitung des Hedgefondsmanagers und Ökonomen Stephen Jen zeigt, sind die europäischen Banken bisher in der Kreditvergabe sehr viel großzügiger gewesen als ihre amerikanischen oder asiatischen Konkurrenten. Die freihändige Kreditvergabe war reizvoll in guten wirtschaftlichen Zeiten, wird aber wegen der mit den Krediten verbundenen Risiken zur Bürde in schlechten Zeiten.

          Jen hat errechnet, dass eine Übernahme der amerikanischen oder asiatischen Geschäftspraktiken durch die europäischen Banken einen Abbau des Kreditvolumens um rund 7 Billionen Dollar zur Folge hätte. Unter der plausiblen Annahme, dass Banken ihr Geschäft erst in der Ferne und nicht in der Heimat abbauen, bedeutete dies eine schwere Bürde für die Schwellenländer. Wie die Tabelle zeigt, sind die europäischen Banken in Schwellenländern sehr stark vertreten. So stammen 90 Prozent aller Auslandskredite in Osteuropa von westeuropäischen Banken. Europäische Banken stellen 63 Prozent aller Auslandskredite in Lateinamerika zur Verfügung und immerhin noch 46 Prozent in Asien und dem Pazifikraum.

          3 Billionen Dollar an Krediten

          Die Summe der von europäischen Banken an Kunden in den Schwellenländern vergebenen Kredite beläuft sich nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich auf rund 3 Billionen Dollar. Die erhebliche Bedeutung der europäischen Banken mag ein Grund sein, warum führende Schwellenländer darüber beraten, wie sie dem Euroraum finanziell zu Hilfe kommen könnten - sei es durch Käufe von Staatsanleihen aus Europa, sei es durch Hilfen über die Einschaltung des Internationalen Währungsfonds (IWF).

          Das Kriterium, an dem Jen die Großzügigkeit der Kreditvergabe bemisst, ist das Verhältnis von Krediten zu Kundeneinlagen in den Banken (siehe Grafik). Im Durchschnitt aller Banken entsprechen die Kredite 94,4 Prozent der Einlagen. Die restlichen 6 Prozent bestehen aus Anlagen wie Wertpapieren.

          Kundeneinlagen reichen nicht aus

          Bei den europäischen Banken machen die Kredite aber sogar 115,5 Prozent der Einlagen aus. Das heißt: Die Kundeneinlagen reichen zur Refinanzierung der vergebenen Kredite überhaupt nicht aus. Die europäischen Banken sind daher auf zusätzliche Refinanzierungsquellen angewiesen. Dazu zählt unter anderem die Ausgabe kurzfristiger Wertpapiere an Geldmarktfonds oder Unternehmen, die in den vergangenen Jahren sehr stark zugenommen hatte. Das Problem europäischer Banken besteht nun darin, dass es ihnen in der Krise am Markt schwerer fällt, sich diese kurzfristigen Mittel zu beschaffen. Es erstaunt nicht, dass gerade die belgisch-französische Dexia in unüberwindliche Schwierigkeiten geriet: Ihr Verhältnis zwischen Krediten und Einlagen betrug mehr als 250 Prozent.

          Als besonders anfällig hat sich in der Krise der Zugang europäischer Banken zum Markt für kurzfristige Dollarfinanzierungen erwiesen, an dem europäische Banken seit vielen Jahren eine wichtige Rolle gespielt hatten. Denn die Refinanzierung der starken Kreditvergabe in Schwellenländern fand häufig nicht in Euro, sondern in Dollar statt.

          Mit der Rolle der europäischen Banken in den globalen Finanzströmen befasst sich in einer aktuellen Arbeit auch der Ökonom Hyun Song Shin (Princeton). Er konstatiert ebenfalls ein außergewöhnlich starkes Wachstum der Kreditvergabe europäischer Banken in den vergangenen zehn Jahren. Für ihn spielt die Einführung des Euro und die dadurch bewirkte Vergrößerung und Vertiefung der europäischen Kapitalmärkte hierfür eine wesentliche Rolle. Aber auch Shin konstatiert eine gewachsene internationale Bedeutung der europäischen Banken. Eine Reduzierung des zu großen Kreditvolumens („Deleveraging“) wird nach seiner Ansicht nicht nur wirtschaftliche Folgen für den Euroraum haben, sondern auch ernste Konsequenzen für Schwellenländer und Teile der amerikanischen Finanzindustrie.

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