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Sachverständiger Lars Feld : Das Konjunktur-V wird asymmetrisch

Lars Feld (Archivbild) Bild: Helmut Fricke

Trotz einiger Unsicherheiten wird sich die deutsche Konjunktur erholen, wenn auch langsamer als der Absturz war. Das meint der Vorsitzende des Sacherständigenrats und mahnt, den Strukturwandel nicht zu behindern.

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          Seit im Februar die Corona-Pandemie ausbrach, wird die Frage gestellt: Wann herrschen wieder normalere Verhältnisse, und wie werden diese aussehen? Einer, von dem man erwartet, dass er darauf mehr Antworten hat als andere, ist Lars Feld, Mitglied des Sachverständigenrats. Er sei verhalten optimistisch, sagt Feld im Gespräch mit der F.A.Z. „In unserer bislang letzten Prognose gehen wir von einem Schrumpfen der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr um 6,5 Prozent aus. Für das zweite Quartal lagen wir exakt richtig. Die Bundesregierung war zuletzt etwas positiver, das passt zwar zu den aktuellen Stimmungs- und Frühindikatoren. Trotzdem wäre ich angesichts der hohen Risiken vorsichtiger.“

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In Deutschland scheine man die Infektion ganz gut im Griff zu haben, aber beim Handelspartner Amerika schaue das ganz anders aus, auch etwa in Frankreich oder Spanien, und das könne stets auch Rückwirkungen haben. Und dennoch werde die Entwicklung der Wirtschaft die oft beschworene V-förmige Entwicklung mit einer raschen Erholung nach einem starken Absturz nehmen. „Das gebietet allein schon die Logik. Die Umsatzeinbrüche etwa in der Gastronomie, aber auch im Verarbeitenden Gewerbe durch den Lockdown waren immens. Selbst wenn wir das Ausgangsniveau noch nicht wieder erreicht haben, hat allein die Wiederaufnahme des Betriebs doch zu einem starken Anstieg geführt.“ Wie ein gedrucktes „V“ werde die Entwicklung nicht aussehen, eher asymmetrisch, mit einer weniger steilen Aufwärtsbewegung.

          Einbruch und Erholung seien an den Kapitalmärkten riesig gewesen, stimmt Carsten Roemheld zu. Der Kapitalmarktexperte der Fondsgesellschaft Fidelity sieht viele Anleger im Zwiespalt zwischen hohen Aktienkursen und starkem wirtschaftlichen Einbruch gefangen. „Das Bewertungsniveau ist schon eine starke Durchschau auf die kommenden zwei Jahre. Aber wir beobachten derzeit, dass einige unserer institutionellen Kunden die Risiken verringern.“ Zum einen täten sie dies, weil die Erholung schwächer ausfallen könnte als erwartet, zum anderen aber auch etwa weil der amerikanisch-chinesische Konflikt wieder aufgeflammt sei. Dieser werde an Schärfe eher zunehmen.

          „Strukturbereinigung nicht verhindern“

          Während sich Feld mit Blick auf den Konjunkturverlauf vergleichsweise sicher ist, zeigt er sich hinsichtlich der strukturellen Effekte zurückhaltender. „Dies ist keine monetär bedingte Rezession, wie wir sie gewohnt sind. Sie ist viel eher vergleichbar mit dem Effekt einer Naturkatastrophe, die einen gewaltigen Schock verursacht, vor allem für die Produktivität. Aber die Natur dieser Rezession wird man noch genauer analysieren müssen.“ Man müsse unterscheiden. Einmal gebe es die normale Bereinigungskrise, die darbende Unternehmen vom Markt nehme. „Es ist sicher schwer zu vermitteln, dass ein Unternehmen, das gerade noch knapp in der Gewinnzone war, nun insolvent wird“, sagt Feld. „Aber man sollte die normale Strukturbereinigung nicht verhindern.“

          Dann gebe es krisenbedingte Veränderungen. Hinter einige Branchen könne man nun Fragezeichen setzen, etwa die Kreuzfahrt- und die Unterhaltungsindustrie oder das Gastgewerbe. „Auch hier muss man die Frage stellen: Wann schaffen wir es, Veränderung zuzulassen? Es ist unsicher, inwieweit und wie sich diese Branchen erholen werden. Das hängt in hohem Maß von unserem zukünftigen Umgang mit dem Virus ab.“ Zudem müsse man abwarten, ob Verhaltensänderungen nachhaltig seien: „Das Bedürfnis etwa, ein Konzert zu besuchen, ist ja noch da.“ Bei vielen europäischen Partnern stellten sich Strukturfragen noch viel stärker, etwa in Griechenland. Das habe sich vor der Pandemie mühsam erholt, sei mit dieser gut umgegangen und werde doch hart vom Ausbleiben von Touristen getroffen. „Das alles gipfelt am Ende in der Frage: Wie kann die Europäische Union widerstandsfähiger werden?“

          Sicherlich nicht, glaubt Feld, indem man verstärkt Produktion aus dem Ausland zurückholt. Natürlich habe sich in der Krise eine Verletzlichkeit der Wertschöpfungsketten gezeigt. „Aber deswegen ist es viel wichtiger, dass Unternehmen diversifizierte Quellen haben. Diese Aufgabe stellt sich nicht nur mit Blick auf Corona, sondern auch auf andere Herausforderungen wie den Klimawandel oder die Digitalisierung. Vielleicht kommt durch letztere sogar Produktion ins Inland zurück. Ich hoffe sehr, dass man wegen der Pandemie nicht die Globalisierung zurückdrehen will.“

          Im aktuell unsicheren Umfeld sei in der Vermögensanlage eine breite Diversifizierung wichtiger als je zuvor, meint Roemheld. Aktien blieben das Maß aller Dinge. Es sei aber wichtig, nicht allein auf Wachstumswerte zu setzen, es gebe Anzeichen für ein Comeback der Substanzwerte. An Anleihen hegt der Kapitalmarktexperte keine großen Erwartungen. „Das Renditepotential besonders von Staatsanleihen ist doch angesichts der bevorstehenden Emissionsflut gering. Im Rahmen einer diversifizierten Strategie können professionelle Anleger diese noch zur Risikosenkung einsetzen. Privatanlegern ist dagegen eher abzuraten.“

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