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Kostenübernahme bei Depression : Kann Versicherung krank machen?

Erholsam, aber nicht wissenschaftlich fundiert? Ein Krankenversicherer bezweifelt die Heilungschancen im Allgäu. Bild: Stock4B

Eine Patientin wird depressiv und hofft auf Unterstützung ihres Krankenversicherers. Der hält sie hin und vertraut auf Gutachter. Die Behandlung zieht sich und wird immer teurer.

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          Die Aufnahme in die private Krankenversicherung hat Nina Schneider als einen Adelsschlag empfunden. „Ich lag über der Versicherungspflichtgrenze und wollte Komfort haben“, sagt sie. Das war in den neunziger Jahren, beruflich lief alles gut. Damals hätte sie noch nicht gedacht, dass sie einmal zu einem Fall werden würde, über den man in der Zeitung nur unter falschem Namen berichten würde. Und sie hätte nie gedacht, dass sich die Wahl für die private Versicherung negativ auf ihre Gesundheit auswirken könnte. „Ich war nie krank, deshalb habe ich einen Tarif mit hohem Selbstbehalt abgeschlossen, um Geld zu sparen“, sagt sie. Inzwischen hat sie Krankenkosten verursacht, die weit über diesen 3000 Euro Selbstbeteiligung liegen.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Nina Schneider leidet seit April 2014 an einer Depression. Als Selbständige hatte sie sich auf Online-Kommunikation spezialisiert. 2009 stieg sie bei einem Finanzdienstleistungs-Unternehmen ein. Sie baute das Controlling mit Hilfe einer selbstentwickelten Software auf, wurde angestellt und stieg zur Bereichsleiterin auf. „Stresssituationen war ich gewohnt.“ Doch dann passiert einiges auf einen Schlag: Ihr Unternehmen wird übernommen, sie muss Mitarbeitern die Kündigung mitteilen. Ihr Sohn bleibt sitzen, die Tochter wird mit Marihuana erwischt. „Alles allein wäre noch okay gewesen, aber in der Masse hat es mich doch getroffen“, sagt Schneider.

          Regelmäßig falsche Bewertungen

          Als sie das erste Mal nach Jahren wieder Urlaub nimmt, fällt sie in ein tiefes Loch, aus dem sie bis heute nicht herausgekommen ist. Zumindest aus ihrer Sicht hat ihr Krankenversicherer dazu einiges beigetragen. Im April 2014 merkt sie, dass sie nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehren kann. Eine psychosoziale Telefonberatung rät ihr, sich in eine Klinik einweisen zu lassen. Sechs Wochen lang erhält sie Lohnfortzahlungen. Danach wendet sie sich an die Hallesche, ihren Krankenversicherer, und beantragt Krankentagegeld. Eine Woche später wird sie zu einem Gutachter geschickt.

          Mit diesem Moment nimmt ihre Geschichte einen noch unerfreulicheren Verlauf. Sie schildert dem Gutachter, tagsüber nur noch apathisch auf dem Sofa zu sitzen und sich gerade noch aufraffen zu können, für ihre Kinder Mittagessen zu kochen. Liest man das Gutachten der Interdisziplinären Medizinischen Begutachtungen (IMB) in München, glaubt man, es mit einem quietschfidelen Menschen zu tun zu haben. Sie lese Zeitung und fahre ohne Probleme Auto, ist darin zu lesen.

          „Wir wählen Gutachter aus, die überwiegend für Gerichte tätig sind, weil wir keine Gefälligkeitsgutachten wollen“, sagt ein Sprecher der Halleschen. Die IMB seien zu 80 Prozent für Gerichte tätig und somit unabhängig. Das sieht der Berliner Rechtsanwalt Jörg Büchner anders. „Wir bearbeiten laufend rund 50 Akten, bei denen dieses Institut vertreten ist“, sagt der Fachanwalt für Versicherungsrecht. „Es ist für Versicherer tätig und setzt deren Interessen durch – in einer Weise, die wir nicht als seriös bezeichnen können.“ Regelmäßig würden unzutreffende Wertungen getroffen, sagt er. „Nur eine Handvoll Gutachter führt eigene Testungen durch und verlässt sich nicht allein auf die Eigenaussage des Patienten“, sagt dagegen der Unternehmenssprecher.

          Nach sieben Monaten bewegt sich die Versicherung

          Für Nina Schneider beginnt die Leidenszeit. Der Klinikaufenthalt wird verweigert. Der Allgemeinmediziner, den sie aufsucht, versäumt es, sie an einen Psychiater zu überweisen. Sie geht dennoch zu einem Psychiater. Die Behandlungskosten zahlt die Versicherung. Der Psychiater legt Widerspruch gegen das Gutachten ein. Wochen verstreichen. Gegenüber dem Krankenversicherer plädiert ihr Therapeut abermals für eine stationäre Aufnahme. „Die Frau ist schwer krank geworden und erwartete, dass ihr Schutz angeboten wird“, sagt Peter Wöhrlin, ihr Psychiater. „Stattdessen lebte sie in permanenter Angst, die sie traumatisierte. Genau das ist ihr Problem.“ Er spricht von einem außergewöhnlichen Fall. Doch nicht nur um die Klinikeinweisung muss Schneider kämpfen – auch ihr Krankentagegeld wird ausgesetzt. Ab Mitte Juni erhält sie kein Geld mehr. Weil sie einen großen Teil zum Familieneinkommen beiträgt, kann sie die Miete nicht zahlen, setzt Versicherungsbeiträge aus.

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