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EZB-Studie : Konsumschub aus Corona-Ersparnissen nicht überschätzen

Neue Studie: Die EZB hat sich mit den Ersparnissen in der Corona-Zeit beschäftigt. Bild: dpa

Wenn die Bürger jetzt wieder einkaufen und reisen können, dürften sie einen Teil ihrer Ersparnisse aus der Pandemie auf den Kopf hauen. Die EZB warnt aber, diesen Effekt für die Wirtschaft zu hoch einzuschätzen.

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          Die in der Corona-Pandemie angesammelten Ersparnisse von Haushalten im Euro-Raum werden nach einer Untersuchung der EZB dem Konsum voraussichtlich keinen großen Zusatzschub verleihen. „Insgesamt bleibt die Wahrscheinlichkeit einer sofortigen Wiedereinbringung der angesammelten überschüssigen Ersparnisse für künftige Konsumzwecke begrenzt“, schrieben Fachleute in einer am Montag veröffentlichten Untersuchung der Europäischen Zentralbank (EZB). Aus Umfrageindikatoren ließe sich kein Signal für einen derartigen Schub im kommenden Jahr ableiten.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Autoren erwähnten in ihrer Untersuchung unter anderem eine Umfrage der EU-Kommission, nach der Haushalte davon ausgingen, dass ihre Ausgaben für größere Anschaffungen wie Möbel oder Elektrogeräte in den nächsten zwölf Monaten mit denen von Anfang 2020 vergleichbar sein werden. Die Anschaffungspläne für ein Autos in den nächsten zwölf Monaten blieben sogar unter den Niveaus von vor der Virus-Krise. 

          Das ist auch deshalb relevant, weil die EZB im Blick behalten muss, wie stark das Wiederanspringen der Wirtschaft nach der Pandemie mit Inflation verbunden sein wird. 

          Rekord-Sparquote in Deutschland

          Der EZB-Untersuchung zufolge haben die Haushalte im Euro-Raum seit dem ersten Halbjahr 2020 deutlich mehr gespart. Seitdem lägen die Sparquoten auf einem höheren Niveau als vor der Pandemie. Dabei sei ein großer Teil der zusätzlichen Gelder in Form von Bankeinlagen angehäuft worden - auch die Kreditaufnahme sei geringer gewesen. Die Autoren verwiesen unter anderem auf die vielen Corona-Beschränkungen in den Ländern, wodurch Restaurant-Besuche, Konzerte und auch Reisen nicht mehr möglich waren.

          Der EZB-Studie zufolge haben vor allem Ältere und Haushalte mit höherem Einkommen zusätzliche Ersparnisse aufgebaut. Bei beiden Gruppen hätten Verluste bei den Arbeitseinkommen aufgrund der Pandemie keine große Rolle gespielt. Zudem konsumierten diese mehr Dienstleistungen, die von sozialen Beschränkungen getroffen wurden. Ihre verfügbaren Geldmittel seien außerdem weniger beschränkt. Die Autoren folgern daher: „Es kann erwartet werden dass das Ausmaß, in dem diese zusätzlichen Ersparnisse in Konsum ungewandelt werden, relativ niedrig sein wird.“

          2,8 Billionen Euro auf Girokonten

          Die Deutschen haben im Durchschnitt in den ersten drei Monaten dieses Jahres so viel von ihrem Einkommen gespart wie noch nie - zumindest seit diese Zahlen in dieser Abgrenzung erhoben werden. Das geht aus Daten hervor, die das Statistische Bundesamt unlängst vorgelegt hat. Demnach stieg die Sparquote der privaten Haushalte im ersten Quartal auf 23,2 Prozent. Das übertraf sogar noch jene 20,5 Prozent aus dem zweiten Quartal des vorigen Jahres aus dem ersten Lockdown. Im weiteren Jahresverlauf 2020 war die Sparquote dann gesunken, bevor sie jetzt wieder hochschnellte.

          Ein großer Teil der zusätzlichen Ersparnis in Deutschland lagert auf Tagesgeld- und Girokonten. Die Beträge dort hat die Bundesbank zuletzt mit 2,8 Billionen Euro beziffert.

          Untersuchungen haben gezeigt, dass unfreiwilliges Sparen durch die Corona-Beschränkungen der wichtigste Grund für die erhöhte Sparquote in der Pandemie war, weniger das Vorsichtssparen. Außerdem sparen vor allem ältere Menschen und Menschen mit höherem Einkommen in Corona-Zeiten relativ viel. Es wird damit gerechnet, dass nach der Pandemie Teile dieses Ersparten wieder ausgegeben werden und die Wirtschaft ankurbeln. In welchem Ausmaß das geschehen wird, ist allerdings unter Ökonomen umstritten. „Mit den Lockerungen des Lockdowns wird die Kombination aus einer soliden Einkommensentwicklung und einer geringeren Sparquote dem Konsum einen ordentlichen Impuls verleihen“, meinte Deka-Ökonom Andreas Scheuerle. „Allerdings könnte ein Teil davon infolge des ferienbedingten Reiseverkehrs ins Ausland getragen werden.“

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