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Kommentar : Geprägte Freiheit

Lasst die Menschen zahlen, wie sie wollen! Dies möchte man allen Befürwortern einer Abschaffung des Bargeldes zurufen. Denn Bargeld ist geprägte Freiheit – und alle Argumente für ein Verbot haltlos.

          Lasst die Menschen zahlen, wie sie wollen! Dies möchte man allen Befürwortern einer Abschaffung des Bargeldes zurufen, in die sich nun auch der deutsche Ökonom Peter Bofinger eingereiht hat. Der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski schrieb im 19. Jahrhundert, Geld sei geprägte Freiheit. Daran hat sich im 21. Jahrhundert nichts geändert.

          Bargeld sichert Anonymität in einer Welt, in der die Vernetzung von Daten allgegenwärtig ist und der Bürger nicht darauf vertrauen kann, dass seine Daten nicht von Unbefugten, zum Beispiel ausländischen Nachrichtendiensten, abgeschöpft werden. Man muss nicht Anhänger obskurer Verschwörungstheorien sein, um Datensicherheit in unserer Welt zu hinterfragen. Die Verwendung von Bargeld ist ein Weg, einer gefürchteten Datenkrake zu entgehen. Wer diesen Weg wählen will, sollte weder automatisch kriminalisiert noch auf andere Weise benachteiligt werden.

          Alle vermeintlichen Argumente für ein Verbot des Bargeldes sind haltlos. Bargeld ist als Zahlungsmittel zu umständlich? Dieses Urteil sollte den Nutzern überlassen bleiben. In nordeuropäischen Ländern bevorzugen die meisten Menschen digitales Geld, in anderen Ländern, darunter in Deutschland, wird Bargeld nach wie vor geschätzt.

          Erleichtert Bargeld Verbrechen wie den Drogenhandel? Durchaus möglich, aber auch elektronisches Geld ermöglicht Missbrauch – und zwar von großen Beträgen mit einem Knopfdruck. Die Missbrauchsmöglichkeiten, die sich durch privates elektronisches Geld wie Bitcoins eröffnen, sind vermutlich noch gar nicht absehbar.

          Am erschütterndsten ist das Argument mancher Ökonomen, das Bargeld müsse verboten werden, um es der Geldpolitik zu ermöglichen, mit negativen Zinsen zu arbeiten. Die Idee ist, dass die Menschen dann negativen Zinsen auf ihren Konten nicht mehr durch den Tausch von Guthaben in Bargeld ausweichen können. Es existieren theoretische Modelle, aus denen sich solche Folgerungen ableiten lassen. Aber dies sind Modelle von Ökonomen, die Wirtschaftspolitik als technokratische Übung verstehen, und in diesen Modellen verhalten sich Menschen wie Roboter.

          Die Zahl der Menschen, die digital zahlen, nimmt zu. Es kann durchaus sein, dass eines Tages Bargeld nur noch im Museum zu besichtigen sein wird. Aber der eventuelle Tod des Bargeldes sollte der Endpunkt einer freiwilligen Entwicklung sein und nicht das Ergebnis eines Federstrichs durch den Gesetzgeber.

          Gerald Braunberger

          Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für den Finanzmarkt.

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